Ein Volkslauf

Stoßt mich nicht aus. Lasst mich bei Euch sein. Lasst mich nicht zurück. Lasst mich zu Euch finden. Die Luft der Höhe, durch die ich mit Euch laufe, Eure Nähe, um die ich mich mühe. Lasst mich nicht fallen, bewahrt mich vor dem Sturz. Gewährt mir die Offenheit Eurer Herzen. Gebt mir ein bisschen Raum auf dem steinigen Weg in die Höhe, auf dem wir uns drängeln. Zu Euch wollte ich finden, zu Euch, die Ihr lauft, die Ihr in Bewegung seid, die Ihr Euch aufgemacht habt, die Ihr Euch diesen Freiraum gewährt. Euch verstehen, am Anfang und am Ende, kann ich nicht. Doch hier mittendrin, hier wo wir essentiell sind, wo keine Kultur uns verzerrt, zu Handlungen hinreißt, hier will ich bei Euch sein.

Und darum laufe!

Die Sonne

Durch den kühlen Morgen laufe ich in einer Gruppe. Die Menschen sind mir fremd, und doch sind wir miteinander verbunden im Rhythmus des Laufes. Warum nur schweigen wir? Dies ist doch ein frei gewählter Lauf, dies ist doch der Moment des Genusses. Der Aufstieg hierher, er war doch schwer genug. Die Zeit ist doch am Ende nicht so wichtig, als dass wir schweigen müssten? Milchiges Licht im Hochnebel, Tannengrün. Kurz zuvor rief uns ein Mann am Wegesrand zu: Bald kommt die Sonne, Ihr seid auf dem richtigen Weg, dort oben auf dem Gipfel, dort scheint die Sonne! Und wir schweigen. Wie unnatürlich, denke ich. Am Gipfel angelangt, rufe ich in unsere Gruppe hinein, sodass wir alle es hören können in dem Ton der naiven Freude: Wo ist denn nun die Sonne? So, als hätte ich, als hätten alle dem Mann, der sie Versprach glauben können, glauben müssen. So, als wären wir nie jemals enttäuscht gewesen von einem versprechen, welches ein Mensch uns einmal gegeben hat. Ein Versprechen, um uns anzuspornen, uns zum Weiterlaufen zu bewegen. Ein weiterer Moment des Schweigens, ein paar Schritte mehr und dann sagt die neben mir laufende Frau: Die Sonne, das bist Du! Und ich bin wie energetisiert von ihrem Wort. Ich lächele in Dankbarkeit. Ein wenig verlegen auch, doch wir als Gruppe, wir sind mit einem Mal miteinander vertraut. Wir sind geborgen in der Konstellation, die uns hier einen Moment lang trägt. Die Konstellation, die wir dann auch bald wieder verlassen können. Und so denke ich ein wenig später, dass ich versäumt habe ihr zu erwidern: Und das Herz, das bist Du!

Und darum laufe!

Der wichtigste Lauf

Ich denke darüber nach, was an dem Laufen von Bedeutung ist: Was ist das wahrhaft Bedeutende an der Sache, die mich trägt über Jahre hinweg? Und darin: Gibt es einen herausstechenden Moment, der in seiner Bedeutung all die anderen überragt? Gibt es einen Lauf, der wichtiger war, als all die anderen? Gibt es einen Lauf, der der wichtigste überhaupt war? Und eine Frau kommt mir entgegen, sie läuft behutsam, leis und sanft, ganz verinnerlicht, so als wäre sie heute erst von einer schweren Krankheit genesen und das erste Mal wieder im Wald auf ihrem Weg. Ein Geist des Waldes geradezu. Und all die Vorstellungen von Besonderem, von Außergewöhnlichem, außergewöhnlich an Ort, an Bedingung, an Zeit und Raum, all die Situationen, in denen ein Wettkampf inszeniert war, eine Reise mir besondere Erfahrungen verschaffte, eine innere Kraft mir erlaubte, mich in einen Rausch zu begeben, all das verblasst vor dem einen Moment der wahrhaft bedeutend ist. Es ist der Moment, in dem der Mensch, der durch die Krankheit auf die Erde niedergeworfen war, nun so weit genesen ist, dass er sich zutraut, sich zu erheben. Und der Mensch erhebt sich! Er kleidet sich und er läuft los. Darin strahlt die Kraft der Bejahung aus der Niedergeworfenheit heraus. Ein einfaches Ja zu Allem, was ist. Ein Ja zur Bedingtheit, zu dem unlösbaren Rätsel des Seins, zur Krankheit, zu dem Blühen und dem Vergehen, zu dem steten Wechsel der Zeiten, zur Veränderung und dem Wandel. Oft bin ich krank gewesen und wieder genesen. Doch irgendwann bin ich wohl aufgestanden. Demütig zu werden, wir laufen.

Und darum laufe!

Niederlage

Der Wert einer Niederlage, ich sage, er liegt über dem Wert eines Sieges. Die Niederlage führt zurück, holt den Helden zurück von den Sternen auf die Erde. Aus dem Rausch wird ein nüchterner Zustand und still wird der Mensch. Zu einem Betrachtenden, einem Erkennenden wird er. Alles ist ihm sichtbar. Die Täuschung ist vorbei. Sich selbst erkennt er nun ganz deutlich und er erfährt sich neu in dieser tiefen Enttäuschung. Und er sieht noch mehr: Dort also steht der Sieger. Wie zeigt er sich? Welcher Art ist sein Jubel? Gehemmt oder extatisch? Von welcher Last scheint er in diesem Moment befreit zu sein? Was hat ihn hier herauf getrieben, der Beste sein zu müssen? Abgründe werfen ihre Schatten in das Gesicht des aus sich selbst heraus leuchtenden Helden. Dass es so viele Verlierer gibt auf dem Weg der Ermittlung dieses Einen, des Strahlenden, es ist der eigentliche Wert dieser Wettkämpfe. All die, die es nicht wurden, sind von der Last der Täuschung befreit. Das ist ein gutes Gefühl, frei zu sein.

Und darum laufe!