Harmonie

Ebbe und Flut, die stete Bewegung an den Rändern eines Eilands, die Veränderung, der Wandel, den ich beobachte. Strände, Sandbänke, mäandernde Ströme dazwischen. Sich verwischende Grenzen, Linien, die nicht zu ziehen sind. Die Erosion des Wassers und die Entstehung des Landes. Wenn etwas gilt, so ist es: Im Kleinen, wie im Großen. Und alles befindet sich in Bewegung. An dem, was ist, kann ich erahnen, was es einmal war. Mehr jedoch nicht. Niemals kann etwas genau so sein, wie es einmal gewesen ist. Auch der Felsen befindet sich in stetem Wandel. Der Felsen fließt dahin. Und so mein Bach im Tal mäandert, an dem Felsen sich reibt. An Bäumen vorbei. Der Bach den Sand bewegt, um zu sein, was ich nun vorfinde. Und wenn etwas gilt, so ist es: Im Innen, wie im Außen. So ich mich sehe und ich mich verstehe in der kleinsten, von mir wahrgenommenen Naturerscheinung, Ich bin ein Teil von ihr, war es immer und werde es immer sein. Und alles strömt dorthin, in die Versöhnung von Land und Wasser, von hart und weich, in die Vereinigung der Gegensätze. Sie sind darin ihrer selbst vollständig bewusst. Eine Harmonie, die sich in dem Moment zur Zeitlosigkeit aufschwingt.

Und darum laufe!

Sterne

Ich laufe, ohne zu laufen. Ich denke, ohne zu denken. Ich empfange, ohne zu empfangen. Ich stimme mit dem, was mich umgibt überein. Darin ist alles in Harmonie. Alles ist geborgen in dem Einen. Das zu Leisten, meine Aufgabe ist. Dass es das Eine sei. Und ich hole die Sterne herab, eine funkelnde Schar in meiner Hand, in meinem Herzen. Und ich sende die Sterne hinauf, eine funkelnde Schar in meinem Herzen, in meiner Hand.

Und darum laufe!

Zu Lauschen

Zu Lauschen – eine Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich wandelt, meinen Atem, die Körpertemperatur, den Klang in meinem Ohr, wie abgestreift. Wie ein Gewand, welches hinabsinkt, um im Wasser sich aufzulösen. Zu Lauschen – eine weitere Stunde an dem rauschenden Wasser, der Kaskade, es mich wandelt, mein Selbst bewegt, es flüssig und weich werden lässt, darin stark und strömend um jedes Hindernis herum, unfassbar und rein. Zu Lauschen – eine dritte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich wandelt, so wie jede Beziehung, zu einem anderen Menschen sich nun wandelt, als würde der Bach auf diesen Menschen zuströmen, von hieraus. Zu Lauschen – eine vierte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es den Bach selbst nun wandelt, der Bach von hieran ein völlig anderer ist, beseelt von mir mit Worten, Bitten und Gefühl. Zu lauschen – eine fünfte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich vereint mit dem Bach und keine Sicht mehr auf die Sache es geben kann, weil die Sache es ist, weil ich es bin.

Und darum laufe!

Geborgenheit

Eben noch war ich gehalten in der mich umgebenden Vielfalt. In dem Dunst des Morgens, dem Klang und seinem Sinn. In dem Gefühl, dass ein jedes Blatt an seinem Ort. Dass ein von mir Wahrzunehmendes Ausdruck einer Harmonie sei – Geborgenheit darin. Nun ich es bin, dem aufgetragen ist, zu sorgen für das Blatt, für den Dunst und auch den Klang. Der Sinn, er sei in mir zuerst erschaffen, um nun hinauszuströmen in das Wasser, die Kaskade, der Kaskade Rauschen, in den aufsteigenden Dunst, den Morgen überhaupt.

Und darum laufe!

Weißer Raum

Ein weißer Raum, der mich umgibt. Vollends weiß, unendlich sich erstreckend. Der Ursprung des Lichts, welches ihn erhellt, liegt in mir. Tief in mir. Eine Sphäre, einem Sterne gleich, im Meer von Sternen schwimmend. Ich schaue mich um und Reise an die Ränder dieses Raumes und leuchte weiterhin aus mir heraus. Ich sehe weiße Stoffe, Tücher, Laken, die mich blenden. Sie müssen wohl etwas beschatten. Ich nähere mich an. Ein Laken, es ist zum greifen nah. Es zu berühren ich nicht wage. Den Schatten, den es wirft, kann ich nicht sehen. Den Schatten, den es wirft, nun zu beleuchten, ich den Hinweis eines Menschen brauche. Das Laken abzuhängen, eines, dann ein nächstes, es erscheint so einfach und so nah.

Und darum laufe!

Regenbogen

In der Hitze, in ihrem Stechen, wenn sie von außen eindringt in den Körper, zugleich die Hitze von innen den Körper verzehrt, von der Körpermitte aus bis an die Innenseite der Hautoberfläche. Die Haut ein Transparent, eine Grenze so fein, dass Innen und Außen in ihr zusammenkommen, eins sind, darin das Feuer den Körper verglüht bis in ein reines Gelb, ein Orange, wie weißglühend fließendes Metall, ein Gold, dann hinüber in reines Weiß und dann nur noch Weiß, durch und durch. Jetzt der Körper gesenkt ist in das eiskalte Wasser des Gebirges, das Wasser in seinem Strömen erhellt ist von diesem Weiß, es sich abkühlt dabei in ein Blau-weiß, Türkis, Blau, Tiefblau, dann Blau-schwarz, gefroren fast. Ausharren in dem Wasser, Ausharren. Es kann dauern. Still-Halten, genau beobachten, erkalten in die tiefe Innerlichkeit hinein. Vollständig nur die Reise ist, wenn sie gesammelt sind, die Farben des Regenbogens und in dem Sich-Erheben aus dem Wasser in allen Farben nun erstrahlt hinauf ein Körper, mehr ein Wesen, eine Seele.

Und darum laufe!

Zu springen

Zu ermüden an dem Scheitern, an der sich nicht wandelnden Form, an der Bedingtheit. Denn durch sie hindurchzugehen überfordert die eigenen Kräfte. Und so ist alle Kraft hineingesteckt in das Aufrechterhalten dieser Form. Eine leichte Ahnung davon, wie ein silbriger Schimmer, was das Leben sein könnte an Freiheit, an Erfüllung, an Glück – eine leichte Ahnung davon ist dort zu erkennen, in der Mitte des brennenden Rings, durch den hindurchzuspringen ich Jahre schon zögere. Weiß ich doch, es gibt nur diesen Weg. Das Feuer wird mich versehren, erst Haut und Haare versengen, mich verkohlen wie ein Stück Holz, schließlich in mir erlösen, was an geneigter Körperhaltung, an erschlaffter Körperform sich über Jahre hin manifestierte. Ein freier Körper auch wird dort auf der anderen Seite auf mich warten. Er ist mir versprochen. Und dies der Trost: Der Ring aus Feuer, aus ihm heraus blicken mich meine Ahnen an. Ihre Augen aus den Flammen heraus mir entgegenleuchten. Erkennen kann ich sie erst, wenn ich gesprungen bin. Ihre Güte, ihre Wärme, ihr Mitgefühl und ihr Vertrauen in mich. Ihr Verständnis zudem und ihre Liebe. Und so erlöst sich der ganze Schrecken dieses Spieles. Die Logik ist erkannt. Doch zu springen ich habe, hinein in dieses Feuer.

Und darum laufe!