Freie Menschen

Geborgenheit, Beachtung, Würdigung, Berührung, Zärtlichkeit, Mitgefühl, Selbstvertrauen, Weltvertrauen. So vieles, nach dem ich mich bedürftig fühlen kann. Vieles mehr, immerzu. Wenn ich laufe, so ist das ein Raum, der frei ist davon. Eine Spanne an Zeit, in der es keine Bedürftigkeit gibt. Ich bin ganz ich selbst. Verständlich mir selbst und ganz ohne Irrung. Ich begegne anderen, die mir entgegen kommen und sie sind in ebenso wenig bedürftig, wie ich es bin. Frei sind sie. Freie Menschen. Und doch: Das leben ist das nicht.

und darum laufe!

Zweifel

Der goldene Weg. Sein Erscheinen war von mir fast nicht bemerkt. Sand und Staub, braun und grau unter meinen Füßen sind gewandelt. Sand und Staub wandelten sich in feinen Schritten und Abstufungen, sodass ich den Kontrast erst jetzt in der Rückschau wahrnehme. Ja, deutlich erkenne ich nun: Wo es zuvor Abzweigungen gab, Entscheidungen, Anstieg, Böschungen und abfallendes Terrain, liegt nun unter mir eine goldener ebener Weg. Der goldene Weg führt von hier aus in alle Richtungen und es gibt keinerlei Begrenzungen. Ich bin auf einer golden schimmernden Hochebene angekommen. Ein Raum ohne Begrenzungen, ohne wegweisende Merkmale, ohne interpretierbare Zeichen. Eine goldene Ebene, in der alles richtig ist, weit und ohne Ende. Etwas scheint erreicht. Etwas führte mich hierher in den Raum, in dem alles richtig ist, wahr und schön. Ein geborgener, mich bergender Raum. Könnte doch seine Offenheit ängstigen, mich zweifeln lassen. Und ich zweifle. Ich zweifele an dem nächsten Schritt. Warum nur dieser Zweifel? Er ist, um stiller zu werden, leichter und feiner zu lauschen. Er ist, um hineinzuspüren in das große Geheimnis. Und Worte sprudeln in mich hinab. Vertraute, mich vertrauen lassende.

Und darum laufe!

Schönheit

Der eine Traum also, nun vor mir schwebend, ist er doch vor einer Weile bereits von mir geträumt. Und nun gesellt sich zu ihm eine Frage, ebenso vor mir schwebend in dem Raum, in den hinein ich nun gerade laufe: Was wäre, wäre ein jeder von mir jemals geträumte Traum, so wie der der letzten Nacht über Zeit und Raum hinweg erinnerbar? Was wäre, würde in einem von mir zu bereitenden mentalen Raum ein Traum eintreten können, den ich vor Jahren einmal geträumt habe? Ohne dabei in irgendeiner Weise verblasst zu sein? Was wäre, könnte ich diesen Vorrat, dieses Reservoir an Träumen beliebig hier hinein projizieren in diesen mentalen Raum? Zudem: Was wäre, könnte ich in diese Vielzahl an Träumen eingreifen und sie verändern, sie umschreiben, sie neu gestalten, in Schönheit?

Und darum laufe!

Licht

Die Dämmerung setzt ein. Ein Lauf am frühen Morgen. Aus der Nacht heraus laufe ich in den aufgehenden Tag hinein. Halb nur bin ich wach. Schlaftrunken laufe ich wie von allein. Ich erinnere einen Traum, den ich in der letzten Nacht geträumt habe. Bilder und Symbole erscheinen vor meinem inneren Auge. Ich denke über die Bilder nach und gelange zu einer Deutung, die mir schlüssig erscheint. eine Deutung, die Bilder, Gefühle und Vorgänge zu einer Gestalt zusammenführt. Immer soll die Gestalt geschlossen sein, möglichst eindeutig und ohne Widerspruch. Meine Deutung verbindet den Traum mit Ereignissen und Begebenheiten aus meinem Leben. Beziehungen, Gefühle, Begebenheiten. Dabei ist es immer so, dass mich eine innere Berührtheit ergreift. Nur, wenn ich berührt bin, gehe ich einer möglichen Deutung nach. Nur, wenn ich berührt bin, messe ich der Deutung eine Wahrheit bei. Viele ganz andersartige Deutungen sind vorstellbar. Doch ich weiß ganz genau, was für mich wahr ist und was nicht. Mal ist die Deutung bestätigend, ein anderes Mal ist sie eine Art Spiegelbild, welches mir bisher Ungesehenes vor Augen führt. Ganz sicher sinken in dem Meer an Wahrheit die mich nicht berührenden Bilder in der Schwere ihrer Bedeutungslosigkeit zum Meeresgrund hinab. Ich lasse sie los, ohne Reue, ohne Bedenken. Was von Bedeutung ist, es ist licht, hell und aufsteigend.

Und darum laufe!

Vertrauen

Durch das dichte Blätterdach im feuchten Morgen dringt ein Sonnenstrahl hinab auf meine Hand. Im Augenwinkel, fein, sehe ich den Streifen hinauf zur Sonne sich ziehen. Er entspinnt sich von dort oben, wie der silbrige Faden einer Weltenspinne und ich erahne Millionen, milliarden von goldenen Strahlen in diesem einen Strahl verborgen. Gebündelt, gewunden, Strahl und Teilchen, Welle und Element. Ich kann nur vertrauen, mehr nicht.

Und darum laufe!

Ein Volkslauf

Stoßt mich nicht aus. Lasst mich bei Euch sein. Lasst mich nicht zurück. Lasst mich zu Euch finden. Die Luft der Höhe, durch die ich mit Euch laufe, Eure Nähe, um die ich mich mühe. Lasst mich nicht fallen, bewahrt mich vor dem Sturz. Gewährt mir die Offenheit Eurer Herzen. Gebt mir ein bisschen Raum auf dem steinigen Weg in die Höhe, auf dem wir uns drängeln. Zu Euch wollte ich finden, zu Euch, die Ihr lauft, die Ihr in Bewegung seid, die Ihr Euch aufgemacht habt, die Ihr Euch diesen Freiraum gewährt. Euch verstehen, am Anfang und am Ende, kann ich nicht. Doch hier mittendrin, hier wo wir essentiell sind, wo keine Kultur uns verzerrt, zu Handlungen hinreißt, hier will ich bei Euch sein.

Und darum laufe!

Die Sonne

Durch den kühlen Morgen laufe ich in einer Gruppe. Die Menschen sind mir fremd, und doch sind wir miteinander verbunden im Rhythmus des Laufes. Warum nur schweigen wir? Dies ist doch ein frei gewählter Lauf, dies ist doch der Moment des Genusses. Der Aufstieg hierher, er war doch schwer genug. Die Zeit ist doch am Ende nicht so wichtig, als dass wir schweigen müssten? Milchiges Licht im Hochnebel, Tannengrün. Kurz zuvor rief uns ein Mann am Wegesrand zu: Bald kommt die Sonne, Ihr seid auf dem richtigen Weg, dort oben auf dem Gipfel, dort scheint die Sonne! Und wir schweigen. Wie unnatürlich, denke ich. Am Gipfel angelangt, rufe ich in unsere Gruppe hinein, sodass wir alle es hören können in dem Ton der naiven Freude: Wo ist denn nun die Sonne? So, als hätte ich, als hätten alle dem Mann, der sie Versprach glauben können, glauben müssen. So, als wären wir nie jemals enttäuscht gewesen von einem versprechen, welches ein Mensch uns einmal gegeben hat. Ein Versprechen, um uns anzuspornen, uns zum Weiterlaufen zu bewegen. Ein weiterer Moment des Schweigens, ein paar Schritte mehr und dann sagt die neben mir laufende Frau: Die Sonne, das bist Du! Und ich bin wie energetisiert von ihrem Wort. Ich lächele in Dankbarkeit. Ein wenig verlegen auch, doch wir als Gruppe, wir sind mit einem Mal miteinander vertraut. Wir sind geborgen in der Konstellation, die uns hier einen Moment lang trägt. Die Konstellation, die wir dann auch bald wieder verlassen können. Und so denke ich ein wenig später, dass ich versäumt habe ihr zu erwidern: Und das Herz, das bist Du!

Und darum laufe!

Blüte

Wenn es so ist, dass in dem Blühen ein Mensch sich ganz geborgen fühlt, wirklich, voller Kraft und nun läuft, als seien das Sein und das Laufen völlig eins und der Mensch in Übereinstimmung mit seinem Selbst, seiner Seele. Wenn also alles strahlt und Raum und Zeit ineinander fließen, wirklich und wahr, so bleibt doch ein Gedanke, der gerade jetzt in der höchsten Blüte denkbar ist. Dieser Gedanke drängt sich nicht auf, er lauert eher. Er hält sich auf in dem Raum aller möglichen Gedanken und lässt viele andere Gedanken sich vordrängen. Doch sanft ruft er sich selbst in Erinnerung, ist er doch von erhabener Größe in seinem Schrecken. Er ist, dass vielleicht dem Wirklichen in seiner Blüte einmal ein höheres Maß an Wirklichkeit gelingen mag in dem Vergehen. Dass überhaupt ein höheres Maß noch existiert, als dieses Blühen. Dass ein Selbst, welches sich hier feiert, sich tiefer noch kennenlernen wird in seinem Verfall, in seinem Schmerz, in seiner Niederlage, in seinem Verlust, dem nicht-mehr-können, der Ermüdung, der Erschöpfung. Dem Siechtum. Dort ja, in der Ermüdung, ein Maß an Wahrheit, zuvor ungesehen, ungespürt. Das bin ich! Es ruft mit ersterbender Stimme: das wirklich, das bin ich!

Und darum laufe!

Wasserhaushalt

Ich sage: So wesentlich das Wasser sein mag und deshalb der Begriff Wasserhaushalt des Laufenden existiert, so ist der Zustand seines Denkens wesentlich, so sind seine Gedanken wesentlich. Ich erschaffe den Begriff Gedankenhaushalt des Laufenden. Ich habe auf meinem Weg stets die Möglichkeit zur Umkehr und kehre ich vorzeitig zurück, so ist es immer ein Zugeständnis an die mich zurückrufenden Gedanken. Das Versäumnis, welches sich genau jetzt in Erinnerung ruft, die Aufgabe, die Verpflichtung. Dieser rufende Gedanke wirkt ganz sicher direkter, als ein Mangel an Wasser. Tritt der rufende Gedanke ein, sind meine Beine weich wie Pudding, ich atme schlecht, mein Fundament ist wie zerschlagen und der Tempel stürzt ein: Nur noch heraus aus diesem Urwald! Den Mangel an Wasser nehme ich anders wahr. Langsam wird mir seine Wirkung bewusst. Zuerst wird der Mund trocken. Dann tritt die Reue ein. Wäre ich doch nur besser vorbereitet in diesen Lauf gegangen. Dann werde ich langsam. Die Schritte werden schwer. Doch ich laufe weiter. Ich kann mich auszehren. Ich kann das Wasser aus meinen Reserven saugen und den Mangel später ausgleichen.

Und darum laufe!

Feuchtigkeit

Fünfundzwanzig Grad, vielleicht auch mehr. Ich bin zu weit gelaufen. Ich bin durstig. Salzkristalle auf meinen Lippen und Schweiß auf meiner Stirn. Aus dem trockenen, warmen Hochwald gelange ich hinab in das Tal des Baches. Ich tauche in die kühle, feuchte Luft ein. Nah dem Bach atme ich die Kühle und trinke ihre Feuchtigkeit, um meinen Durst zu stillen. Das Wasser der Luft lasse ich in mich eindringen. Mit jedem Atemzug durch die Nase, sammele ich die Feuchtigkeit in meinem geschlossenen Mund. Wassertropfen perlen an den Innenseiten meiner Wangen hinab. Ein stetes perlen und rieseln, ein Strom, der wie ein Nieselregen mich durchflutet. Ich trinke und stille meinen Durst. Das, so denke ich, müsste doch auch dort oben in dem Hochwald möglich sein.

Und darum laufe!