Edelsteine

Manchmal fallen mir Edelsteine in die Hand. Etwas gelingt, von dem ich zuvor nicht ahnte. Es gelingt aus dem Tun heraus, aus der Vertiefung in die Sache, die mich am meisten reizt. Und diese Edelsteine sind so wertvoll, dass ich sie nur herschenken kann. Einen Preis zu benennen, um einen Preis zu verhandeln, es würde ihre Würde antasten und so sind sie einfach fortgegeben und darin ist alles richtig. Es kann beim Laufen geschehen, in Form einer Erkenntnis. Es kann ebensogut bei einer Tätigkeit geschehen, der ich mich mit Hingabe widme. Etwas gelingt in dieser Disziplin und ich weiß um die Besonderheit dieses Moments, um die Besonderheit der Fähigkeit oder der Erkenntnis. Alles ist ganz leicht und einfach. Nur dorthin wo die Edelsteine vom Himmel fallen, dorthin muß ich mich erst einmal aufmachen. Ich muß mich bemühen, an diesen Ort zu gelangen. Und ich muß mich auch bemühen, die Hände geöffnet zu halten, um die Edelsteine aufzufangen. Ich kann sie auch auflesen von der Erde, doch auch das ist mit einer Mühe verbunden. Der Moment der Mühe kommt bestimmt und mein Eindruck ist, dass es sich lohnt die Mühe zu investieren. Regelmäßig, Konzentriert und Ernsthaft. Ich habe es erfahren, dass die Edelsteine herabregnen, direkt in meine Hand. Und ich erstaune immer wieder darüber, etwas zu vermögen, etwas zu beherrschen, was ich vor kurzeer Zeit noch für unerreichbar hielt.

Und darum laufe!

Geborgenheit

Es ist nicht so, dass dieses EIN Wald ist. Es ist nicht so, dass dies eine Form ist, die bevölkert und betreten ist von Wesen, die aus dem umliegenden Raum hereintreten. Vielmehr ist dies eine VIELZAHL von Wäldern, die unterschiedlich sind und dabei doch aus identischen Bestandteilen bestehen. Die Anzahl dieser Wälder ist so groß, wie die Anzahl der Menschen, die hereintreten. Und zudem, ganz sicher ist diese Anzahl nicht nur auf uns Menschen beschränkt, nur weil wir uns nicht die Mühe machen uns das über uns Hinausgehende vorzustellen. Pflanzen, Tiere und noch viel mehr. Die Anzahl der Wälder, ich stelle sie mir als unfassbar groß vor. Und dies hat nichts zu tun mit einer Wissenschaft der Erkenntnis, die etwas als radikal denkt. Es ist vielmehr so, dass es dort ein Gefühl gibt, welches einfach sofort da ist, wenn ich diesem Gedanken folge. Der Gedanke ist: Der wald ist sooft da, wie es Menschen gibt, die ihn betreten. Das Gefühl, dass aus diesem Gedanken heraus in mir entsteht, es ist ein Tor durch welches ich schreite und jetzt und sofort ist es nun der eine Wald, in dem ich mich bewege. Der eine Wald, und eine tiefe, wahre Geborgenheit umschließt mich vollends. Dies ist die von mir lang ersehnte Annahme durch die Welt. Es ist eine Verwirklichung meines Seins in diesem Moment der Übereinstimmung und der Harmonie.

Und darum laufe!

Ein Vogel

Ein Vogel des Frühlings, sein Gesang, den ich schon hundert Mal gehört habe. Ihn zu bestimmen, seinen Namen zu ermitteln, es könnte mir helfen, den Vogel zu benennen. Doch ich erkenne, wie sehr ich im Benennen hinter dem zurückbleibe, was der Gesang des Vogels mir zu verstehen anbietet. Viel mehr ist dort, als die Vereinbarung, die wir Menschen getroffen haben, dieses Wesen genau so zu benennen, wie wir es tun. Viel mehr ist dort in dem Gesang, was in mir eine Saite zum klingen bringt. Viel mehr an Empfindung, an Wahrheit, an Leben, zu dem ich über diesen Gesang finden mag. Eine ganze Welt tut sich auf, wenn ich nur ruhig werde und lausche.

Und darum laufe!

Schleifen

Ich laufe in Schleifen. Ein Weg, ein Gedanke, das Gefühl von Schuld und Scham, etwas, das mich nicht loslässt. Es kreist in mir, sodass es mir zu einem Ärgernis wird, welches ich nicht einfach abstreifen kann. Es ist ein Ärgernis, so sehr, dass ich kurz davor bin, den Lauf abzubrechen. Ich bin kurz davor, es sein zu lassen. Eine List kommt mir zuhilfe: Ich laufe ein Stück zurück auf meinem Weg, etwa so weit bis zu dem Ort, an dem ich begann mich zu ärgern. Oder sogar noch weiter zurück bis zu dem Ort, an dem ich begann über das nun erblühte Ärgernis nachzudenken. Dort angelangt, wechsele ich erneut die Richtung und nehme die zweite Chance, von diesem Knotenpunkt aus loszulaufen. Der Knotenpunkt, ist der Punkt, der mich am meisten interessiert. Hier wo der Faden, die Schnüre verknotet ist, wo sie fixiert ist, setze ich mit meiner Frage an. Ich verstehe, was es bedeuten würde, den Knoten zu lösen. Eine Schnur, die zuvor gebunden war, würde auf eine sehr viel größere Länge auseinandergezogen. Einem Quantensprung gleich, wäre von einem auf den anderen Moment ein Anfangspunkt von dem Zielpunkt abgerückt. Der Raum, der dazwischenläge wäre gewaltig erweitert. Es ist also kein mühsames sich annähern an Größe, Weite, Tiefe oder Bedeutung. Es ist da, in diesem Moment. Die Erkenntnis bricht ein in die Realität, wie ein Läufer auf dem Eis. Mich interessiert also diese Verknotung, die mich wiederholen lässt. Die mich daran hindert loszulassen und weiterzuziehen. Mich interessiert der Knoten mehr als alles Andere.

Und darum laufe!

Sucht

Warum läufst Du? Eine Stimme in mir klingt. Und ich antworte dieser Stimme unmittelbar: Ich laufe, weil ich süchtig bin. Ich bin ein Süchtiger, ein Abhängiger. Durch das Laufen erlange ich ein wenig Kontrolle über meine Sucht. Ich erlange Zugriff und kann das Drängen der Sucht für eine Weile bändigen. Ich bin süchtig nach Beziehungen zu Menschen, nach Begegnungen, nach Geborgenheit, nach der Abhängigkeit von Menschen. Ich bin abhängig von der Abhängigkeit. Das Laufen selbst ist keine Sucht. Es ist eine Form, in die die Sucht hineinzuflechten mir gelingt. Sodass sie mich nicht überwältigt. Es ist eine Form, mich zu distanzieren. Es ist eine Form, in die Ausgewogenheit zurückzufinden. Irgendwo, irgendwann ging die Ausgewogenheit verloren. Und ich laufe dabei, um einmal nicht mehr laufen zu müssen in dieser Bedingtheit. Ich laufe für den Moment der Freiheit, der ist, aus der Fülle der freien Wahl heraus, mich für das Laufen zu entscheiden. Mich für etwas zu entscheiden, weil es das ist, was mich am tiefsten befriedigt.

Und darum laufe!

Schönheit

Eine Art Mustert, hineingewoben in den Schleier des Seins. Das Muster, welches als Teil des verhüllenden Stoffes vor dem Sein liegt, es ist in seiner Sybolik ein Ausdruck für die Idee der Schönheit. Das Muster spricht von der Schönheit. Von dem Ideal einer Schönheit und der Not ihre Abwesenheit nicht zu ertragen. Ein geborstener Baum, unberührt in seiner Form, ich mühe mich, darin die Schönheit zu erkennen. In der Spur der Zerstörung, die nicht beräumt oder irritiert ist. Und ich ahne davon, dass ich genausogut den Gleichmut den Erscheinungen des Seins gegenüber in diesen Schleier hineinweben kann. Alles ist und darin zunächst nichts weiter, als ein Phänomen. Es bedarf keiner Bewertung, keines Vergleiches. Es mag mich berühren, ich kann mich trotzdem auf ein Spiel mit der Gleichgültigkeit und dem Gleichmut einlassen. Und so webe ich in den Schleier hinein: So wie es innere Stimmen gibt, gibt es Momente der Weite, der völligen Offenheit. Es gibt Momente der Stille und der Abwesenheit auch nur eines Gedankens. Ich webe hinein in diesen Stoff den weiten, weißen Raum von dem, was sich meiner Vorstellung entzieht. Ich webe in den Schleier das nicht vorstellbare Muster der Unvorstellbarkeit hinein. Ich webe in diesen Stoff hinein die Fähigkeit, diesem Raum in Offenheit zu begegnen. Den Raum gewähren zu lassen. Aus ihm heraus mag sich etwas mir zuwenden. So leicht und fein bin ich anwesend und hellwach dabei. Dann webe ich hinein die Fähigkeit des Ausharrens in diesem Raum, ihn aufrechtzuerhalten über einen Moment hinaus. Und zuletzt sei hineingewoben in diesen Stoff, die Fähigkeit zu lernen.

Und darum laufe!

Niederlage

Der Wert einer Niederlage, ich sage, er liegt über dem Wert eines Sieges. Die Niederlage führt zurück, holt den Helden zurück von den Sternen auf die Erde. Aus dem Rausch wird ein nüchterner Zustand und still wird der Mensch. Zu einem Betrachtenden, einem Erkennenden wird er. Alles ist ihm sichtbar. Die Täuschung ist vorbei. Sich selbst erkennt er nun ganz deutlich und er erfährt sich neu in dieser tiefen Enttäuschung. Und er sieht noch mehr: Dort also steht der Sieger. Wie zeigt er sich? Welcher Art ist sein Jubel? Gehemmt oder extatisch? Von welcher Last scheint er in diesem Moment befreit zu sein? Was hat ihn hier herauf getrieben, der Beste sein zu müssen? Abgründe werfen ihre Schatten in das Gesicht des aus sich selbst heraus leuchtenden Helden. Dass es so viele Verlierer gibt auf dem Weg der Ermittlung dieses Einen, des Strahlenden, es ist der eigentliche Wert dieser Wettkämpfe. All die, die es nicht wurden, sind von der Last der Täuschung befreit. Das ist ein gutes Gefühl, frei zu sein.

Und darum laufe!