Ohne Absicht

Der riesende Schnee und ich verstehe Alles in der Tiefe der Erscheinung. Und es ist mir ganz deutlich in dem Kontrast der weißen Flocken, die vor dem Grün der Fichten tanzen. Eine jede Flocke ist zu erkennen. Ihre Bewegung ist ganz klar. Es ist klirrend kalt und auch das Feld der Flocken nehme ich wahr. In dem Feld der Flocken erkenne ich Strömungen und Richtungen. Bewegungen und Wirbel. Der Raum ist in seiner Tiefe geschichtet und der Abstand der einzelnen Flocken zueinander erscheint mir wie abgemessen. Und nun verstehe ich Nichts in dem Versuch, die Erscheinung zu beschreiben. Ich verstehe Nichts in dem Detail, welches in der Beschreibung kunstfertig formuliert ist oder auch nicht. Ich verstehe in dem Blicken und dem Stillewerden. Ein Moment ohne Absicht, reines Sein. Verzaubert, wie tot geradezu, eingefroren in dem Eispalast des offenen Schauens. Das Hingeben des Lebens an das Sein gelingt in diesem Palast. Mir ist garnicht kalt. Verzaubert bin ich. Ich erfahre, das Alles zu sein. Ich bin ein Teil des Spieles.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!

Geborgenheit

Es ist nicht so, dass dieses EIN Wald ist. Es ist nicht so, dass dies eine Form ist, die bevölkert und betreten ist von Wesen, die aus dem umliegenden Raum hereintreten. Vielmehr ist dies eine VIELZAHL von Wäldern, die unterschiedlich sind und dabei doch aus identischen Bestandteilen bestehen. Die Anzahl dieser Wälder ist so groß, wie die Anzahl der Menschen, die hereintreten. Und zudem, ganz sicher ist diese Anzahl nicht nur auf uns Menschen beschränkt, nur weil wir uns nicht die Mühe machen uns das über uns Hinausgehende vorzustellen. Pflanzen, Tiere und noch viel mehr. Die Anzahl der Wälder, ich stelle sie mir als unfassbar groß vor. Und dies hat nichts zu tun mit einer Wissenschaft der Erkenntnis, die etwas als radikal denkt. Es ist vielmehr so, dass es dort ein Gefühl gibt, welches einfach sofort da ist, wenn ich diesem Gedanken folge. Der Gedanke ist: Der wald ist sooft da, wie es Menschen gibt, die ihn betreten. Das Gefühl, dass aus diesem Gedanken heraus in mir entsteht, es ist ein Tor durch welches ich schreite und jetzt und sofort ist es nun der eine Wald, in dem ich mich bewege. Der eine Wald, und eine tiefe, wahre Geborgenheit umschließt mich vollends. Dies ist die von mir lang ersehnte Annahme durch die Welt. Es ist eine Verwirklichung meines Seins in diesem Moment der Übereinstimmung und der Harmonie.

Und darum laufe!

Landkarte

Eben noch lag wie auf einer Landkarte ein jeder Lebensmoment vor mir ausgebreitet. Ein Überblick vollkommen ungetrübt, rein und klar. Zeitliche Dimensionen liegen auf ihr gleichwertig und gleichwürdig nebeneinander. Hier und dort verteilt liegt Zukünftiges und Vergangenes nebeneinander wie Fallobst unter einem Apfelbaum. An manchen Stellen liegt vieles übereinander, an anderen Stellen ist die Karte leer. Und, um sie zu fassen, um die auf ihr eingetragenen Ereignisse zu ertragen, stelle ich mir vor, diese Karte einzurollen, eng und fest. So eng, dass sie zu einem Stab wird, von der Länge meines Armes. Ein aus sich selbst heraus leuchtender Stab in meiner Hand – und mit einem Mal trete ich über eine riesige Schwelle und gelange in ein Zwischenreich. Ich bemerke hinübergetreten zu sein, ohne eine Frage, die ich beantwortet wissen will. Immer war dies der Grund für das Übertreten einer Schwelle. Für das Betreten des Zwischenreiches. Immer kam ich mit einer Frage und immer erhielt ich eine Antwort im Spiegel der Natur. Ich denke nach: Welche Frage ist es, die mich in diesem Moment am meisten bewegt? Und bekomme in völliger Klarheit sofort die Frage eingegeben: Welches ist die Kugel zu dem Stab in Deiner Rechten, die in Deiner Linken ruhen wird? Ich wende mich um in Richtung der von mir übertretenen Schwelle und der fahl blasse Ball der Sonne sich über ihr erhebt.

Und darum laufe!