Tunnel

Einmal, denke ich, gehe ich diesen Tunnel hinauf. Es wird ganz einfach sein, leicht und frei. Und ich erheitere in dieser Vorstellung, nehme ich doch eine unvorstellbar große Anzahl an Tunneln wahr, die ich bereits hinaufgegangen bin. Jeder Moment erscheint mir wie ein Tunnel, mal leicht mal mühsam oder widerwillig beschritten. Auch geängstigt oder zornig. Die Endlichkeit als eine Vorstellung des Moments. Wie heiter, dass der Moment soetwas gebiert wie eine Vorstellung von Endlichkeit.

Und darum laufe!

Getrieben

Wie sollte ein getriebener Mensch ein Freund sein können? Wie aufmerksam? Wie das richtige sagen? Ist er doch in Not mit sich und den Raubtieren beschäftigt, die ihn jagen. Wie Partner sein? Wie geliebt oder liebend? Wie sich hingeben oder Hingabe empfangen, gewähren, ermöglichen? Alles bis hierher, was diesen Anschein erweckte – Illusion! Nichts war dort, Nichts, ausser der blanken Angst.

Und darum laufe!

Scherben

Eine Flasche springt, nachdem sie mir aus der Hand geglitten ist. Robustes Glas, ungünstig gefallen, zerborsten, obwohl der Weg weich vom Regen, ganz ohne Steine. Ich bin erstaunt. Was habe ich gedacht in diesem Moment? Ich bin Ungeschickt, weil gedankenverloren, denke ich nun. In welchem Zustand bin ich hierhergelangt? Und ich ahne von allem Möglichen, welches sich ereignen mag, weil ich belegt bin mit Gedanken. Unfrei und eng. Ich bin belegt mit dem Bedenken und ich weiß, dass ich in Gefahr bin. Eben noch wollte ich einen Schluck von dem Wasser nehmen und nun sind dort nur noch Scherben in meiner Hand. Scherben und die Dämonen hinter mir, wie die Hunde eines selbst gehetzten Läufers, den ich hinter mir atmen hören kann. Ich könnte doch stehenbleiben! Endlich aufhören, aufgeben und annehmen, was immer passieren mag. Mich umdrehen und ansehen, was mich vor sich her treibt. Doch das ist das Schwierigste von Allem. Es ist das Schwierigste, anzusehen, was in mir dort ist. Was mich bedroht, aus mir heraus. Ansehen genügt, sage ich immer wieder. Und doch laufe ich weiter. Laufe mit den Scherben in der Hand.

Und darum laufe!

Nicht sein

Dem sich erkennenden Wesen, seiner Selbst bewusst und darin verwirklicht, ist die größte Angst, nicht mehr zu sein. Zumal eben erst das Sein erkannt und darin errungen ist. Das Nicht Sein also – der Tod ist es nicht, verachtet ebenso wie das Sterben, die letzten zum Tode führenden Züge des Atems auch über Jahre hinweg. Das Nicht Sein, es ist das, was eintreten mag, wenn der Raum geöffnet ist, indem ein Mensch von dem eben errungenen Sein ablässt. Es loslässt, sich loslässt, um sich zu erhöhen in dem Aufgehen im Unbekannten. Viele Formen sind möglich, hohe und niedere. Zu Bewundernde ebenso, wie Verabscheuungswürdige. Und auch der Wunsch sich zu erniedrigen mag ausgekostet sein, wenn ein Mensch dies erfahren möchte. Die größte Angst und zugleich der größte Ruf, denn die Erweiterung des Seins ist nur dort möglich, wo das Sein glaubt an seine Grenze gelangt zu sein. Bin das Ich? Das bin ich! Jenseits davon, etwas anderes. Zieht es mich an? Ruft es mich? Ja, ganz offensichtlich. Warum also nicht? Wäre dort nicht die Angst …

Und darum laufe!

Beständig

Ich höre die Erzählung von Anfang und Ende. Ich höre von einem Ursprung und einem Verlöschen, einem Ende. Der Ursprung, gedacht wie eine Explosion, so weit entfernt, dass ich keine Vorstellung habe von der bis hierher verstrichenen Zeit. Sie übersteigt meine Vorstellungskraft. Das Ende, gedacht wie eine Implosion, als würde sich alles in sich zurückziehen, in so weiter Ferne, dass ich keine Vorstellung habe von der Zeit, die noch verstreichen soll. Und andere Konzepte des Verlöschens dazu. Und jetzt stelle ich mir vor, alles wäre schon immer da gewesen. In Veränderung, in Bewegung, ganz sicher, doch schon immer da. Eine Schöpfungsgeschichte würde es überhaupt nicht geben. Nicht einmal die Vorstellung von einer Geschichte, deren Inhalt das Enstehen und das Vergehen wäre. Und jetzt stelle ich mir zudem noch vor, alles wird immer sein, für alle Zeit. Ein Ende würde es überhaupt nicht geben, nicht geben können. Was macht dieser Gedanke mit mir und meiner Angst? Wonach richte ich mich aus, auf einem meiner Läufe? Was bedeutet es für mich, wenn ich es wirklich glaube, dass es keinen Anfang gibt und kein Ende? Was bedeutet es, in einer solchen Welt zu leben? Was will ich bewirken in einer erschaffenen und vergehenden Welt und was will ich bewirken in einer schon immer da gewesenen und bestehenden Welt? Vielleicht bin ich frei, etwas zu erfahren. Das Wirken von Kräften an mir. Die Beständigkeit führt mich in die Freiheit, mich dem Leben, dem Lebendigen zuzuwenden. Nichts ist zu errichten, um im Anblick seiner Vernichtung zu erschauern. Das Sein ist die dem mich Umgebenden entsprechende Form. Das Sein zu einer Kunst werden zu lassen. Es steht mir frei.

Und darum laufe!

Einsamkeit

Ich bin allein, ganz allein. Die Dämmerung taucht den Wald in ein dunkles Oliv und bald schon in ein von grauen Schemen durchzogenes Schwarz. Ich bin allein, so sehr, dass es mich ängstigt, bedrückt und deprimiert. Und je näher ich mich der völligen Dunkelheit annähere, umso einsamer fühle ich mich. Ich laufe hier, wie ein Tropfen Wasser, der durch die Luft fliegt, auf dem Weg zu der Vereinigung mit dem Ozean, aus dem er entstammt. Je näher ich mich der Vereinigung annähere, umso stärker nehme ich dieses Gefühl der Einsamkeit wahr. Und so bin ich radikal und rein, klar und ausgerichtet. Das also bin ich, ein Tropfen Wasser, der schon bald im Ozean aufgehen wird. Und ich kenne das Gefühl, aus dem heraus ich geboren wurde. Ich erinnere die Kraft der Welle, die an die Küste anbrandete. Ich erinnere die Kraft, durch die ich herausgeschleudert wurde. Und ich kenne die Weite, aus der heraus die Welle sich erhob. Die Weite, zu der ich zurückkehren werde.

Und darum laufe!

Das Allmähliche

Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein vom feuchten Dampf gesättigter Wald, ein warmer Morgen nach einem ergiebigen Regenguss in der Nacht. Der weite Blick in die Dunstwolke über dem Bach hinein. Diese vollkommene Geborgenheit, in diesen für mich so günstigen Bedingungen. Besser kann ich mir die Bedingungen, unter denen zu laufen wäre, nicht vorstellen. Und doch: Es fallen mir von der Magie und der Schönheit der Schöpfung beseelte Momente ein, in allen Jahreszeiten. In kalten Wintern, in feuchten Frühjahren, in milden Spätsommern, in von Gewittern geschüttelten Sommern. So viele Momente, immer wieder, die mir ideal wurden. Ich höre auf, darüber nachzudenken und empfinde nur noch, laufe nur noch. Und ich laufe weit und werde rein und kräftig, in der Annahme dieser Bedingungen. Es ist ein Glück, dass ich hierher gefunden habe. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ich erinnere in ganz anderen Zuständen existiert zu haben. Das Sein war leidvoll und überwältigend. Es war bedrohlich und ängstigend. Ich ahnte nicht davon, dass das Sein überhaupt anders sein könnte, als dröhnend und schwer, in einer bleiernen, bestrafenden Kraft. Ohnmächtig und ausgeliefert, herausgefordert und verzweifelt rang ich um jeden Tag. Zudem war ich nicht mit Werkzeugen ausgestattet, mit denen ich hätte gestalten können, was mir wie unveränderbar erschien. Ein Leben, wie gestellt unter eine Naturgewalt und ein Mensch ohne Ahnung noch Plan. Und doch rang ich um jeden Tag. Und die mich beschämenden Handlungen, die ich so unbewusst wie ungeschickt vollzog, wogen über den Schmerz, den sie in mir erzeugten, langsam weniger schwer. Weniger häufig traten sie ein. Die Reue ließ mich vorsichtig werden, Täuschungen waren wiedererkannt und Worte waren gefunden, all dies auszusprechen. In dem Formulieren verwirklichte sich ein Ansehen, in den Worten erhob sich ein Anspruch nach Präzision. Der Sachverhalt, das Gefühl sollte so präzise, wie nur möglich beschrieben sein. Momente der Erkenntnis ergaben sich, wie ein Geschenk aus einer unerreichbaren Sphäre: unbeschreibbares war beschreibbar, unsagbares war sagbar, unfassbares war ergriffen, unerlösbares war erlöst. Unveränderbares ist veränderbar und Trauer ist möglich. Und jetzt entsteht ein erster Eindruck von meiner Bedingtheit. Ich erhalte einen Überblick über ein sumpfiges Tal von einem etwas erhöhten Punkt aus. Zusammenhänge ergeben sich, wie von selbst und all das, was erlitten war, was von mir herbeigeführt war, es musste so und nicht anders sein. Es konnte nicht anders sein. Alles ist folgerichtig. Das also, ist mein Weg. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein weiter Weg über Jahre beschritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Schritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Veränderungen. Mit nur minimalem Zugewinn an Gestaltungsmöglichkeit, an Souveränität, an Freiheit. Doch das einmal Errungene, es ist eines Lebens Schatz. Das einmal Errungene, niemand, wenn nicht ich selbst, dies auch ist deutlich und klar, könnte es mir je wieder nehmen. Was nur, frage ich mich, der die Kraft der Allmählichkeit erahnt, was nur wird mir noch an Glückseligkeit möglich sein?

Und darum laufe!

Golden

Am Wasser des Baches mich zu erfrischen, neige ich mich hinab. Eingehüllt von dem Rauschen des Wasserfalles an dieser Stelle, der Bach im Frühjahr prall gefüllt. Und ein wenig abseits der Kaskade ein seichter Tümpel, in dem der fortgespülte Sand aus dem fernen Gebirge sich abscheidet. Das klare Wasser gewährt mir einen Blick. Eine Wolke reißt auf und gibt den direkten Sonnenstrahl frei. In diesem klaren Tümpel springt mir ein Funkeln entgegen, es glitzert golden und gelblich, hundertfach aus dem reinen Sand heraus. Gold! Ausgewaschen und nach der langen Dürre so reichhaltig in dem Sediment vorhanden. Unter den hunderten der mich anglitzernden Lichtpunkte stechen zwei in ihrer Größe hervor. So groß sie sind, dass ich sie greifen kann. Und ich sehe und verstehe: Diesen oder jenen zu ergreifen, diese Wahl, jene Wahl zu treffen, es ist einerlei. Beide Wege sind golden, immer sind sie golden, dem, der des Spieles Wesen erahnt. Das Wesen des Spieles, in dem die Erfahrung der Ertrag ist. Keinen zu ergreifen, es ist undenkbar. Doch ist das alles innerlich, völlig innerlich. Meine Angst verflüchtigt sich für den Moment. Alles ist gut, alles wird gut und richtig sein. Weil so innerlich in völliger Klarheit ich mich befinde, mich entschieden habe und in voller Verantwortung die Konsequenzen tragen werde, weil das also völlig klar für mich ist, lasse ich alle beide dieser goldenen Tropfen in dem Sediment zurück. Wem noch könnten sie sich zeigen, sich offenbaren? Das zu verwehren, würde ich nicht wollen. Und so laufe ich weiter.

Und darum laufe!

Freiheit

Was nützt es, den Kuckuck zu töten, nur weil wir glauben, er wäre ein Bote des Todes? Die Welt wäre ärmer um ein Wesen, wir wären zu Tätern geworden, in Schuld verstrickt. Die Angst vor dem Tode, sie müsste hinab sinken in das Schattenreich ohne einen Boten, der uns mahnen würde, hinzusehen. Sie anzusehen, die Angst vor dem Tod und den Tod selbst. Die Magie wäre verneint und Sinn und Zusammenhang wären verloren. Mir ist des Ruf des Kuckucks eine Freude. Sie ist mir eine Erinnerung an die Freiheit und davor eine Erinnerung an meine Angst vor der Freiheit. Auch sie eine Freude.

Und darum laufe!