Sonnensysteme

Und ich lasse mir erzählen: Es existieren vielleicht 700 Trillionen Sonnensysteme, die wie unseres Leben beherbergen könnten. Nur sind sie so weit entfernt, dass eine Reise, eine Begegnung, ein Austausch, Kommunikation zuwischen zwei Partnern, eine Antwort auf eine Frage oder auch nur eine Enttauschung über das Wesen des Fremden völlig unmöglich erscheint. Die Distanz ist zwar so groß, dass ich sie nur bestaunen kann, wie ein Absolutes geradezu, doch sie ist keine Mauer. Sie ist keine Barriere. Das Wesen einer Barriere ist dem Wesen der geradezu unendlich erscheinenden Entfernung völlig fremd. Die Distanz liegt vor mir in der Nacht im sternenklaren Himmel und ich betrachte unsere Milchstraße in ihrem weißen Band und ich nehme keine Barriere wahr. Das mögliche Andere und ich, wir sind nur räumlich voneinander weit entfernt und ich stelle mir vor, dass dort im Grunde nichts zwischen uns steht.

Und darum laufe!

Eine Erfahrung

Ein Mann stürzt. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass er eine geachtete, bedeutende Persönlichkeit ist, die herausfällt aus seiner Rolle, um nun vom Sturz gezeichnet, vor mir zu liegen. Bin ich frei von der Häme, völlig frei, ihm meine Hand anzubieten, ihm aufzuhelfen? Ich verstehe, das es bedeutend für mich ist, ehrlich zu mir zu sein. Ich erinnere Begebenheiten, in denen ich dem reinen, von einer Häme unbefleckten Impuls folgte und half. Ich war erfüllt von dem Gefühl, helfen zu müssen und dachte nicht darüber nach. Ich half ohne ein Ansehen der Person. Und ich helfe jetzt diesem Mann, genau so, wie mir bereits zuvor in einer solchen Situation geholfen wurde. Ich vermeide den allzu großen Dank, indem ich weitereile. Nicht für den Dank es zu tun, sich darin nicht zu erhöhen, ist für mich wichtig. Ohne Häme zu sein gelingt mir nur, wenn ich frei bin von den Gefühlen der Zurückgesetztheit, der Ohnmacht, des Unrechts. Dies gelingt nur, wenn ich annehme was ist, als das, was zu sein hat. Wenn ich es also betrachte, als das, was für mich vorgesehen ist und zugleich doch als das, was völlig meiner Verantwortung unterliegt. Ein Widerspruch vielleicht und doch ganz richtig. Das absichtslose Helfen, es ist eine Botschaft. Es ist dem Gestürzten eine Botschaft und eine Erfahrung, die vielleicht neu für ihn ist. Die Welt zu sehen, als eine der Hilfsbereitschaft, in der Menschen kein Aufhebens darum machen, dass sie bereit sind zu helfen ohne eine Gegenleistung, kann eine neue Erfahrung sein. Eine solche Erfahrung kann nicht ohne Wirkung bleiben.

Und darum laufe!

Laufender Mann

Ratlos ich bin und ermahne mich, langsamer zu laufen, wo ich doch getrieben zuvor mich mühte, schneller zu laufen. Schneller als die Ratlosigkeit, um ihr zu entkommen. Doch mein Körper ist erschöpft von der hohen Geschwindigkeit und ich gebe nach, laufe langsam, ganz langsam. Ich stehe fast und doch erreiche ich vor mir auf dem Weg eine Schulklasse. Ich setze an, sie auf dem schmalen, unebenen Weg zu überholen. Ich ziehe an der langezogenen Gruppe junger Menschen vorbei, die sich freudig unterhält, die Kühle des Grundes ausgelassen genießt, so wie. Ich schlängele mich um die Schüler herum, weiche aus und eine Stimme aus dem hinteren Teil der Gruppe ruft: Achtung, laufender Mann! Die Stimme ermahnt die Vorderen, den Weg freizugeben. Laufender Mann! Ich fühle mich genau so. Ich fühle mich sachlich und würdig beschrieben und zugleich angesprochen. Einfach und wahr fühle es sich an, richtig und angemessen. Kein Unterton, kein Spott, keine Häme. Einfach: Laufender Mann! Was ist nun mit der Ratlosigkeit?

Und darum laufe!

Wärme

Die für den Tag vorhergesagte Wärme hat den Grund noch nicht erreicht. Die kühle Luft der Nacht hat sich bewahrt. Ein warmer Hauch trifft mich inmitten der Kühle. Die wärmeren Luftschichten sind hineingeweht und verwirbelt. Eine Schulklasse vor mir auf dem Weg. Und ich denke: Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht, wie es sich anfühlt, von einer wärmeren Luftschicht getroffen zu werden? Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht das, was sie am eigenen Körper erfahren?

Und darum laufe!

K-Steig

Markierte Bäume auf dem Weg, kreideweiße, rechteckige Felder mit Zeichen und Buchstaben beschriftet: Z, A, oder auch K in roter Farbe. Abkürzungen dazu, wie St. für Steig und immer wieder bin ich überrascht, auf einem markierten Weg zu laufen oder eine neue Markierung an einer Weggabelung zu entdecken. Und immer wieder entscheide ich kurzfristig an der Weggabelung, den Weg zu nehmen, dessen Bezeichnung sich mit mir, mit meinem Namen in Beziehung setzen lässt. Und so biege ich ein auf den K-St., den Steig, der mit dem elften Buchstaben des Alphabets bezeichnet ist. Es ist mein Weg, ich bin auf ihm ganz allein und in Übereinstimmung mit der Bezeichnung. Doch, wo bin ich auf dem Weg? Wo bin ich zu finden, wo mir selbst ganz nah? Wenn es der Weg ist, der für mich bennant ist, der geradezu nach mir benannt ist, was ich bereit bin mir vorzumachen. Wo also nähere ich mich mir selbst auf ihm an? Der Weg steigt an, eine Schlucht, hohe Bäume überragen mich, die tief unter mir wurzeln. Ein Rinnsal dort unten in der Schlucht, Steine und schwerer Atem, bergan, steil, kühl und dampfend. Ich bin ganz sicher hier an diesem Ort und ganz sicher an diesem Ort mir selbst ein Geheimnis. Ich bin mir selbst ein wenig voraus und es fühlt sich so an, als würde ich vor mir selbst weglaufen. Als würde ich wie ein scheues Reh den Abstand zu mir selbst wahren um mich dann von Zeit zu Zeit nach mir selbst umzudrehen, nach mir ausschau zu halten. Zu beschleunigen ist zwecklos. Ich – das Reh – bin viel zu schnell, zu gewandt, zu vertraut mit jeder Wurzel auf dem Weg, als dass ich – der Mensch – mich einholen könnte. Und so tue ich, was ich immer tue: ich senke den Blick, lasse den Weg an mir vorbeiströmen, sodass ich bald ganz in mir versunken bin. Das Reh nun, welches ich selbst ja bin, scheu und behände, es bemerkt, keine Angst vor mir, vor dem jagenden Anteil in mir, haben zu müssen. In Neugier lässt es mich nahe kommen. Es nähert sich sogar an, so wie ich mich dem Reh annähere. Und wir sind dann Lauf und Atem, vertraut, im Einklang, in Übereinstimmung. Wir sind Eins und ohne Zeit, noch Raum. Wir empfangen und spenden, tauschen uns aus, erfahren und erkennen einander und segnen einander. Wir erkennen was wahr ist, und von Bestand. Wir erkennen die Kraft der Seele. Und diese Kraft, sie ist eine, die sich selbst erkennt. Und ich verstehe, dass dieser Weg, nicht nach mir bezeichnet ist, gleichwohl ich mich auf ihm geborgen fühle, ich mich auf ihm finde. Zudem erkenne ich, dass alle erdenklichen Wege, alle mir möglichen Wege, an allen möglichen Orten dieser Erde, Wege sind, die nach mir zu bezeichnen sind, wenn es mir gelingt, mich auf ihnen zu finden. Mich zu finden.

Und darum laufe!

Bedrängtheit

Ich gelange an einen Ort, an dem ich einmal einem Raben begegnete. Sein Ruf klingt noch in meinen Ohren. Und es ist genau dieser Baum gewesen, genau diese Wurzel, über die ich gerade springe, genau diese Windung des Baches, genau diese Kräuselung des Wassers an dem Prallhang, die mich erinnern lässt. So, als wäre die Begegnung mit dem Tier in diesen Ort und in seine Bedingungen eingeprägt. Dieser Ort hat eine bestimmte Größe. Es gibt einen Moment von dem an sich diese Erinnerung erhebt, dann den Punkt der stärksten oder ganz eindeutigen Erinnerung und dann den Bereich, in dem diese Erinnerung wieder verblasst. Vor mir liegen andere Orte, die mit anderen Begegnungen zu beschreiben sind. Dies alles ist innerlich und wahr, eine Realität. Der ganze Wald ist belegt und mir vertraut mit einem reichen Repertoire an Begegnungen und den an ihm erregten Erinnerungen. Und es werden immer mehr Erinnerungen an immer mehr Orten. Oft sind zudem die von mir hineingetragenen Gefühle oder auch Bedrängtheiten, die ich in dem Wald ablud, noch präsent. Ich lud sie ab, um sie zu bändigen oder zu bannen, und es ist mir unangenehm, eine Last geradezu, wenn ich vor mir den Ort liegen sehe, der mich an die Bedrängtheit erinnert. Die Bedrängtheit, die doch nun schon bewältigt geglaubt war, liegt zeitlich weit zurück. Und doch ist sie da. In dieser Dimension, von der ich berichte, handele ich magisch, um mich zu befreien, um mich zu stabilisieren. In ihr gibt es keine Zeit. Die Emotion, ihre Energie wirkt. Sie wirkt, bis ich einen Weg gefunden habe, in den Frieden zu gelangen mit der Bedrängtheit, mit ihrer seelischen Qualität. Mit der Seele des Menschen, der mich solcherart bedrängte. Es also wirklich aufzulösen bis hierher, es gelang mir nicht. Vielleicht gelingt es über die Zeit, die wie Regen ein Gebirge auswäscht. Oder über den Glauben, der mich daran erinnert, dass es zu meiner Entwicklung beitrug, mich herausforderte, mich reifen lies, über den Kampf in dem ich stand, in dem ich Federn verlor, schwarz schillernde, in dem ich versehrt wurde, tief und wahrhaftig. Das Gute zu erkennen in der Niederlage, das Gute zu erkennen in der Ausgesetztheit, in der Verzweiflung, der Endlichkeit der eigenen Kraft. Zu erkennen, dass Unrecht einfach geschieht und nicht gesühnt wird und dass es mich auffordert, von mir losgelassen zu werden. Wie unendlich schwer. Ich kann es nur annehmen, und das alles ist wahr und verbunden und verankert in dem Wurzelgeflecht dieses Ortes, dem Gekräusel des Wassers, in der Windung des Baches. Ich befrage mich, um einmal frei zu sein. Ich befrage mich, um zu erkennen, nicht frei zu sein. Ich befrage mich, um zu verstehen, einmal frei gewesen zu sein und dabei ohne Ahnung gewesen zu sein. Wie ein Narr, der in die Welt hinausschreitet, ohne Furcht, ohne Vorsicht, voller Freude. Doch der Weg führte mich hinein in die Erfahrung, in die Erkenntnis und die Versehrung. Das wollte ich erfahren. Das führte ich herbei. Und das diesem Entsprechende, auf einer höheren Ebene, werde ich herbeiführen, um mich zu entwicklen, um daran zu wachsen. Es wird, so befürchte ich, niemals aufhören, es gibt keine Rast, keinen Frieden, keinen Moment des geborgenen Durchatmens. Doch noch laufe ich, noch bewege ich mich, noch bringe ich die Kraft auf, wie ein Narr blind zu werden für das, was kommen mag. Begegnungen und Bedrängtheiten überlagern sich an diesem Ort und dann noch etwas, was hinzugelangt in diese Sphäre, in diesen energetischen Raum. Es ist der Trost. Ich empfing den Trost der Wurzeln, den Trost des sich kräuselnden Wassers, den Trost des Prallhanges. Auch dieser Moment wahrhaftig und wahr. Ich konnte verstehen, in der Tiefe. Das mich betreffende, ganz ohne Worte über den Blick auf das Wasser, die Bewegungen der Oberfläche, das Spiel des Lichtes auf der sich wölbenden Oberfläche und mein Gefieder begann zu schillern, schwarz und violett. Ich bin bemüht, mich zurückzuziehen und den Ort zu reinigen von all den von mir hereingetragenen Energien, auch von der reinen Begegnung, denn wir müssen uns vorstellen, dass auch all die anderen Menschen, die hier eintreten, ebenso begegnen, sich erleichtern, sich trösten lassen und das über die Zeit hinweg.

Und darum laufe !