Endlichkeit

Das Versprechen, es ist, dass in dem Vertrauen darin, dass es eine Erlösung gibt, jetzt hier in diesem Moment die Angst sich löst. Die Angst vor dem Ungewissen, dem Unbekannten, dem Ungeahnten, dem Unausdrückbaren, dem Erschreckenden und darin wird die Erlösung wahr, hier und sofort. Die Erlösung, ihr entgegenzustreben, all die Mühsal und Schmerzen zurückzulassen, das ist doch nur natürlich und nachvollziehbar. Und so lebt ein Mensch unvernünftig, riskant, an den Grenzen des Seins, strebt den Gipfeln entgegen, taucht hinab in die Tiefen und riskiert die Bewusstlosigkeit. Doch all das, nicht ohne der Aufgabe zu begegnen, die dem Menschen aufgetragen war. Die Aufgabe zeigt sich deutlich, ganz besonders an den Grenzen, nahe der Bewusstlosigkeit und sie kann sein: Die Angst zu erfahren in all ihren Ausprägungen und in ihrer würgenden Kraft, die Einsamkeit zu erfahren, die Ausgestoßenheit. Die Aufgabe kann sein: zu erfahren, wie es sich anfühlt, verraten zu werden von dem Freund. Und in diesen Erfahrungen ist alles gut. Kein Mensch ist mit einem anderen vergleichbar, keine Aufgabe gleicht einer anderen. Fern einer Bewertung. Nur der Mensch sebst mag bedenken und zurückschauen und für sich den Frieden oder den Unfrieden mit sich selbst finden. Doch zuvor sieht dieser Mensch vielleicht, wie er seinen Körper verlässt, auf einer Wiese, an einem Wegesrand. Er sieht, wie er sich also ausruht, sich ein wenig niederlegt, in Sportkleidung. Er sieht, wie er seine Füße ein wenig hochlegen möchte, um also aus sich selbst herauszutreten, unter dem Weidezaun sich hindurchzubücken, aufzusteigen, vielleicht 30 Meter, um auf sich selbst herabzublicken. Wie friedlich, wie geborgen, wie schön. Um dann zu verschwinden.

Und darum laufe!

Sonnensysteme

Und ich lasse mir erzählen: Es existieren vielleicht 700 Trillionen Sonnensysteme, die wie unseres Leben beherbergen könnten. Nur sind sie so weit entfernt, dass eine Reise, eine Begegnung, ein Austausch, Kommunikation zuwischen zwei Partnern, eine Antwort auf eine Frage oder auch nur eine Enttauschung über das Wesen des Fremden völlig unmöglich erscheint. Die Distanz ist zwar so groß, dass ich sie nur bestaunen kann, wie ein Absolutes geradezu, doch sie ist keine Mauer. Sie ist keine Barriere. Das Wesen einer Barriere ist dem Wesen der geradezu unendlich erscheinenden Entfernung völlig fremd. Die Distanz liegt vor mir in der Nacht im sternenklaren Himmel und ich betrachte unsere Milchstraße in ihrem weißen Band und ich nehme keine Barriere wahr. Das mögliche Andere und ich, wir sind nur räumlich voneinander weit entfernt und ich stelle mir vor, dass dort im Grunde nichts zwischen uns steht.

Und darum laufe!

In der Nacht

Ich versuche, das Universum zu verstehen. Die Vielzahl. Die Unendlichkeit. Ich versuche, all die Vorstellungen zu verstehen, dazu die Idee davon, dass all diese Vorstellungen wahr sind, oder auch nur die Möglichkeit, eine dieser Vorstellungen sei wahr. Ich finde Erkenntnisse und Beweise, um dem noch viel größeren gegenüberzustehen,. Diesem höheren und zugleich tieferen Prinzip. Wie schön, dass auf eine Vorstellung eine weitere folgt. Ganz sicher also ist dort die Vielzahl an Sternen in der Nacht, die Milchstrasse in ihrem Band, die sich über den Nachthimmel zieht. Ich bin also hierher gelangt, um ein Subjekt zu sein. In dieser tiefen Entfernung empfinde ich die Einsamkeit des betrachtendenden Menschen, des Menschen, der vollkommen getrennt sich wahrnimmt und etwas anderem gegenübersteht. Was für eine erstaunliche SItuation, in die ich hier hereingeraten bin. Ich möchte sie würdigen, so leidvoll sie von mir immer wieder empfunden ist. Was ist dieser eine Same, den ich aus dieser tief empfundenen Einsamkeit heraus gewinne? Er ist – und ihn einzupflanzen bin ich gekommen. Ihn zu pflegen, ihn zu behüten, ihn zu begiessen bin ich gekommen – der Same ist, gedacht zu werden von dem Universum, von der Vielzahl, von der Unendlichkeit gedacht zu werden. Der Same ist, erdacht zu sein, darin völliges Objekt. Dabei vollkommen verbunden zu sein, ein Teil des Geistes aus dem Geiste heraus. Ich selbst, eine Vorstellung zu sein dieses Geistes. Wie schön! Warum nur feiern wir nicht diesen Moment?

Und darum laufe!

Regenschirm

Es regnet in der Kühle des frühen Jahres. Und ich kleide mich so, dass die Regentropfen an mir abperlen. Ich kann mich lange Zeit bewegen unter den dunklen Wolken, ohne auszukühlen. Über mir Wolken, die sich stet und ergiebig abregnen. Streifen in Grau und Dunkelgrau. Ein mich schirmender Regen, denn kein Mensch begegnet mir. Alles ist weit entfernt. So weit, dass ich fühle, was es bedeutet, allein zu sein. Und dieses Fühlen, es ist überhaupt nicht leidvoll. Eine tiefe Geborgenheit darin. Ein mich schirmender Regen, denn meinem Gefühl, es entspricht der zum Boden geneigten Haltung, dem auf die Erde gewandten Blick, der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit. Ich atme aus und laufe in meine Atemwolke hinein. Immer wieder. Mehr ist es nicht. Der Wald ganz allein für mich, ich ganz allein für mich. Eine Sehnsucht erfüllt sich. Es rührt mich, zu bemerken, wie groß diese Sehnsucht war, wie lang sie wohl schon existierte. Es klart auf, die Sonne dringt hindurch. Wie schade, denke ich schon ist es wieder vorbei. Das Gefühl, noch ist es nicht völlig erlebt, erfahren.

Und darum laufe!

Ohne Absicht

Der riesende Schnee und ich verstehe Alles in der Tiefe der Erscheinung. Und es ist mir ganz deutlich in dem Kontrast der weißen Flocken, die vor dem Grün der Fichten tanzen. Eine jede Flocke ist zu erkennen. Ihre Bewegung ist ganz klar. Es ist klirrend kalt und auch das Feld der Flocken nehme ich wahr. In dem Feld der Flocken erkenne ich Strömungen und Richtungen. Bewegungen und Wirbel. Der Raum ist in seiner Tiefe geschichtet und der Abstand der einzelnen Flocken zueinander erscheint mir wie abgemessen. Und nun verstehe ich Nichts in dem Versuch, die Erscheinung zu beschreiben. Ich verstehe Nichts in dem Detail, welches in der Beschreibung kunstfertig formuliert ist oder auch nicht. Ich verstehe in dem Blicken und dem Stillewerden. Ein Moment ohne Absicht, reines Sein. Verzaubert, wie tot geradezu, eingefroren in dem Eispalast des offenen Schauens. Das Hingeben des Lebens an das Sein gelingt in diesem Palast. Mir ist garnicht kalt. Verzaubert bin ich. Ich erfahre, das Alles zu sein. Ich bin ein Teil des Spieles.

Und darum laufe!

Gebet

Wort und Gebet. Eine Formel. Eine Sammlung von Worten, aneinandergereiht. Ihre magische Kraft ist in dem Aussprechen entfesselt. Innerlich still oder laut ausgesprochen, beide Formen des Vortrags sind gleichermaßen wirksam. Vielleicht ist es nur ein Denken, doch bin ich fokussiert auf die Formel, auf die Sammlung von Worten, so wird aus dem Denken ein innerliches Sprechen. Ein Sprechen also. Ich spreche vor mir und vor etwas Anderem. Das Andere ist da, ganz unvermittelt mit der bewussten Entscheidung in diesem Moment, in dieser Haltung eine Formel zu sprechen. Sofort ist das Andere da. Es umgibt mich, so wie es in mir ist und mich ausfüllt. Ich bin durchlässig und empfangend, meine Haltung ist friedlich und voller Demut. So, als würde ich mich der Länge nach auf den Boden legen vor dem Anderen. Doch das Andere ermutigt mich ihm gegenüber zu sitzen, auf Augenhöhe. Und doch ist die demütige Haltung das Geschenk, welches ich mitbringe. Es ist das Opfer, welches in diesem Moment vollzogen ist, noch bevor überhaupt ein innerliches Wort gesprochen ist. Ich liege zu Füßen und sitze gegenüber auf Augenhöhe, zu gleicher Zeit. In Vertrautheit, in Freundlichkeit. Ich empfange Geborgenheit und ich gewähre Trost. Ich nehme in den Arm und werde gehalten. Nun bilden sich Worte und Sätze. Worte wie Perlen an einer Kette, die durch meine Fingerspitzen gleitet. Ein langer Satz zur Eröffnung. Er ist die Begrüßung. Dann die Fürbitte und all die Namen der Menschen, mit denen ich verbunden bin. Dann ein in noch längerer Satz, geteilt in Hauptsatz und Nebensatz. In ihm Bedingungen und Beziehungen. Dann eine Formel. Und ich wiederhole diese Formel sieben Mal. Dann ein Satz der Verbundenheit: Sechs Worte. Dann ein Satz der Übereinstimmung: Vier Worte. Dann die große Magie: Zwei Worte. Und alles gelangt herab zu einem Punkt, als wäre dies alles sanft geführt an der Innenseite eines großen Trichters entlang hierher. Ein Wort: Ich!

Und darum laufe!

Feindlichkeit

Fixationen und Saccaden. So wie im Leseprozess mein Auge springt von Punkt zu Punkt, von Buchstabe zu Buchstabe und darin sich mögliche Sinnzusammenhänge auffächern, so springt das Auge zurück und eine Eindeutigkeit entsteht. Die eine Aussage. Sie ist auf dem Wege des Ausschliessens errungen. Das Erlaufen von Bedeutung durch meine Augen auf den Zeilen. Fixationen als Punkte größter Schärfe, um die herum unscharfe Bereiche mich erahnen lassen: Wortlänge und Wortbild, dann die Zeile an sich und den Beginn der nächsten Zeile, zu der ich springen werde. Wir wissen nicht, was vorgeht in diesem Sprung von vielleicht acht Zentimetern, gemessen an dem Schärfepunkt auf dem Blatt Papier in dem ideal gesetzten Buch. Dieser Zeilensprung, ein Wunder, dass er keine Unterbrechung in dem Fluss der Gedanken darstellt. Und nun stelle ich mir vor, die Natur zu lesen, das Belebte, mich Umgebende, den Urwald, das fleischlich feucht Schmatzende, das einander Aussaugende, einander Verzehrende, das sich Einverleibende, das Lauernde, sich anpassend in Form und Geschick. Lauernd, ein Jaguar, gemustertes Fell und diese tiefen hineinziehenden Augen. Furcht? Ganz sicher! Aber auch Vertrauen in das liebliche Blatt, in den einen Tropfen, der das Licht der Sonne hinauf in dein Auge bricht. Fixationen und Saccaden, Ruhepunkte und Sprünge der Blickbewegung. Sie waren, bevor Menschen über Mimik und Gesten zu Zeichen und Sprache fanden und schließlich zur Schrift. Sie formten die Schrift und nicht etwa bildete die Schrift aus, was in uns so unbewusst wie geheimnisvoll das Wesen des Lesevorgangs darstellt. Schärfe und Sprünge, Erkennen und Rücksprung, Entschlüsseln und dann wieder Entschlüsseln. Anzeichen und Deutung und Vergewisserung. Das Springen des Blickes auf die Erscheinungen der Umwelt und der Rücksprung, um sich zu vergewissern: Ist dort ein Tier, welches ich fürchte? Ist dort ein Tier, welches ich suche? Das, es ist in uns angelegt und darin sind wir, so wie ein Mensch vor Millionen von Jahren. Wir erschaffen in uns die Illusion eines scharfen Bildes der uns umgebenden Welt über die fixierten, scharf wahrgenommenen Punkte dort im Geäst, auf dem Boden, am Himmel. Und nun schließe ich die Augen und beobachte, wie meine Augäpfel unter den geschlossenen Augenlidern umher tanzen. Ich beobachte die Schlieren, die hin und her geschubst werden, an den Punkten leichter Helligkeit. Und ich versuche meine Augäpfel zur Ruhe kommen zu lassen. Ich Versuche sie zu entspannen. Ich versuche die jagende und befürchtende Anspannung in mir los zu lassen, oder sie zu besänftigen. Das angestrengt Lauernde ist ja ohne Wirkung, da die Augen geschlossen sind. Und so kann ich es doch sein lassen, die ganze Anspannung doch von mir lassen. Die Augen gerichtet auf die Dunkelheit vor mir, auf nichts fixiert und so blicken die Augen parallel, geradeaus auf das Nichts vor mir. Ein imaginäres Nichts, vielleicht fünf oder sieben Meter vor mir. Und da kein Angriff erfolgt, die Feindlichkeit der Welt nicht real wird, da ich gleichzeitig geradezu unsichtbar werde für die Gestalten des Urwaldes, ungenießbar werde für sie, als wäre mein Fleisch vergiftet für sie und damit unattraktiv geworden. Da also Zeit vergeht, ohne ein Ereignis, beginne ich zu vertrauen. Ich vertraue, wie ein Mensch vertraute vor Millionen von Jahren. Ich beginne mich frei zu fühlen. Eine Freiheit von ungeahnter Kraft, so liebevoll, geborgen. Es rührt mich, sein zu dürfen, dankbar bin ich. Einfach bin ich, unteilbar. Ich selbst bin ich. Die Feindlichkeit der Welt, sie kommt zur Ruhe.

Und darum laufe!

Farben

Ich bleibe stehen und schließe meine Augen. Ich drehe mich und wende mich der aufgehenden Sonne zu. 6000 Kelvin. Ich lasse mich vom Licht bescheinen und nehme die Wärme der Sonnenstrahlen auf. Ich bemerke, wie mein Körper in der Kälte des Morgens dampft. Mein Atem beruhigt sich, mein Pulsschlag entspannt sich und ich schaue mit geschlossenen Augen. Ich sehe Farben: Rosa, Violett, Gelb, auch Weiß. Ich sehe Orange, Dunkelrot, bläuliche Töne. Die Farben gehen ineinander über, sie verlaufen ineinander, versinken und erheben sich. Sie geben den Raum wieder für die folgende Farbe frei. Ich schaue mit geschlossenen Augen ohne zu fokussieren. Ein Farbenspiel, alles ist bewegt. Ein Meer an Farben. Meine Augen entspannen sich. Vielleicht, so denke ich, sind dies die Farben, die ein Embryo im Bauch seiner Mutter sehen mag.

Und darum laufe!