Verdunkelung

Ich blicke an einem Gebäude auf, denn seine Architektur, die Folge der Stockwerke, leitet meinen Blick hinauf. Ganz unbewusst werde ich geleitet und ich überstrecke meinen Hals, blicke hinauf zum obersten Stockwerk und die Welt verdunkelt sich. Das Stockwerk ist Schwarz. Mir ist schwarz vor Augen. Interessant, denke ich, senke den Blick, halte mich an der Ampel an der vielbefahrenen Straße fest. Ich kontrolliere meinen Atem, um nicht zusammen zu sacken, nach meinem langen Lauf. Nicht zu viel atmen, nicht zu wenig! Ich gebe mir Anweisungen. Das ist die Grenze. Dieser Ort interessiert mich, werde ich später sagen. Warum ich das brauche, um mich lebendig zu fühlen, weiß ich nicht. Ich kann es akzeptieren und meinen Frieden damit finden, denn es scheint ein ur-menschliches zu sein. Und dort, wo mir schwarz vor Augen wird, bin ich verbunden mit all denen, die es ebenso erleben, erlebt haben. Über alle Zeit hinweg: Die Verdunkelung der Wahrnehmung.

Und darum laufe!

Die Hypoxie

Militärische Ausbilder wissen um die Bedingungen des Krieges und sind Experten darin, Menschen vorzubereiten. Menschen sollen bestehen können. Und sie wenden Techniken an, die von den Auszubildenden vielleicht überhaupt nicht erkannt werden. Die Wirksamkeit dieser Techniken zeigt sich nicht, sie wird nicht offenbart. Doch ihre WIrksamkeit ist gegeben. Und hier ist eine dieser Techniken: Das Singen während des Laufens. Ganz unabhängig von dem Inhalt eines Liedes, von Rhythmus und Melodie wird über den Gesang der Atemrhythmus einer Gruppe synchronisiert. Ein Wechselgesang – Etwas wird wird vorgesungen, dann von der Einheit, der laufenden Gruppe nachgesungen. Das Singen beim Laufen führt dazu, dass die Ausatmung der laufenden Menschen stimmhaft wird und in ihrer Dauer der Liedzeile zu folgen hat. Nun, in dem laufenden Zustand, der ja auch beschleunigt werden kann, kann der Einzelne an die Atemnot herangeführt werden. Und der Einzelne hat zu laufen, er hat die Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Viele Schritte werden also aussingend vollzogen ohne einatmen zu können. Dies ist eine überlieferte Trainingsmethode. Die Atemnot wird herbeigeführt und sie wirkt stärkend. Doch was, so stellt sich mir die Frage, wird getan, von wem, um Menschen auf den Frieden vorzubereiten? Wer also weiß um die Bedingungen des Friedens und die Vorbereitung von Menschen, um im Frieden bestehen zu können?

Und darum laufe!

Endlichkeit

Das Versprechen, es ist, dass in dem Vertrauen darin, dass es eine Erlösung gibt, jetzt hier in diesem Moment die Angst sich löst. Die Angst vor dem Ungewissen, dem Unbekannten, dem Ungeahnten, dem Unausdrückbaren, dem Erschreckenden und darin wird die Erlösung wahr, hier und sofort. Die Erlösung, ihr entgegenzustreben, all die Mühsal und Schmerzen zurückzulassen, das ist doch nur natürlich und nachvollziehbar. Und so lebt ein Mensch unvernünftig, riskant, an den Grenzen des Seins, strebt den Gipfeln entgegen, taucht hinab in die Tiefen und riskiert die Bewusstlosigkeit. Doch all das, nicht ohne der Aufgabe zu begegnen, die dem Menschen aufgetragen war. Die Aufgabe zeigt sich deutlich, ganz besonders an den Grenzen, nahe der Bewusstlosigkeit und sie kann sein: Die Angst zu erfahren in all ihren Ausprägungen und in ihrer würgenden Kraft, die Einsamkeit zu erfahren, die Ausgestoßenheit. Die Aufgabe kann sein: zu erfahren, wie es sich anfühlt, verraten zu werden von dem Freund. Und in diesen Erfahrungen ist alles gut. Kein Mensch ist mit einem anderen vergleichbar, keine Aufgabe gleicht einer anderen. Fern einer Bewertung. Nur der Mensch sebst mag bedenken und zurückschauen und für sich den Frieden oder den Unfrieden mit sich selbst finden. Doch zuvor sieht dieser Mensch vielleicht, wie er seinen Körper verlässt, auf einer Wiese, an einem Wegesrand. Er sieht, wie er sich also ausruht, sich ein wenig niederlegt, in Sportkleidung. Er sieht, wie er seine Füße ein wenig hochlegen möchte, um also aus sich selbst herauszutreten, unter dem Weidezaun sich hindurchzubücken, aufzusteigen, vielleicht 30 Meter, um auf sich selbst herabzublicken. Wie friedlich, wie geborgen, wie schön. Um dann zu verschwinden.

Und darum laufe!

Vergessen

Ich vergesse einen Gedanken und forsche nach ihm, um erheitert festzustellen, mich in ihm gerade zu befinden. Ich vergesse ein Leben, suche nach ihm, um erheitert festzustellen, mich in ihm gerade zu befinden. Gelöstheit also, für den Moment und es ist beides nicht zu vernachlässigen. Die hohe Kunst des Denkens: Zu schweifen, ganz vertieft sich zu übergeben dem Strom der Gedanken. Das Schiff mit gesetzten Segeln dem Stum zu übereignen. Und zugleich: Zu navigieren, die Position zu bestimmen, des Zweckes Fahrt nicht außer Acht zu lassen. Die Erfahrung heim zu tragen, sie zu formen und zu bewahren.

Und darum laufe!

Das Erkunden

Das zu durchschreitende Tal, der zu durchlaufende Weg, und so viele es sind, in ihren lichten und auch ängstigenden Qualitäten. Die Kontraste verdeutlichen mir, wie tief ich sinken kann, wie hoch hinauf meine Seele reichen kann. Schöne Wege, beschwerliche, Wüsten und sorglose Paradiese. Fruchtbare Täler und fruchtbringende Ausgesetztheiten. Das sind die Wege und ich bin ein – in dem Laufen auf diesen Wegen – erfahrener Mensch. Erfahren so sehr, dass ich suchen nach ihren Extremen strebe und dankbar bin, das lustvolle Erkunden immer noch betreiben zu dürfen. Und so laufe ich, um nun das Bild gewandelt zu bekommen. Das gewandelte Bild zeigt eine Loslösung meiner selbst von Vorstellungen und von verfestigten Glaubenssätzen. Es erweicht mich, mein Herz, und es zeigt Möglichkeiten, in denen zu sein ich noch nicht wagte. Das neu gewonnene Bild, es ist: Das zu durchschreitende Selbst, das zu durchlaufende Wesen, und so viele es sind, in ihren lichten und auch ängstigenden Qualitäten. Die Kontraste verdeutlichen mir, wie tief ich sinken kann, wie hoch hinauf meine Seele reichen kann. Die schönen Wesen, beschwerte, in Wüsten verlorene und in sorglosen Paradiesen geborgene. Wesen, die durch fruchtbare Täler wandeln und in der Ausgesetztheit erkennen. Das sind die Selbste und ich bin ein – in dem druchlaufen dieser Selbste – erfahrener Mensch. So sehr, dass ich suchend nach ihren Extremen strebe und dankbar bin für die Möglichkeit, das lichtvolle Erkunden immer noch betreiben zu dürfen.

Und darum laufe!

Das Absolute

Der Herbst als die Zeit der Spinnen, die ihre Netze aufspannen. Fäden silbrig in den Raum hineingewoben und ich lasse mir sagen, es gäbe 700 Trilliarden von Sonnensystemen, die wie das unsere, Planeten in sich bergen. In mir erhebt sich die Vorstellung von einer unfassbar großen Anzahl an Planeten. Eine Vorstellung die beunruhigen kann oder ebenso ein großes Vertrauen hervorrufen kann. In der Unfassbarkeit sich geborgen oder eben verloren zu fühlen, sind gleichberechtigte Möglichkeiten. Ich entscheide mich für eine dieser Möglichkeiten und stehe mit jedem Tag erneut vor dieser Entscheidung. Ganz sicher, das Licht, so wie es die silbrigen Fäden in der Reflexion sichtbar werden lässt, die Netze als feine, filigrane vom Wind bewegte Gebilde erscheinen lässt, es muss sich hier an diesem Ort genauso verhalten, wie an jedem der möglichen, der von mit imaginierten Orte dort draussen in der unerreichbaren Ferne. Von dem Licht geht alles aus und dieses Licht muss sich in diesen vielleicht 700 Trillionen von Sonnensystemen ebenso verhalten, wie es dies hier tut. Das Licht, es ist das Absolute. Sieh hin, es ist in Allem!

Und darum laufe!

Die Ahnung

Auch wenn der Wunsch ihn zu verlassen wie ein feiner Ton immer mitschwingt, auf ihm sind vielleicht Erfolge errungen, Erkenntnisse gewonnen und die Gesundheit war wiedererlangt. Der vertraute Weg trägt ein Leben, drückt es aus, ist dieses Lebens Entsprechung. Der Weg, er ist im Tanze vermählt mit der Seele des Laufenden. So sehr Eins, und doch dieser Ton. Und nun also die Entscheidung, den Weg zu verlassen. Das Neue ruft. Der Ton war aus dem Geahnten, dem Unbewussten herausgetreten und zu dem Unüberhörbaren geworden. Und der erste Schritt auf dem neuen Weg ist getan. Tränenreich, voller Schmerzen. Dornig und auch Nesseln brennen an den Beinen. Und aus dem neuen, vielleicht steinigeren Weg, aus dem Pfad wird nun über die Gewöhnung ein neuer Weg. Was an Gefühlen gelingt mir hier auszudrücken? Was an Erkenntnissen ist hier zu gewinnen? Nur wenn ich Zugang erhalte zu dem Unausgedrückten, dem Unerhörten in mir, ist dieser Weg keine Kopie des zuvor beschrittenen. Nur das Neue ist das Neue. Das Neue ist immer auch mit der Mühsal verbunden und darin erkenntnisreich. Doch ein neuer Ton sich ganz fein in mir erhebt. Ist dies eine Kopie? Ist mein Weg der einem ineren Muster folgende? Bin ich wirklich in neue Regionen vorgedrungen? Oder sind dies nur mir selbst auferlegte Mühen, die ich benutze, um vor mir selbst auszuweichen? Um zu vermeiden mich mit mir selbst zu konfrontieren? Und Ich sehe dort ein Selbst vor mir. Eine Scheme auf dem Weg, auf die ich zulaufe, Schattenhaft und Licht zugleich. Durch diese Scheme hindurchzutreten, ich gekommen bin. Auf welchem Weg sie vor mir liegt – nur ich kann es wissen, doch niemals bevor ich einen Weg beschritten habe. Doch ich habe eine Ahnung. Nur ich kann erahnen, welche der Schemen auf welchem Weg vor mir liegt. Und wenn es etwas gäbe, welches falsch zu nennen wäre: Es wäre gegen die eigene Ahnung gegenanzulaufen.

Und darum laufe!

Tunnel

Einmal, denke ich, gehe ich diesen Tunnel hinauf. Es wird ganz einfach sein, leicht und frei. Und ich erheitere in dieser Vorstellung, nehme ich doch eine unvorstellbar große Anzahl an Tunneln wahr, die ich bereits hinaufgegangen bin. Jeder Moment erscheint mir wie ein Tunnel, mal leicht mal mühsam oder widerwillig beschritten. Auch geängstigt oder zornig. Die Endlichkeit als eine Vorstellung des Moments. Wie heiter, dass der Moment soetwas gebiert wie eine Vorstellung von Endlichkeit.

Und darum laufe!

In der Nacht

Ich versuche, das Universum zu verstehen. Die Vielzahl. Die Unendlichkeit. Ich versuche, all die Vorstellungen zu verstehen, dazu die Idee davon, dass all diese Vorstellungen wahr sind, oder auch nur die Möglichkeit, eine dieser Vorstellungen sei wahr. Ich finde Erkenntnisse und Beweise, um dem noch viel größeren gegenüberzustehen,. Diesem höheren und zugleich tieferen Prinzip. Wie schön, dass auf eine Vorstellung eine weitere folgt. Ganz sicher also ist dort die Vielzahl an Sternen in der Nacht, die Milchstrasse in ihrem Band, die sich über den Nachthimmel zieht. Ich bin also hierher gelangt, um ein Subjekt zu sein. In dieser tiefen Entfernung empfinde ich die Einsamkeit des betrachtendenden Menschen, des Menschen, der vollkommen getrennt sich wahrnimmt und etwas anderem gegenübersteht. Was für eine erstaunliche SItuation, in die ich hier hereingeraten bin. Ich möchte sie würdigen, so leidvoll sie von mir immer wieder empfunden ist. Was ist dieser eine Same, den ich aus dieser tief empfundenen Einsamkeit heraus gewinne? Er ist – und ihn einzupflanzen bin ich gekommen. Ihn zu pflegen, ihn zu behüten, ihn zu begiessen bin ich gekommen – der Same ist, gedacht zu werden von dem Universum, von der Vielzahl, von der Unendlichkeit gedacht zu werden. Der Same ist, erdacht zu sein, darin völliges Objekt. Dabei vollkommen verbunden zu sein, ein Teil des Geistes aus dem Geiste heraus. Ich selbst, eine Vorstellung zu sein dieses Geistes. Wie schön! Warum nur feiern wir nicht diesen Moment?

Und darum laufe!