Die Sonne

Durch den kühlen Morgen laufe ich in einer Gruppe. Die Menschen sind mir fremd, und doch sind wir miteinander verbunden im Rhythmus des Laufes. Warum nur schweigen wir? Dies ist doch ein frei gewählter Lauf, dies ist doch der Moment des Genusses. Der Aufstieg hierher, er war doch schwer genug. Die Zeit ist doch am Ende nicht so wichtig, als dass wir schweigen müssten? Milchiges Licht im Hochnebel, Tannengrün. Kurz zuvor rief uns ein Mann am Wegesrand zu: Bald kommt die Sonne, Ihr seid auf dem richtigen Weg, dort oben auf dem Gipfel, dort scheint die Sonne! Und wir schweigen. Wie unnatürlich, denke ich. Am Gipfel angelangt, rufe ich in unsere Gruppe hinein, sodass wir alle es hören können in dem Ton der naiven Freude: Wo ist denn nun die Sonne? So, als hätte ich, als hätten alle dem Mann, der sie Versprach glauben können, glauben müssen. So, als wären wir nie jemals enttäuscht gewesen von einem versprechen, welches ein Mensch uns einmal gegeben hat. Ein Versprechen, um uns anzuspornen, uns zum Weiterlaufen zu bewegen. Ein weiterer Moment des Schweigens, ein paar Schritte mehr und dann sagt die neben mir laufende Frau: Die Sonne, das bist Du! Und ich bin wie energetisiert von ihrem Wort. Ich lächele in Dankbarkeit. Ein wenig verlegen auch, doch wir als Gruppe, wir sind mit einem Mal miteinander vertraut. Wir sind geborgen in der Konstellation, die uns hier einen Moment lang trägt. Die Konstellation, die wir dann auch bald wieder verlassen können. Und so denke ich ein wenig später, dass ich versäumt habe ihr zu erwidern: Und das Herz, das bist Du!

Und darum laufe!

Blüte

Wenn es so ist, dass in dem Blühen ein Mensch sich ganz geborgen fühlt, wirklich, voller Kraft und nun läuft, als seien das Sein und das Laufen völlig eins und der Mensch in Übereinstimmung mit seinem Selbst, seiner Seele. Wenn also alles strahlt und Raum und Zeit ineinander fließen, wirklich und wahr, so bleibt doch ein Gedanke, der gerade jetzt in der höchsten Blüte denkbar ist. Dieser Gedanke drängt sich nicht auf, er lauert eher. Er hält sich auf in dem Raum aller möglichen Gedanken und lässt viele andere Gedanken sich vordrängen. Doch sanft ruft er sich selbst in Erinnerung, ist er doch von erhabener Größe in seinem Schrecken. Er ist, dass vielleicht dem Wirklichen in seiner Blüte einmal ein höheres Maß an Wirklichkeit gelingen mag in dem Vergehen. Dass überhaupt ein höheres Maß noch existiert, als dieses Blühen. Dass ein Selbst, welches sich hier feiert, sich tiefer noch kennenlernen wird in seinem Verfall, in seinem Schmerz, in seiner Niederlage, in seinem Verlust, dem nicht-mehr-können, der Ermüdung, der Erschöpfung. Dem Siechtum. Dort ja, in der Ermüdung, ein Maß an Wahrheit, zuvor ungesehen, ungespürt. Das bin ich! Es ruft mit ersterbender Stimme: das wirklich, das bin ich!

Und darum laufe!

Wasserhaushalt

Ich sage: So wesentlich das Wasser sein mag und deshalb der Begriff Wasserhaushalt des Laufenden existiert, so ist der Zustand seines Denkens wesentlich, so sind seine Gedanken wesentlich. Ich erschaffe den Begriff Gedankenhaushalt des Laufenden. Ich habe auf meinem Weg stets die Möglichkeit zur Umkehr und kehre ich vorzeitig zurück, so ist es immer ein Zugeständnis an die mich zurückrufenden Gedanken. Das Versäumnis, welches sich genau jetzt in Erinnerung ruft, die Aufgabe, die Verpflichtung. Dieser rufende Gedanke wirkt ganz sicher direkter, als ein Mangel an Wasser. Tritt der rufende Gedanke ein, sind meine Beine weich wie Pudding, ich atme schlecht, mein Fundament ist wie zerschlagen und der Tempel stürzt ein: Nur noch heraus aus diesem Urwald! Den Mangel an Wasser nehme ich anders wahr. Langsam wird mir seine Wirkung bewusst. Zuerst wird der Mund trocken. Dann tritt die Reue ein. Wäre ich doch nur besser vorbereitet in diesen Lauf gegangen. Dann werde ich langsam. Die Schritte werden schwer. Doch ich laufe weiter. Ich kann mich auszehren. Ich kann das Wasser aus meinen Reserven saugen und den Mangel später ausgleichen.

Und darum laufe!

Feuchtigkeit

Fünfundzwanzig Grad, vielleicht auch mehr. Ich bin zu weit gelaufen. Ich bin durstig. Salzkristalle auf meinen Lippen und Schweiß auf meiner Stirn. Aus dem trockenen, warmen Hochwald gelange ich hinab in das Tal des Baches. Ich tauche in die kühle, feuchte Luft ein. Nah dem Bach atme ich die Kühle und trinke ihre Feuchtigkeit, um meinen Durst zu stillen. Das Wasser der Luft lasse ich in mich eindringen. Mit jedem Atemzug durch die Nase, sammele ich die Feuchtigkeit in meinem geschlossenen Mund. Wassertropfen perlen an den Innenseiten meiner Wangen hinab. Ein stetes perlen und rieseln, ein Strom, der wie ein Nieselregen mich durchflutet. Ich trinke und stille meinen Durst. Das, so denke ich, müsste doch auch dort oben in dem Hochwald möglich sein.

Und darum laufe!

Blei

In mir eine innere Sesshaftigkeit, die ihre Sorgen selbst gebiert. Eine Sesshaftigkeit des Geistes, duldsam und erwartend, bleiern und passiv. Sie ist reine Sorge. Sorge ohne Licht. Laufe ich, schon 1000 Mal, auf meinem Weg, so ist dies Licht ohne Sorge, reines Licht. Ein Zustand, Ideal und frei. Herausgehoben aus dem fliessenden Blei der Sesshaftigkeit. Der Sesshaftigkeit Sorge ist, in Bewegung zu gelangen. Ist doch genau das der Sorge Erlösung, das Ende der Furcht. Und so bin ich beides. Um nun zu lernen, das Blei aus mir herausfliessen zu lassen, es herausströmen zu lassen, einem gewaltigen Wasserfall gleich das Blei von Jahren aus mir herausstömen zu lassen. Es rauscht hinab, in Kaskaden es sich bricht, schäumt, tost und braust. Welch ein Spektakel! Dem Ozean entgegen.

Und darum laufe!

Lichtspuren

Ein Lichtstrahl biegt sich an der Innenkante meiner Nasenöffnung und ich sauge den einen Strahl in mich ein. Millionen anderer Strahlen begleiten und folgen sanft und Nasenhaare wie Borsten am Naseneingang verflechten den Lichtstahl in ihrem Gestrüpp. Feinere Nasenhaare, etwas tiefer im Naseninneren spalten sanft den Strahl und sein Gefolge in Teilchen, die wirbeln und pulsieren. Das Wolkengebilde aus Teilchen gleitet in meinem Inneren hinab durch die Luftröhre und in Teilen auch schon hier wird die Wand der Luftröhre von dem Sauerstoff aus Licht erleuchtet. Pulsierendes Leuchten durchdringt in allen Richtungen das Innere auf dem Weg in Richtung der Lunge. Bläschen empfangen, Tropfen fallen, Nektar entsteht. Einatmung kommt zur Ruhe im Moment der größten Ausdehnung. Elastizität in allen Straßen, auf allen Wegen. Gähnen kommt zur Hilfen. Gähnen eilt herbei, Tief, tiefer noch und Ausatmung beginnt. Das Licht leuchtet hell in mich hinein und aus mir heraus. Kein Schatten weit und breit. Die Fußnägel selbst leuchten, als wäre unter ihnen ein Fahrradlämpchen installiert. Ein warmes Licht. Auch hier pulsierend. Die nackten Füße vor der schwarzen Erde fliegen durch die Dunkelheit. So schnell und gewandt. Lichtspuren im Dunkel der Nacht.

Und darum laufe!

Geschenk

Ein kühler Morgen. Licht strömt in mich ein. Ich atme es wieder aus. Über meine Lungen, Luftröhre, Nasenhöhle, Nase und schließlich die Nasenöffnung. Es ist das Licht des Waldes. Feucht, gesättigt, dampfend und schwer. Ich bleibe stehen auf einer Lichtung und neige mich dem Licht entgegen. Mein Gesicht ist kalt. Ich reibe meine Hände, bis sie warm werden und lege die Handinnenflächen auf meine Augen. Jetzt öffne ich meine Augen und blicke in meine Handinnenflächen. In das Dunkel. In die Abgeschirmtheit und darüber hinaus direkt in das Licht der Sonne. In ihren Kern, ihre Ausdehnung, das züngelnde Spiel ihrer Eruptionen, in ihr Wesen. Teilchen des Sonnenwindes beobachte ich, wie sie in mich eindringen. Wellen, die mich umspielen, mich umfassen. Ein Geschenk, so denke ich. Nimm es an!

Und darum laufe!

Heimlich

Im Dunkel der Nacht, im Lichte meiner Heimlichkeit hebe ich meinen Kopf, strecke meinen Rücken und richte mich auf. Meine Nasenlöcher weisen voraus, mein Brustkorb ist angehoben. Ich laufe so, als wollte ich mir imponieren. Ich biete mir selbst einen Anblick, der größer ist, als ich es bin. Ich fülle meinen Brustkorb bis zum Äußersten und spanne meine Arme weit auf, als wollte ich fliegen. Ich bin ein Gladiator meiner selbst, laufe in hohen Sprüngen, federnd, fliegend geradezu. Ich imponiere nur mir, mir selbst, niemand anderem. Ich bin in diesem Moment der Held, der zu sein mir vorstellbar ist. Und ich bin es so sehr, dass aus dieser Vorstellung heraus die Kraft in meine Körperlichkeit hinein projiziert ist. Und darin wird sie wahr.

Und darum laufe!

Ein Meer

Farben und darin Lichtpunkte. Mal hier mal dort verteilt. So, als wären sie von einem Computer berechnet. Aufscheinend und dann verblassend. Ruhig, lebendig und stet ziehen sie über mein Gesichtsfeld hinweg. Ich schaue unter meinen geschlossenen Augenlidern in die Ferne und sehe fern und nah zugleich. Sehe den einen Punkt so wie den Sternenhimmel zugleich. Ein Meer an Blumen in einem wogenden Feld.

void setup() {
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}
void draw () {

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}
}

Und darum laufe!

Farben

Ich bleibe stehen und schließe meine Augen. Ich drehe mich und wende mich der aufgehenden Sonne zu. 6000 Kelvin. Ich lasse mich vom Licht bescheinen und nehme die Wärme der Sonnenstrahlen auf. Ich bemerke, wie mein Körper in der Kälte des Morgens dampft. Mein Atem beruhigt sich, mein Pulsschlag entspannt sich und ich schaue mit geschlossenen Augen. Ich sehe Farben: Rosa, Violett, Gelb, auch Weiß. Ich sehe Orange, Dunkelrot, bläuliche Töne. Die Farben gehen ineinander über, sie verlaufen ineinander, versinken und erheben sich. Sie geben den Raum wieder für die folgende Farbe frei. Ich schaue mit geschlossenen Augen ohne zu fokussieren. Ein Farbenspiel, alles ist bewegt. Ein Meer an Farben. Meine Augen entspannen sich. Vielleicht, so denke ich, sind dies die Farben, die ein Embryo im Bauch seiner Mutter sehen mag.

Und darum laufe!