Möchte sein Wasser, umgeben von Wasser. Doch vielleicht bin ich nur Sand, auf den dieses Meer anbrandet, ohne Unterlass. Doch Immerhin.
Und darum laufe!
Möchte sein Wasser, umgeben von Wasser. Doch vielleicht bin ich nur Sand, auf den dieses Meer anbrandet, ohne Unterlass. Doch Immerhin.
Und darum laufe!
Und ich leide unter der Abwesenheit. Die Kälte umweht mich und zieht in mich ein, sodass ich ein völlig neues Gefühl von mir selbst erlange. Die Form meiner Knochen, durch die in sie einziehenden Kälte ist sie für mich zu erspüren. Ein Empfindungsgebilde aus Kälte. Die Muskeln dazu, Sehnen und Flüssigkeiten. Und ich bin auf diesem einsamen Weg, um mich solcherart neu zu erfahren. Ich lasse gewähren, was an Kraft mich hierherzieht, mich treibt, mir befiehlt. Denn es ist der Moment der Einsamkeit, der mir die in diesem Moment höchste Erkenntnis vermittelt. Es ist der schwerste aller Wege und er ist gefährlich. Immer suche ich den in diesem Moment für mich schwersten Weg. Das ist so in mir angelegt. Es ist leidvoll und ich will aus diesem finsteren Traum erwachen und das Leid als Scheme, als Täuschung, der zu folgen ich wohl gelernt habe, entlarven. Ich will das Leid loslassen und die Freude empfangen. Leicht und liebevoll leben, bewusst und heil. Doch mein Wille zählt nicht, vielleicht noch nicht. Der einsame Weg, ich ringe mit mir, kaum auszuhalten, Zeit , die wie ein Gebirge vor mir aufragt, mich zu erdrücken droht. Doch ich stabilisiere mich, atme, bewege mich. Ich erkenne den Rest in mir, der handlingsfähig bleibt in diesem Entgleiten, welches mich zieht. Hindurch durch die Einsamkeit, dachte ich, um zurückzukehren, immer wieder zurückzukehren. Und verändere ich mich. Der Druck lässt nach, Gewöhnung, Vertrautheit entsteht. Ich erblühe in mir. Unsichtbar für und vor allen, wie niemandem. So viel ist verloren, es ist losgelassen und ich bin nicht allein. Ich bin frei und das fühle ich so, wie ich es vielleicht noch nie zuvor gefühlt habe. Keine Erwartungen mehr. Vor mir bin ich frei und was andere von mir glauben, ich kann es vollkommen anderen überlassen. Ihr Glaube gehört ihnen und wenn sie glauben, etwas glauben zu müssen, so ist das eine Entscheidung. Dies hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Immer spreche ich nur von mir selbst, immer ist alles, was mir entgegentritt ich selbst. Und darin ist das Selbst keine Beschränkung, kein Gefängnis und ebensowenig eine Anmaßung oder ein Ausdruck für Hochmut. Gelassen blicke ich auf die Entsprechnung von Selbst und Welt und lass auch diese los. Wie eine Täuschung, wie der Nasenring, durch den ich durch die Manege des Seins geführt werde. Nur, ich glaubte, dies sei ein Abschnitt des Weges, der einmal wieder zurückführen würde. Eine Krise sozusagen. Eine Phase meines Seins. Doch ich erkenne die völlige Offenheit. Und so tief in die Ensamkeit vorgedrungen, verstehe ich, es ist vielleicht der erste Stein eines im Urwald verborgenen Tempels, den ich gerade entdeckte.
Und darum laufe!
Markierte Bäume auf dem Weg, kreideweiße, rechteckige Felder mit Zeichen und Buchstaben beschriftet: Z, A, oder auch K in roter Farbe. Abkürzungen dazu, wie St. für Steig und immer wieder bin ich überrascht, auf einem markierten Weg zu laufen oder eine neue Markierung an einer Weggabelung zu entdecken. Und immer wieder entscheide ich kurzfristig an der Weggabelung, den Weg zu nehmen, dessen Bezeichnung sich mit mir, mit meinem Namen in Beziehung setzen lässt. Und so biege ich ein auf den K-St., den Steig, der mit dem elften Buchstaben des Alphabets bezeichnet ist. Es ist mein Weg, ich bin auf ihm ganz allein und in Übereinstimmung mit der Bezeichnung. Doch, wo bin ich auf dem Weg? Wo bin ich zu finden, wo mir selbst ganz nah? Wenn es der Weg ist, der für mich bennant ist, der geradezu nach mir benannt ist, was ich bereit bin mir vorzumachen. Wo also nähere ich mich mir selbst auf ihm an? Der Weg steigt an, eine Schlucht, hohe Bäume überragen mich, die tief unter mir wurzeln. Ein Rinnsal dort unten in der Schlucht, Steine und schwerer Atem, bergan, steil, kühl und dampfend. Ich bin ganz sicher hier an diesem Ort und ganz sicher an diesem Ort mir selbst ein Geheimnis. Ich bin mir selbst ein wenig voraus und es fühlt sich so an, als würde ich vor mir selbst weglaufen. Als würde ich wie ein scheues Reh den Abstand zu mir selbst wahren um mich dann von Zeit zu Zeit nach mir selbst umzudrehen, nach mir ausschau zu halten. Zu beschleunigen ist zwecklos. Ich – das Reh – bin viel zu schnell, zu gewandt, zu vertraut mit jeder Wurzel auf dem Weg, als dass ich – der Mensch – mich einholen könnte. Und so tue ich, was ich immer tue: ich senke den Blick, lasse den Weg an mir vorbeiströmen, sodass ich bald ganz in mir versunken bin. Das Reh nun, welches ich selbst ja bin, scheu und behände, es bemerkt, keine Angst vor mir, vor dem jagenden Anteil in mir, haben zu müssen. In Neugier lässt es mich nahe kommen. Es nähert sich sogar an, so wie ich mich dem Reh annähere. Und wir sind dann Lauf und Atem, vertraut, im Einklang, in Übereinstimmung. Wir sind Eins und ohne Zeit, noch Raum. Wir empfangen und spenden, tauschen uns aus, erfahren und erkennen einander und segnen einander. Wir erkennen was wahr ist, und von Bestand. Wir erkennen die Kraft der Seele. Und diese Kraft, sie ist eine, die sich selbst erkennt. Und ich verstehe, dass dieser Weg, nicht nach mir bezeichnet ist, gleichwohl ich mich auf ihm geborgen fühle, ich mich auf ihm finde. Zudem erkenne ich, dass alle erdenklichen Wege, alle mir möglichen Wege, an allen möglichen Orten dieser Erde, Wege sind, die nach mir zu bezeichnen sind, wenn es mir gelingt, mich auf ihnen zu finden. Mich zu finden.
Und darum laufe!
Ein Mensch, den Flug der Mauersegler zu beobachten, den in der Ferne sich drehenden Tanz. Den Flug der Bienen und Wespen dazu, in ihrer Unermüdlichkeit, davor, ganz Nah. Sich überlagernde Muster, Bewegungen, das Kreisen und Figuren. Eine Sprache es ist. Eine tänzelnde Erregtheit. Alles von einer Hand. All das den Menschen zu überbringen, eines Menschen Aufgabe.
Und darum laufe!
Der riesende Schnee und ich verstehe Alles in der Tiefe der Erscheinung. Und es ist mir ganz deutlich in dem Kontrast der weißen Flocken, die vor dem Grün der Fichten tanzen. Eine jede Flocke ist zu erkennen. Ihre Bewegung ist ganz klar. Es ist klirrend kalt und auch das Feld der Flocken nehme ich wahr. In dem Feld der Flocken erkenne ich Strömungen und Richtungen. Bewegungen und Wirbel. Der Raum ist in seiner Tiefe geschichtet und der Abstand der einzelnen Flocken zueinander erscheint mir wie abgemessen. Und nun verstehe ich Nichts in dem Versuch, die Erscheinung zu beschreiben. Ich verstehe Nichts in dem Detail, welches in der Beschreibung kunstfertig formuliert ist oder auch nicht. Ich verstehe in dem Blicken und dem Stillewerden. Ein Moment ohne Absicht, reines Sein. Verzaubert, wie tot geradezu, eingefroren in dem Eispalast des offenen Schauens. Das Hingeben des Lebens an das Sein gelingt in diesem Palast. Mir ist garnicht kalt. Verzaubert bin ich. Ich erfahre, das Alles zu sein. Ich bin ein Teil des Spieles.
Und darum laufe!
Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.
Und darum laufe!
Fixationen und Saccaden. So wie im Leseprozess mein Auge springt von Punkt zu Punkt, von Buchstabe zu Buchstabe und darin sich mögliche Sinnzusammenhänge auffächern, so springt das Auge zurück und eine Eindeutigkeit entsteht. Die eine Aussage. Sie ist auf dem Wege des Ausschliessens errungen. Das Erlaufen von Bedeutung durch meine Augen auf den Zeilen. Fixationen als Punkte größter Schärfe, um die herum unscharfe Bereiche mich erahnen lassen: Wortlänge und Wortbild, dann die Zeile an sich und den Beginn der nächsten Zeile, zu der ich springen werde. Wir wissen nicht, was vorgeht in diesem Sprung von vielleicht acht Zentimetern, gemessen an dem Schärfepunkt auf dem Blatt Papier in dem ideal gesetzten Buch. Dieser Zeilensprung, ein Wunder, dass er keine Unterbrechung in dem Fluss der Gedanken darstellt. Und nun stelle ich mir vor, die Natur zu lesen, das Belebte, mich Umgebende, den Urwald, das fleischlich feucht Schmatzende, das einander Aussaugende, einander Verzehrende, das sich Einverleibende, das Lauernde, sich anpassend in Form und Geschick. Lauernd, ein Jaguar, gemustertes Fell und diese tiefen hineinziehenden Augen. Furcht? Ganz sicher! Aber auch Vertrauen in das liebliche Blatt, in den einen Tropfen, der das Licht der Sonne hinauf in dein Auge bricht. Fixationen und Saccaden, Ruhepunkte und Sprünge der Blickbewegung. Sie waren, bevor Menschen über Mimik und Gesten zu Zeichen und Sprache fanden und schließlich zur Schrift. Sie formten die Schrift und nicht etwa bildete die Schrift aus, was in uns so unbewusst wie geheimnisvoll das Wesen des Lesevorgangs darstellt. Schärfe und Sprünge, Erkennen und Rücksprung, Entschlüsseln und dann wieder Entschlüsseln. Anzeichen und Deutung und Vergewisserung. Das Springen des Blickes auf die Erscheinungen der Umwelt und der Rücksprung, um sich zu vergewissern: Ist dort ein Tier, welches ich fürchte? Ist dort ein Tier, welches ich suche? Das, es ist in uns angelegt und darin sind wir, so wie ein Mensch vor Millionen von Jahren. Wir erschaffen in uns die Illusion eines scharfen Bildes der uns umgebenden Welt über die fixierten, scharf wahrgenommenen Punkte dort im Geäst, auf dem Boden, am Himmel. Und nun schließe ich die Augen und beobachte, wie meine Augäpfel unter den geschlossenen Augenlidern umher tanzen. Ich beobachte die Schlieren, die hin und her geschubst werden, an den Punkten leichter Helligkeit. Und ich versuche meine Augäpfel zur Ruhe kommen zu lassen. Ich Versuche sie zu entspannen. Ich versuche die jagende und befürchtende Anspannung in mir los zu lassen, oder sie zu besänftigen. Das angestrengt Lauernde ist ja ohne Wirkung, da die Augen geschlossen sind. Und so kann ich es doch sein lassen, die ganze Anspannung doch von mir lassen. Die Augen gerichtet auf die Dunkelheit vor mir, auf nichts fixiert und so blicken die Augen parallel, geradeaus auf das Nichts vor mir. Ein imaginäres Nichts, vielleicht fünf oder sieben Meter vor mir. Und da kein Angriff erfolgt, die Feindlichkeit der Welt nicht real wird, da ich gleichzeitig geradezu unsichtbar werde für die Gestalten des Urwaldes, ungenießbar werde für sie, als wäre mein Fleisch vergiftet für sie und damit unattraktiv geworden. Da also Zeit vergeht, ohne ein Ereignis, beginne ich zu vertrauen. Ich vertraue, wie ein Mensch vertraute vor Millionen von Jahren. Ich beginne mich frei zu fühlen. Eine Freiheit von ungeahnter Kraft, so liebevoll, geborgen. Es rührt mich, sein zu dürfen, dankbar bin ich. Einfach bin ich, unteilbar. Ich selbst bin ich. Die Feindlichkeit der Welt, sie kommt zur Ruhe.
Und darum laufe!
Der Mensch als eine Art Gedankenstrom gedacht. Viel mehr als sein Körper. Viel mehr als der Anblick, den er bietet, als die Ästhetik, in der er läuft. Der Mensch, der ermüdet, nach dem Schlaf sich sehnt, um gedacht zu werden und darin endlich Entspannung zu erlangen. Dem sich bewegenden Strom zu begegnen, auch und gerade in der Bewegung ist dies möglich. Den sich bewegenden Strom zu begleiten, auch und gerade in der Bewegung ist dies möglich. Sich ihm, also sich selbst entgegenzustellen, bedeutet, eine Ahnung von sich selbst zu erhalten. Das also an dem Strömenden bin ich. Unmöglich, dem zuwider zu handeln. Ich kann nur mich treiben lassen, mich hinein geben in mich selbst. In den großen von mir unterschätzten Strom. Große Kraft, ein wenig sie Hindern, doch sie ist zu groß! Seine Richtung, die des Stromes ist klar. Sich seiner Selbst bewusst zu werden, es erfordert mit sich selbst umzugehen. In die Mitte des Stromes zu treiben, am Rand sich zu verlangsamen. Einen Blick auf sich selbst zu gewinnen: Auch das bin ich! Es ist ein Spiel in diesem Gedankenstrom zu treiben.
Und darum laufe!
Und das Weiche umfließt den Stein, und das Fließende höhlt den Stein, das Wasser umschmeichelt den Stein, und das Charmante erreicht den Stein, und das Herz erweicht den Stein, und das Weiche bricht den Stein, und der Hammer zerschlägt den Stein, und die Mühle zermahlt den Stein, und Sand wird aus dem Stein, und in der Hand zerrinnt der Stein, und die Liebe ersehnt den Stein, und der Druck erzeugt den Stein, und der Sand er wird zu Stein, und die Liebe gebiert den Stein, und die Liebe liebt den Stein, und das Weiche umfließt den Stein.
Und darum laufe!