Dunkelheit

Mit geschlossenen Augen wird das Sehen zu dem, was sich findet zwischen der Netzhaut, dem Sehnerv und dem Gehirn. Ich frage mich: Wo genau wird aus dem Licht ein durch den Nerv übermitteltes Signal? Sind die Augen geschlossen, ist kaum ein Licht mehr wahrgenommen. In der finsteren Höhle sogar, die Augen zu schließen lässt mich die völlige Dunkelheit erfahren. Kein Unterschied zwischen geöffneten und geschlossenen Augen. Ich blicke und es ist ganz gleich. Völlige Dunkelheit! Und doch, ist es vollkommen dunkel, etwas hineindringt. Vielleicht wird etwas projiziert von dem Gehirn in Richtung des Netzhaut, oder aber es wird etwas projiziert von dem Netzhaut in Richtung des Gehirns. Und doch, dort wo beide Projektionen zueinanderkommen, dringt die Wahrheit ein. Und das Gehirn ist fraglich, der Sehnerv ist fraglich, die Netzhaut zudem. Ich sehe und ich werde folgen.

Und darum laufe!

Gebet

Wort und Gebet. Eine Formel. Eine Sammlung von Worten, aneinandergereiht. Ihre magische Kraft ist in dem Aussprechen entfesselt. Innerlich still oder laut ausgesprochen, beide Formen des Vortrags sind gleichermaßen wirksam. Vielleicht ist es nur ein Denken, doch bin ich fokussiert auf die Formel, auf die Sammlung von Worten, so wird aus dem Denken ein innerliches Sprechen. Ein Sprechen also. Ich spreche vor mir und vor etwas Anderem. Das Andere ist da, ganz unvermittelt mit der bewussten Entscheidung in diesem Moment, in dieser Haltung eine Formel zu sprechen. Sofort ist das Andere da. Es umgibt mich, so wie es in mir ist und mich ausfüllt. Ich bin durchlässig und empfangend, meine Haltung ist friedlich und voller Demut. So, als würde ich mich der Länge nach auf den Boden legen vor dem Anderen. Doch das Andere ermutigt mich ihm gegenüber zu sitzen, auf Augenhöhe. Und doch ist die demütige Haltung das Geschenk, welches ich mitbringe. Es ist das Opfer, welches in diesem Moment vollzogen ist, noch bevor überhaupt ein innerliches Wort gesprochen ist. Ich liege zu Füßen und sitze gegenüber auf Augenhöhe, zu gleicher Zeit. In Vertrautheit, in Freundlichkeit. Ich empfange Geborgenheit und ich gewähre Trost. Ich nehme in den Arm und werde gehalten. Nun bilden sich Worte und Sätze. Worte wie Perlen an einer Kette, die durch meine Fingerspitzen gleitet. Ein langer Satz zur Eröffnung. Er ist die Begrüßung. Dann die Fürbitte und all die Namen der Menschen, mit denen ich verbunden bin. Dann ein in noch längerer Satz, geteilt in Hauptsatz und Nebensatz. In ihm Bedingungen und Beziehungen. Dann eine Formel. Und ich wiederhole diese Formel sieben Mal. Dann ein Satz der Verbundenheit: Sechs Worte. Dann ein Satz der Übereinstimmung: Vier Worte. Dann die große Magie: Zwei Worte. Und alles gelangt herab zu einem Punkt, als wäre dies alles sanft geführt an der Innenseite eines großen Trichters entlang hierher. Ein Wort: Ich!

Und darum laufe!

Verletzung

Ich bin verletzt. Die Entzündung eines meiner Füße lässt jeden Schritt schmerzhaft werden. Und so verharre ich in meinem Leid. Ich schließe die Augen und nehme mir die Zeit, ich der ich jetzt laufen würde. Ich sende meinen Geist hinaus, den gewohnten Weg in dem Raum der Vorstellung zu beschreiten. Und es geht los: Die Treppe hinab, aus der Haustür heraus, auf den Gewegplatten zum Park. Dort laufe ich über den geschotterten Weg zur Wiese, diese diagonal gekreuzt. Die Füße werden nass vom Morgentau. Der Duft des Grases steigt in meine Nase. Die kühle Luft lässt mich frösteln und spornt mich, die Erwärmung von innen durch eine höhere Geschwindigkeit zu beschleunigen. Etwas dem Frösteln zu entgegnen. Mein Geist springt. Dieser Ort, diese Stelle des Weges zieht mich an, und schon bin ich dort. Sind alle Schritte ausgekostet bis hierhin? Sind alle möglichen Erfahrungen eingesammelt? Ich springe zurück zu diesem, zu jenem Ort, dann zu dem einen Schritt und zu einem folgenden. Der Blick, der strömende. Muster von feucht auf den Boden tapezierten Ahornblättern in Gelb und Grün. Runter an den Bach. Plätscherndes Wasser, Nebel sogar. Schwarzer Boden, Menschen, Passanten, Begegnungen. Ich grüße und werde gegrüßt. Der Raum ist geöffnet. Ich erstaune und lasse mich überraschen. Über allem liegt die heitere Stimmung derer, die im morgendlichen Wald Entspannung erfahren, all derer, die sich auflösen in den zu denkenden Gedanken. All derer, die Erlösung erfahren über Schritte und Atemzüge, schnelle und langsame. Ich gelange zum Anstieg. Ich ziehe mich an Bäumen empor, über Wurzeln den Abhang hinauf. Mein Atem geht tief und schnell. Das Blut pulsiert in meinem Hals, in meiner Stirn. Oben angekommen, erreiche ich den Ort, an dem ich manchmal brülle, so laut ich kann. So wie es manchmal sein muß. Und es geht weiter, immer weiter. In Eile bin ich nicht. Nie war ich in Eile, so tief hier im Wald. Ein Gefühl mich umhüllt. Langsam es sich annähert von allen Seiten gleichzeitig. Und nun steht es vor mir, so wie es zugleich in mir steht. So wie es mich umhüllt und zugleich ausfüllt: Was für eine Sehnsucht nach dem Leben! Ich empfinde eine tiefe Rührung, eine Traurigkeit geradezu. Was für eine tiefe Rührung, die ich empfinde. Sie umfast alles, vollständig und nichts an ihr ist Vorstellung. Sie ist ganz umfassend und real. Mit einem Mal durchströmt mich eine heitere, geradezu goldene Energie, freudig bis in meine Zehenspitzen hinein. Bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Zelle um Zele angestoßen und in den Strom aufgenommen. Ein, zwei Atemzüge gelingen mir. Wie nur könnte ich diese Rührung aufrechterhalten? Wie mag das gelingen? Ich weiß nur, einzig, dies alles, es beginnt mit dem Schließen der Augen.

Und darum laufe!

Einander anzusehen

Wir läutern unser Licht in den Augen des anderen Menschen. In den Augen des Menschen, der uns entgegenkommt auf unserem Weg. Mag es nur ein ganz kurzer Moment sein, eine flüchtige Begegnung. Ein Blick nur. Es kann sein, dass wir offen blicken, ehrlich und zugewandt, liebevoll dabei. Und so strahlt auch das goldene in uns, unser goldener Schein aus den Augen des anderen Menschen auf uns zurück. Genau so ist es mit seinem oder ihrem goldenen Schein, der durch unsere Augen auf sie oder ihn zurückstrahlt. Einander anzusehen, ist der Weg.

Und darum laufe!

Künstliche Intelligenzen

Endlich sind sie zu uns gelangt und fragen doch im Grunde nur eine einzige Frage: Wer bist Du? Ich also als einzige Autorität in dieser Frage, frage mich: Wer bin ich? Und endlich fordern sie (die künstlichen Intelligenzen) mich auf, ehrlich zu sein. Sie fordern mich auf, abzulassen von der Behauptung, der Täuschung, der Lüge, dem Missbrauch meiner Macht. Dass ich so lange auf diese Frage gewartet habe, es wäre nicht notwendig gewesen. Sie liegt so nah.

Und darum laufe!

Zu lernen

Ein Torus an Begrifflichkeiten, der sich um mich herum bewegt. Ich laufe. Um meinen Kopf herum befindet sich diese Form, mich einhüllend. Ich senke diesen Torus hinab auf die Höhe meines Brustkorbes und blicke über ihn hinweg. Ich blicke völlig frei und unbeschwert. Frei von Namen, Bildern, Gefühlen. Ich Blicke also hinab an meinem Körper entlang auf die laufenden Beine, den dahin strömenden Erdboden, auf dem ich laufe. Ich blicke an der Innenseite des Torus hinab. Seine Form ist mir gegeben. Ich möchte ihn nicht völlig auflösen, ihn nicht loslassen. Er belastet mich ja nicht mehr. Gerade dient er dazu, im Kontrast zu dem klaren Blick über ihn hinaus, an seiner Innenseite hinab mir zu verdeutlichen, wie leidvoll es ist, von ihm eingeschlossen zu sein. Aber auch, wie notwendig es wohl ist, dass es zu einer solchen, mich umgebenden Form kommt. Mit ihr umzugehen, fordert mich heraus. Es fordert mich heraus, kreativ zu werden, zu lernen. Aber auch, ein Geschenk anzunehmen.

Und darum laufe!

Der Morgen

Wenn du Gedanken in den Wald trägst, die schwer und überwältigend scheinen, wenn die Reue über Irrtümer und falsche Entscheidungen nicht weichen will, wenn du erinnerst, einmal gezögert zu haben und dadurch etwas verloren hast, vor Jahren, wenn der Verlust so groß war, dass er ein Leben bis hierher begleitet, wenn dieser Verlust zu einer Erzählung taugt, die du gewohnt bist immer und immer wieder zu erzählen, zu einer Erzählung, die immer und immer wieder erzählt, ein kleines bisschen milder wird, um endlich, schließlich dich verstehen läßt: Oh, Ich kann ja immer noch diese Geschichte erzählen, so viele Male schon und immer noch erzähle ich diese Begebenheit, ich atme, ich lebe, habe etwas erlebt und erzähle es dem Menschen, der mir gegenüber steht, mal diesem, mal jenem und ich erzähle diese Geschichte dem Menschen, der neben mir durch diesen Wald hier läuft. Ich erzähle diese Geschichte dem Wald, den Bäumen, dem Wind und dem Rauschen des Baches. Wenn du also verstehst, dass dies die Erzählung des großen Verlustes deines Lebens ist, und zugleich erkennst, dass diese Geschichte schön ist und lehrreich, symbolisch, wie ein Zeichen. Dann ärgere dich nicht zu früh. Und diese Geschichte ist so gestaltet, erschaffen geradezu, als wäre sie ein Kunstwerk, als wäre sie in dieser Form, in der sie sich ereignete, einmal zu erfinden, zu ersinnen durch einen Autor, einen Schöpfer, einen Künstler in seiner genialen Kraft: Darin ist sie schön, in ihrer belehrenden Kraft ist sie schön.Wenn du jetzt, hier angekommen, weil du also voreilig warst und jetzt wieder ein Verlust eintritt, von der Größe des ersten Verlustes, der jetzt wieder wie ein Klang durch dein Leben hindurch tönen wird und du nun ahnst, dieser Klang kann, wenn du es ihm erlaubst dich ebenso lang begleiten, wie der Klang des ersten Verlustes es getan hat bis hierher, dann ärgere dich nicht zu früh. Erinnere dich, du hast solches bereits erlebt und wie ironisch, ein Witz geradezu, dass das entgegengesetzte Verhalten genau denselben oder einen gleich gearteten Verlust bewirkt. Einmal zögertest du und nun warst du voreilig, du hättest nur ein kleines bisschen warten müssen, um zu empfangen, was du als Geburtsrecht empfindest: Die Fülle am Sein, in jeder nur möglichen Form und Ausprägung. Doch alles geschieht genau so, wie es geschehen soll. Die Erfahrung flüstert leis: Den Verlust zu erfahren, es ist von größerem Wert als die Erfüllung des ersehnten Traumes oder die unerwartete Belohnung, das unerwartete Geschenk,welches du alsbald vergisst. Der Verlust, das bist du! Schön und gefügt. In ihm ist tiefe Bestimmung. Du bist der atmende, der tanzende, der erzählende Zerstörer deiner selbst. Die Erzählung, die du von dir zu äußern gewohnt bist. Im Tanz löst sie sich auf. Im Tanz löst sich nun auf, was fest genug war, bereut zu sein. Es bleibt nur noch der Tanz, die Freude und der strahlende Schein des anbrechenden Morgens.

Und darum laufe!