Blüte

Wenn es so ist, dass in dem Blühen ein Mensch sich ganz geborgen fühlt, wirklich, voller Kraft und nun läuft, als seien das Sein und das Laufen völlig eins und der Mensch in Übereinstimmung mit seinem Selbst, seiner Seele. Wenn also alles strahlt und Raum und Zeit ineinander fließen, wirklich und wahr, so bleibt doch ein Gedanke, der gerade jetzt in der höchsten Blüte denkbar ist. Dieser Gedanke drängt sich nicht auf, er lauert eher. Er hält sich auf in dem Raum aller möglichen Gedanken und lässt viele andere Gedanken sich vordrängen. Doch sanft ruft er sich selbst in Erinnerung, ist er doch von erhabener Größe in seinem Schrecken. Er ist, dass vielleicht dem Wirklichen in seiner Blüte einmal ein höheres Maß an Wirklichkeit gelingen mag in dem Vergehen. Dass überhaupt ein höheres Maß noch existiert, als dieses Blühen. Dass ein Selbst, welches sich hier feiert, sich tiefer noch kennenlernen wird in seinem Verfall, in seinem Schmerz, in seiner Niederlage, in seinem Verlust, dem nicht-mehr-können, der Ermüdung, der Erschöpfung. Dem Siechtum. Dort ja, in der Ermüdung, ein Maß an Wahrheit, zuvor ungesehen, ungespürt. Das bin ich! Es ruft mit ersterbender Stimme: das wirklich, das bin ich!

Und darum laufe!

Der wichtigste Lauf

Ich denke darüber nach, was an dem Laufen von Bedeutung ist: Was ist das wahrhaft Bedeutende an der Sache, die mich trägt über Jahre hinweg? Und darin: Gibt es einen herausstechenden Moment, der in seiner Bedeutung all die anderen überragt? Gibt es einen Lauf, der wichtiger war, als all die anderen? Gibt es einen Lauf, der der wichtigste überhaupt war? Und eine Frau kommt mir entgegen, sie läuft behutsam, leis und sanft, ganz verinnerlicht, so als wäre sie heute erst von einer schweren Krankheit genesen und das erste Mal wieder im Wald auf ihrem Weg. Ein Geist des Waldes geradezu. Und all die Vorstellungen von Besonderem, von Außergewöhnlichem, außergewöhnlich an Ort, an Bedingung, an Zeit und Raum, all die Situationen, in denen ein Wettkampf inszeniert war, eine Reise mir besondere Erfahrungen verschaffte, eine innere Kraft mir erlaubte, mich in einen Rausch zu begeben, all das verblasst vor dem einen Moment der wahrhaft bedeutend ist. Es ist der Moment, in dem der Mensch, der durch die Krankheit auf die Erde niedergeworfen war, nun so weit genesen ist, dass er sich zutraut, sich zu erheben. Und der Mensch erhebt sich! Er kleidet sich und er läuft los. Darin strahlt die Kraft der Bejahung aus der Niedergeworfenheit heraus. Ein einfaches Ja zu Allem, was ist. Ein Ja zur Bedingtheit, zu dem unlösbaren Rätsel des Seins, zur Krankheit, zu dem Blühen und dem Vergehen, zu dem steten Wechsel der Zeiten, zur Veränderung und dem Wandel. Oft bin ich krank gewesen und wieder genesen. Doch irgendwann bin ich wohl aufgestanden. Demütig zu werden, wir laufen.

Und darum laufe!