Ethik des Laufens

Ich achte darauf, bei einem Lauf so wenig Spuren, wie möglich zu hinterlassen. Ich laufe auf bestehenden Wegen und Pfaden. Ich versuche, so leis, wie möglich zu laufen. Ich respektiere die Tiere, die mir begegnen, und weiche zurück, um den Weg für sie freizumachen. Ebenso gebe ich den Weg frei für Passanten, für Wanderer und Radfahrer, ohne sie zu behindern. Ich sende ihnen, wie den Tieren das Gefühl des Respekts und der Gleichwertigkeit. Das ist die Ethik des Laufens, der ich folge, nach der ich das Laufen praktiziere.

Und darum laufe!

Die Erzählung

Das Angenehme, das mich umgibt. Das Angenehme, welches mich erfreut, mich nährt, mich erfüllt, es verdeckt den Blick auf das Tor. Auf das Portal, auf den Durchgang. Im Herzen weiß ich, ich suche dieses Portal. Ich suche, was an Herausforderungen hinter dem Portal wartet. Mehr als alles andere. Denn ich bin ein Mensch. Und das Angenehme, mich umschmeichelnde, es wird mir fad mit der Zeit. Ich werde träge, bequem und ängstlich. Auch wenn ich es nur erahne, im Moment der größten Gefahr bin ich schlecht vorbereitet, ungeübt, ohne Erfahrung, ohne Erkenntnis. Ich kann dem Drachen, der sich mir entgegenstellt, keine Geschichte erzählen. Ich habe keine Geschichte erlebt, die des Erzählens würdig wäre. Das wird mich in der Begegnung mit dem Drachen schwächen. Genau das ahne ich bereits heute, umgeben von dem Angenehmen, im Genuss von Annehmlichkeiten, umsorgt, umschmeichelt und geborgen. Der Drache wittert meine Angst, er spürt darüber hinaus, wie groß meine Kraft ist. Ihm eine Geschichte erzählen zu können wäre eine Option. Die Geschichte würde ihn innehalten lassen, vielleicht sogar verunsichern. Im Erzählen bin ich aktiv. Ich spinne die Fäden, ich halte sie in der Hand. Ich entwickle den Handlungsstrang meiner Erzählung. Er wird verstehen: Das ist kein Opfer. Er wird erkennen, dass er achtsam mir begegnen muss. Wir sind einander ebenbürtig. Das Gespräch führen wir auf Augenhöhe. Mehr kann ich in dieser Situation nicht erwarten. Das Wesen der Angst ist also, in dem Gespräch mit dem Drachen, nichts anbieten zu können. Es ist die Angst, ängstlich zu sein. Ich überliste den Drachen nicht, auch wenn ich es könnte. Die Reichtümer sind sein Geschenk an mich.

Und darum laufe!

Zugleich

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du nach dem Moment der Einheit suchst. Oder Du wartest auf eine Erkenntnis. Vielleicht erhoffst Du Dir Erhabenheit, die Erfrischung des Geistes oder die Erleuchtung. Die Erleuchtung soll sich einstellen. Dort hinter dem nächsten Ast, hinter der Biegung des Weges, in dem Anstieg den Berg hinauf. In der Tierbegegnung der Nacht, in dem Schrei der Eule, dem Schatten des Wolfes auf der Wegkreuzung. Doch dort ist sie nicht. Sie hat schon längst begonnen. Viel früher schon. Sie erscheint mit dem Entschluss Ich werde laufen. Im Ankleiden bereits bist Du mittendrin. Doch auch davor schon war die Erleuchtung am Werk. Die Erleuchtung nimmt ihren Anfang mit dem ersten Atemzug des blutverschmierten Kindes und sie endet mit dem letzten tiefen Ausatmen der Substanz. Mehr noch: weit davor und weit danach liegt der Anfang ihres Wirkens. Das Leben, ein einziger währender Höhepunkt. Es ist eine Spanne an Zeit und der Moment zugleich. Von hier betrachtet, integrierst Du alles, Dein ganzes Leben. jedes Missgeschick, jedes noch so große Hindernis. Freud und Leid, Scheitern und Erfolg.

Und darum laufe!

Schlaf

Ich muss eingeschlafen sein, denn ich blicke mich um und finde mich liegend unter einem Baum an einem heiligen Ort im Wald. Ich habe mich wohl hingesetzt, um auszuruhen und bin eingeschlafen. Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit verstrichen ist. Vielleicht war es nur ein kurzer Moment. Ich erinnere mich, losgelaufen zu sein. Ich trage meine Laufkleidung. Nun bin ich hier. Ich streiche mir mit der Hand über das Gesicht, um mich zu erfrischen. An meinem linken Augenlid bemerke ich etwas Ungewöhnliches. Ein Widerstand, eine Erhöhung. Ich befühle, was ich nicht sehen kann, ist es doch direkt auf meinem Auge, nur getrennt durch das Lid. Es fühlt sich so an, als wäre die Erhöhung direkt in meinem Auge und so greife ich nach der Erhöhung mit Daumen und Zeigefinger, einer Pinzette gleich. Ich umfasse, was sich dort festgebohrt hat und ziehe, so dass sich das Augenlid abhebt. Ich erhöhe die Kraft und bleibe geduldig. Mit einem Knacken löst sich das Spinnentier und ich halte es in meinen Fingern. Ich danke dem Spinnentier für den Hinweis, den ich bekomme – es saß fest auf meinem linken Auge. Es wären so viele andere Stellen möglich gewesen. Ich zerdrücke das Spinnentier zwischen meinen Fingernägeln und mache mich zurück auf meinen Weg.

Und darum laufe!

Der Wald

Ich laufe durch den Wald … und so wie ich es jetzt schreibe, habe ich es bereits hundert Mal geschrieben. Dabei wird mir der Begriff Wald immer fraglicher. Er ist eine Konstruktion, eine Vorstellung nur. Es ist eine Vereinbarung, dass wir Wald schreiben, wenn wir etwas meinen, von dem wir glauben, es würde ungefähr so verstanden, wie wir es meinen. Ich schaue genau hin und sehen einen Baum, einen weiteren. Ich sehe einen Mistkäfer, einen Abendsegler. Ich sehe Farne, Wasser in Pfützen, die feucht dampfenden Schwaden, die in den Bäumen festhängen. Ich bemerke, dass meine Erfahrungen an und mit dem Wald sich wandeln. Der Ort, im Grunde alles an ihm bleibt unfassbar und doch verwende ich diesen Begriff. Alle anderen Begriffe werden über diesen Gedanken hinaus ebenso fraglich. Entscheidend ist für mich dabei im Grunde nur, dass aus der gewandelten Erfahrung, der neuen Erfahrung mit dem Wald, die Befragung des Begriffes entsteht. Neu sehen, Neues versuchen, es kann ein Vorsatz sein. Er kann heiter betrieben sein, freudig und voll Liebe. Nichts ist fest, alles ist beweglich und weich.

Und darum laufe!

Spinnweben

Das einfallende Licht, auf meinem Weg im Wald, lässt mich eine linienförmige Reflexion  vor mir wahrnehmen. Es ist ein Faden. Es ist der erste Faden eines noch zu webenden Spinnennetzes, der quer über den Weg auf der Höhe meiner Augen gespannt ist. Ich sehe die Spinne, winzig klein, vom Wind bewegt. Sie hängt in des Fadens Mitte. Sie hat den großen Schlag geschafft. Über den Weg hinweg und ich erstaune über die Größe der Distanz, die diese kleine Spinne mit ihrem Faden überbrückte, um nun daran ihr Netz fortzuspinnen. Vielhundert Mal größer, als sie selbst. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht, ihre Meisterschaft zu bemerken. Ich ducke mich unter ihrem feinen Gespinst hinweg, laufe weiter und blicke mit einem Mal in mich hinein. Ich fühle mich tief verbunden mit dieser kleinen Spinne. Es ist so, als wäre ich durch das Ducken und das Unterschreiten dieses Fadens in ein mir bisher verborgenes Reich getreten. Es ist ihr Reich und sie zeigt mir ihre Kraft. Sie zeigt mir die Kraft aller webenden Spinnen auf diesem Planeten. Und in diesem dunklen Raum schimmern hier und dort silbrig die feinen Netze vieler Spinnen. Es sind Stellen im Inneren meines Körpers, denn es ist der Blick nach innen, in mich hinein. Die Spinne führt mich und begleitet mich. Und so reise ich zu meinen schmerzenden Schultern, zu der Entzündung an meinem Augenlid, zu dem bedrängten Gefühl in meinem Magen, der gerissenen Hornhaut an der Ferse meines Fußes. Im Blicke schon lösen sich die feinen Gespinste in reine Reflexion und verschwinden sanft und ohne Laut. Eine Weile noch bin ich verbunden und in großer Dankbarkeit. Ich kehre zurück und unterschreite den silbrigen Faden ein zweites Mal – mit diesem Wort.

Und darum laufe!

Wissenschaft

Wäre ich in dem Bewusstsein des Wissenschaftlers und wäre mir daran gelegen, nachzuweisen, dass ein Aufenthalt in einem Wald heilsam sei für einen Menschen oder sogar vielleicht für jeden Menschen – ein solcher Nachweis würde mir gelingen. Darin bin ich mir sicher. Eine Anzahl von Minuten, im Wald verbracht, in der Umgebung von dem, was wir Wald nennen, gehend, sitzend oder laufend, würde, so die Aussage, das Auftreten von zu bestimmenden Krankheiten in dieser oder jener Jahreszeit deutlich verringern. Dieser Nachweis würde mir gelingen. Doch nicht, weil hieran etwas wahr wäre, absolut, richtig oder überhaupt nachweisbar. Es würde mir gelingen, weil ich von der Aussage und dem zu erreichenden Ergebnis überzeugt wäre. Doch es geht um etwas völlig Anderes. Es geht um den Moment. Es geht um die Freiheit, die keines Beweises bedarf. Es geht um das Wissen und die Verkörperung des Wissens. Um das schweigende Vertrauen und das Lächeln, welches ich zurücktrage in die Gesellschaft der Menschen.

Und darum laufe!

Beginn

Wie anders ist der Weg, ist er aus der anderen Richtung genommen! Zum ersten Mal blicke ich in ein Tal hinab, aus dem ich sonst nur heraufblicke. Von beiden Seiten begangen, erkenne ich den Weg nun neu und in seinem Wesen. Vom Ziel aus betrachte ich meine Wege. Zum Anfang hin denke ich von diesem Ort. Zurück, hinein in die Unschuld des Kindes. In das momentverlorene Spiel. Versunken in das schlafende Wachstum, die eindeutige Wohligkeit. Bis zu dem entspringenden Beginn. Immer und immer wieder Beginn.

Und darum laufe!

Laufübung am Meer

Für diese Übung benötigst Du ein Meer, eine Küste, an der das Meer sich bricht. Dann benötigst Du einen Tag Zeit, zudem einen von Wolken klaren Himmel und den freien Blick auf die Sonne. Vor Dir benötigst Du einen Sandstrand. Vielleicht benötigst Du auch ein paar Tage Zeit, weil es sein kann, dass das Wetter an der See wechselhaft ist. Warte ab, irgendwann kommt die Sonne hindurch und dann laufe zum Strand. Du benötigst für diese Übung einen breiten Strand. Einen, der sanft zum Meer hin abfällt, sodass die Wellen lang und breit auflaufen, an Kraft verlieren und zurücklaufen. Ein Wattenmeer vielleicht. Dort laufe. Bewege Dich in dem Bereich, in dem die auflaufenden Wellen eine große Wasserfläche bilden, die im Ablaufen die Sonne reflektiert. Laufe nicht zu früh und nicht zu spät. Alles soll so sein, dass die Reflexion der Sonne vielleicht zwei Meter vor Dir liegt. Und dann laufe. Halte Deinen Blick gesenkt. Die Reflexion der Sonne läuft nun vor Dir. Sie begleitet Dich. Das ist die Übung. Erfahre, wie die Sonne vor Dir läuft, in gleichbleibendem Abstand. Du läufst dabei der Sonne entgegen. Lass den reflektierten Lichtfleck in Dich eingehen. Speise die Sonne ein in die Mitte Deines Kopfes und laufe, ohne zu denken. Das Rauschen des Meeres, die auf- und ablaufenden Strukturen von Wasser und Schaum unter Dir helfen Dir dabei. Lass alles in der Mitte Deines Kopfes zusammenkommen. Vertiefe Dich mit offenen Augen in das Zentrum Deines Kopfes. Laufe am besten barfuß durch die anbrandenden Wellen. Gib Dich dem Schwindel hin, hier kann nichts passieren, der Untergrund ist weich. Erfahre genau das, Kilometer um Kilometer. Und dann laufe heim. Das ist die Übung.

Und darum laufe!