Unrecht

Bin ich ausgeruht, ausgeschlafen, so bin ich in der Lage, etwas zu sehen. Ich bin in der Lage, etwas zu erkennen, dann zu verstehen. Ich kann versuchen in eine Beschreibung fliessen zu lassen, was ich glaube zu verstehen. Ein Unrecht es ist, einen Menschen zu zwingen in die Unausgeruhtheit. Ein Unrecht es ist, dem Drängen nachzugeben und unausgeruht zu existieren. Ein Unrecht, das Unrecht gewähren zu lassen.

Und darum laufe!

Kotau

Sich niederwerfen, den Kopf auf den Boden stoßen vor etwas, welches der Ehrerbietung würdig wäre. Etwas also zu suchen, welches makellos wäre, vollkommen makellos, um in gebührendem Abstand, fern von jedem Zweifel, ferner noch von jeder Kritik, sich niederzuwerfen. Die sogenannte Große Verbeugung, die Volle Verbeugung. Und so vergeht mein Leben auf der Suche nach dem Ort, dem Moment, der Gelegenheit, der Persönlichkeit, vor der eine solche Niederwerfung möglich wäre. Ohne Heuchelei, ohne Furcht oder Angst, völlig aus dem inneren Empfinden heraus. Und so vergeht mein Leben in wiederkehrenden Enttäuschungen, denn menschliches ist Menschliches. Heilige Orte habe ich gesehen, ganz sicher. Erhabenheit, den Sternenhimmel, aber, ohne die innere Haltung, welche sich müht um diese Begegnung, habe ich auch eine völlige Leere empfunden. Mein Weg, er ist sich hinzu zu bewegen auf die Bereitschaft, sich zu verneigen. Ich kann mich vor Dem-Sich-Verneigen verneigen. Denn darin wird es wahr, das Heilige.

Und darum laufe!

Beständig

Ich höre die Erzählung von Anfang und Ende. Ich höre von einem Ursprung und einem Verlöschen, einem Ende. Der Ursprung, gedacht wie eine Explosion, so weit entfernt, dass ich keine Vorstellung habe von der bis hierher verstrichenen Zeit. Sie übersteigt meine Vorstellungskraft. Das Ende, gedacht wie eine Implosion, als würde sich alles in sich zurückziehen, in so weiter Ferne, dass ich keine Vorstellung habe von der Zeit, die noch verstreichen soll. Und andere Konzepte des Verlöschens dazu. Und jetzt stelle ich mir vor, alles wäre schon immer da gewesen. In Veränderung, in Bewegung, ganz sicher, doch schon immer da. Eine Schöpfungsgeschichte würde es überhaupt nicht geben. Nicht einmal die Vorstellung von einer Geschichte, deren Inhalt das Enstehen und das Vergehen wäre. Und jetzt stelle ich mir zudem noch vor, alles wird immer sein, für alle Zeit. Ein Ende würde es überhaupt nicht geben, nicht geben können. Was macht dieser Gedanke mit mir und meiner Angst? Wonach richte ich mich aus, auf einem meiner Läufe? Was bedeutet es für mich, wenn ich es wirklich glaube, dass es keinen Anfang gibt und kein Ende? Was bedeutet es, in einer solchen Welt zu leben? Was will ich bewirken in einer erschaffenen und vergehenden Welt und was will ich bewirken in einer schon immer da gewesenen und bestehenden Welt? Vielleicht bin ich frei, etwas zu erfahren. Das Wirken von Kräften an mir. Die Beständigkeit führt mich in die Freiheit, mich dem Leben, dem Lebendigen zuzuwenden. Nichts ist zu errichten, um im Anblick seiner Vernichtung zu erschauern. Das Sein ist die dem mich Umgebenden entsprechende Form. Das Sein zu einer Kunst werden zu lassen. Es steht mir frei.

Und darum laufe!

Der Strom

Mein Einstieg in seine Träge Kraft liegt bei Kilometer sechs und zu trainieren bedeutet, daran zu arbeiten, ein klein wenig früher einzusteigen, sodass das Laufen ein getragenes wird, ein von seiner Kraft geschobenes. Ein von seiner Masse sich abstoßendes, so als wäre ich ein Kanute in seinem Boot und das Stechpaddel mein Werkzeug.

Und darum laufe!

Linienläufer

Das Laufen im Kreis ist etwas anderes, als das Laufen auf einer Linie. Wo es hier vielleicht als ein Vorteil empfunden sein mag, dass vom ersten Schritt an das Ziel voraus liegt, so mag dort der Weg zu dem Wendepunkt als beschwerlich empfunden sein, weil ein jeder Schritt Entfernung bedeutet und eben nur in übertragenem Sinne Annäherung. Doch dem sich vergrößernden Raum, dem sich Von-dem-Ziel-und-dem-Ausgangspunkt-Entfernen, einen Sinn abzugewinnen, ist die Herausforderung, die dem Linienläufer gestellt ist. So wie er sich körperlich trainiert, steht ihm die mentale Übung bereit, vom ersten Schritt an. Mit der Vorstellung des Sich-Entfernens umzugehen ist die Herausforderung für den Linienläufer. Ein Möglichkeitsraum. Nichts wird ihn schrecken können. Nach innen gesenkt, mag er eine besondere Stärke entwickeln. Vom ersten Schritt an. Sie ist, unbeirrt zu sein. In mir erhebt sich die berauschende Vorstellung, zu einem Linienläufer zu werden, der nicht zurückkehrt an seinen Ausgangspunkt. Ein Linienläufer, der Tag für Tag sich fortbewegt und nie zweimal an dem gleichen Ort sich niederlegt, um auszuruhen. Ein Linienläufer, der nicht mehr zurückkehrt, der sich nicht umdreht, der weiter, immer weiter läuft. Einfach nur geradeaus, um darin den Kreis eines Seins zu schließen.

Und darum laufe!