Pferdefleisch

Der Weg, der mir nicht erlaubt, schnell zu sein, der mich hemmt, seine Qualität gewinnbringend einzusetzen ist die Herausforderung. Seine Steigung, das Wurzelwerk, die feuchten Laubflächen, die Pfützen und das Geröll, all das zwingt mich, wirklich langsam zu sein. Ich versuche, mit spitzem Fuß den Weg zu vereinnahmen, ihn mir einzuverleiben, wie eine Speise, mit spitzen Zählen gekostet, weil sie störrisch ist, wie ein Stück Pferdefleisch. Der Weg, der mir erlaubt schnell zu sein, warm und licht, grad und eben, verlässlich und weit, auf ihm versuche ich schnell zu werden. Beide Qualitäten sagen mir: Wie du es machst, ist es richtig!

Und darum laufe!

Die Ahnung

Auch wenn der Wunsch ihn zu verlassen wie ein feiner Ton immer mitschwingt, auf ihm sind vielleicht Erfolge errungen, Erkenntnisse gewonnen und die Gesundheit war wiedererlangt. Der vertraute Weg trägt ein Leben, drückt es aus, ist dieses Lebens Entsprechung. Der Weg, er ist im Tanze vermählt mit der Seele des Laufenden. So sehr Eins, und doch dieser Ton. Und nun also die Entscheidung, den Weg zu verlassen. Das Neue ruft. Der Ton war aus dem Geahnten, dem Unbewussten herausgetreten und zu dem Unüberhörbaren geworden. Und der erste Schritt auf dem neuen Weg ist getan. Tränenreich, voller Schmerzen. Dornig und auch Nesseln brennen an den Beinen. Und aus dem neuen, vielleicht steinigeren Weg, aus dem Pfad wird nun über die Gewöhnung ein neuer Weg. Was an Gefühlen gelingt mir hier auszudrücken? Was an Erkenntnissen ist hier zu gewinnen? Nur wenn ich Zugang erhalte zu dem Unausgedrückten, dem Unerhörten in mir, ist dieser Weg keine Kopie des zuvor beschrittenen. Nur das Neue ist das Neue. Das Neue ist immer auch mit der Mühsal verbunden und darin erkenntnisreich. Doch ein neuer Ton sich ganz fein in mir erhebt. Ist dies eine Kopie? Ist mein Weg der einem ineren Muster folgende? Bin ich wirklich in neue Regionen vorgedrungen? Oder sind dies nur mir selbst auferlegte Mühen, die ich benutze, um vor mir selbst auszuweichen? Um zu vermeiden mich mit mir selbst zu konfrontieren? Und Ich sehe dort ein Selbst vor mir. Eine Scheme auf dem Weg, auf die ich zulaufe, Schattenhaft und Licht zugleich. Durch diese Scheme hindurchzutreten, ich gekommen bin. Auf welchem Weg sie vor mir liegt – nur ich kann es wissen, doch niemals bevor ich einen Weg beschritten habe. Doch ich habe eine Ahnung. Nur ich kann erahnen, welche der Schemen auf welchem Weg vor mir liegt. Und wenn es etwas gäbe, welches falsch zu nennen wäre: Es wäre gegen die eigene Ahnung gegenanzulaufen.

Und darum laufe!

Wegmarke

Ein Baum aus einer den Weg säumenden Reihe von Eichen. Er wird in der leichten Biegung des Weges zu einer Wegmarke in der Entfernung. Der Baum liegt vor mir, in der Mitte des Weges. Er versperrt ihn geradezu. Auf ihn laufe ich zu, mein Ziel, vorläufig, jetzt. Und ich gelange näher. Schon bin ich da. Schon lass ich ihn zurück. Wegmarke reiht sich an Wegmarke. Hundert Jahre alte Eichen, eine nächste, eine folgende. Wegmarken zu finden, ist der Weg.

Und darum laufe!

Verletzung

Ich bin verletzt. Die Entzündung eines meiner Füße lässt jeden Schritt schmerzhaft werden. Und so verharre ich in meinem Leid. Ich schließe die Augen und nehme mir die Zeit, ich der ich jetzt laufen würde. Ich sende meinen Geist hinaus, den gewohnten Weg in dem Raum der Vorstellung zu beschreiten. Und es geht los: Die Treppe hinab, aus der Haustür heraus, auf den Gewegplatten zum Park. Dort laufe ich über den geschotterten Weg zur Wiese, diese diagonal gekreuzt. Die Füße werden nass vom Morgentau. Der Duft des Grases steigt in meine Nase. Die kühle Luft lässt mich frösteln und spornt mich, die Erwärmung von innen durch eine höhere Geschwindigkeit zu beschleunigen. Etwas dem Frösteln zu entgegnen. Mein Geist springt. Dieser Ort, diese Stelle des Weges zieht mich an, und schon bin ich dort. Sind alle Schritte ausgekostet bis hierhin? Sind alle möglichen Erfahrungen eingesammelt? Ich springe zurück zu diesem, zu jenem Ort, dann zu dem einen Schritt und zu einem folgenden. Der Blick, der strömende. Muster von feucht auf den Boden tapezierten Ahornblättern in Gelb und Grün. Runter an den Bach. Plätscherndes Wasser, Nebel sogar. Schwarzer Boden, Menschen, Passanten, Begegnungen. Ich grüße und werde gegrüßt. Der Raum ist geöffnet. Ich erstaune und lasse mich überraschen. Über allem liegt die heitere Stimmung derer, die im morgendlichen Wald Entspannung erfahren, all derer, die sich auflösen in den zu denkenden Gedanken. All derer, die Erlösung erfahren über Schritte und Atemzüge, schnelle und langsame. Ich gelange zum Anstieg. Ich ziehe mich an Bäumen empor, über Wurzeln den Abhang hinauf. Mein Atem geht tief und schnell. Das Blut pulsiert in meinem Hals, in meiner Stirn. Oben angekommen, erreiche ich den Ort, an dem ich manchmal brülle, so laut ich kann. So wie es manchmal sein muß. Und es geht weiter, immer weiter. In Eile bin ich nicht. Nie war ich in Eile, so tief hier im Wald. Ein Gefühl mich umhüllt. Langsam es sich annähert von allen Seiten gleichzeitig. Und nun steht es vor mir, so wie es zugleich in mir steht. So wie es mich umhüllt und zugleich ausfüllt: Was für eine Sehnsucht nach dem Leben! Ich empfinde eine tiefe Rührung, eine Traurigkeit geradezu. Was für eine tiefe Rührung, die ich empfinde. Sie umfast alles, vollständig und nichts an ihr ist Vorstellung. Sie ist ganz umfassend und real. Mit einem Mal durchströmt mich eine heitere, geradezu goldene Energie, freudig bis in meine Zehenspitzen hinein. Bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Zelle um Zele angestoßen und in den Strom aufgenommen. Ein, zwei Atemzüge gelingen mir. Wie nur könnte ich diese Rührung aufrechterhalten? Wie mag das gelingen? Ich weiß nur, einzig, dies alles, es beginnt mit dem Schließen der Augen.

Und darum laufe!

Golden

Am Wasser des Baches mich zu erfrischen, neige ich mich hinab. Eingehüllt von dem Rauschen des Wasserfalles an dieser Stelle, der Bach im Frühjahr prall gefüllt. Und ein wenig abseits der Kaskade ein seichter Tümpel, in dem der fortgespülte Sand aus dem fernen Gebirge sich abscheidet. Das klare Wasser gewährt mir einen Blick. Eine Wolke reißt auf und gibt den direkten Sonnenstrahl frei. In diesem klaren Tümpel springt mir ein Funkeln entgegen, es glitzert golden und gelblich, hundertfach aus dem reinen Sand heraus. Gold! Ausgewaschen und nach der langen Dürre so reichhaltig in dem Sediment vorhanden. Unter den hunderten der mich anglitzernden Lichtpunkte stechen zwei in ihrer Größe hervor. So groß sie sind, dass ich sie greifen kann. Und ich sehe und verstehe: Diesen oder jenen zu ergreifen, diese Wahl, jene Wahl zu treffen, es ist einerlei. Beide Wege sind golden, immer sind sie golden, dem, der des Spieles Wesen erahnt. Das Wesen des Spieles, in dem die Erfahrung der Ertrag ist. Keinen zu ergreifen, es ist undenkbar. Doch ist das alles innerlich, völlig innerlich. Meine Angst verflüchtigt sich für den Moment. Alles ist gut, alles wird gut und richtig sein. Weil so innerlich in völliger Klarheit ich mich befinde, mich entschieden habe und in voller Verantwortung die Konsequenzen tragen werde, weil das also völlig klar für mich ist, lasse ich alle beide dieser goldenen Tropfen in dem Sediment zurück. Wem noch könnten sie sich zeigen, sich offenbaren? Das zu verwehren, würde ich nicht wollen. Und so laufe ich weiter.

Und darum laufe!

Erosion

An dem Baum, an dem sich der Weg teilt, am Hang über dem Wasserfall, halte ich mich an seinen heraustehenden Wurzeln fest und eile über die ausgehöhlte Form aus Sand, Wurzeln und Steinen. Das sandige Erdreich ist hier ausgetreten und dann ausgespült, sodass der Baum den Anblick eines sich in den Hang krallenden Lebenwesens bietet.. Einmal wird er hinabstürzen. Meine Füße eilen geschwind über die Wurzelbarrieren und sie treten den Weg weiter aus mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt drücke ich das ihn haltende Erdreich ein wenig hinab. Ich muß mich hüten auf dem losen Untergrund nicht auszurutschen. Ich kann noch so behutsam sein und doch trage ich etwas von dem Hang ab. Ich kann nicht Nicht-Zerstören. So sehr ich mich auch mühen mag. Spuren von mir überall in diesem Wald. Doch es ist gut, so wie es ist. Es ist gut, so, wie es hier seinen Gang nimmt. Es gibt eine Art Einvernehmen zwischen dem Baum und mir. Ein Einvernehmen mit dem Regen zudem, der Witterung, dem Erdreich, der Landschaft, dem mich umgebenden Raum. Alles stellt sich hier in dieser momenthaften Form dar, nichts ist von Bestand. Alles fließt ineinander und erhebt sich erneut. Und ich denke: Was ist das, was mich ausspült, mich einmal stürzen lässt, mir den Boden unter den Füßen rauben wird? Wo, in welcher Art und zwischen wem ist das Einvernehmen hierüber geschlossen?

Und darum laufe!