Schienen

Ich laufe wie auf Schienen. Schnell, fliegend. Ich schnaufe und atme rhythmisch. Ich atme tief. Blätter auf dem schwarzen Boden. Gelbe Flecken. Ein Teppich aus Ahorn, Eiche, Linde, Erle. Die Formen rasen durch mich hindurch. Eine Freude, ein Spiel. Die Zeit sich offenbart, die große Zersetzerin.

Und darum laufe!

Gedankengebäude

Die Forschung, die ich betreibe ergibt: Laufe ich schnell, in Geschwindigkeiten von 6 Minuten pro Kilometer oder sogar 5:50 Minuten pro Kilometer, so versorgt mich das Laufen mit Gedanken, die Blitzen ähneln. Sie erscheinen aus dem Nichts, treffend, klar und prägnant. Laufe ich hingegen etwas langsamer, so um die 7 Minuten pro Kilometer, oder auch 8 Minuten pro Kilometer, so sind die Gedanken eher Gebäuden vergleichbar. Etwas baut aufeinander auf. Etwas ist in der Tiefe ausformuliert. Die Gedanken ähneln Verfassungen, Regelwerken, Visionen von großer Komplexität. Doch ganz gleich, wie schnell ich laufe, wie das Wesen der Gedanken auch sein mag, dem Ganzen liegt eine Bejahung zugrunde. Sie ist das Fundament.

Und darum laufe!

Umkehrpunkt

Ich laufe und nehme mir vor, an einem bestimmten Punkt umzukehren. Ich plane den Tag und will nicht zu weit laufen. Es gibt also einen bestimmten Ort, an dem ich umkehren möchte. Ein kleiner Wasserfall zwischen zwei großen Bäumen und einer hinauf ragenden Felswand. Kiefern, Buchen, Eichen, Moos, Farne und mit ein wenig Glück die Wasseramsel, die dort auf einem Stein im rauschenden Bach lauert und hinab ins frische Wasser springt, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Dort also will ich umkehren, … denke ich gerade noch und finde mich jenseits dieses Ortes auf der Strecke wieder. ich bin bereits einige hundert Meter zu weit gelaufen. Wie eigenartig! Ich habe den Umkehrpunkt überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe den Ort links liegen lassen. Ich war wohl betört von dem Rauschen des Wassers, war umfangen von dem Klang, war Wasser und Frische selbst. Ein heiterer Moment. Ein Vergessender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ein Sich-Selbst-Vergessender zu sein, ein Sich-Selbst-Auflösender, ein hinab strömender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ihm gibt es keine Verpflichtung mehr. Nichts Halbes mehr, kein Kompromiss.

Und darum laufe!

Die Festung

Ich näherte mich an, lief um einen Ort herum. Ein Ort wie eine Festung. Abgeriegelt, umgeben von Mauern. Lief herum, ohne Einlass zu erhalten. Studierte die Struktur der Mauern, den mit Wasser gefüllten Graben. Studierte Gesteinsarten, Mörtel und Zement mit den die Mauern errichtet waren. All dies, soweit es für mich von außen ersichtlich war. Ich studierte die Ausrichtung des Gebäudes, seinen möglichen Zweck, seine Geschichte. Die Zinnen seiner Mauern und all das andere, welches mir irgendwie Aufschluss geben konnte über das, was im Inneren wohl vor sich gehen mochte. Und nie erhielt ich Einlass. Über Jahre nicht, sodass ich bereit war aufzugeben, bereit war es sein zu lassen. Fortzugehen und mich zu verlieren. Kleine Fortschritte in dem Studium der Festung halfen mir, nicht abzulassen von der Umkreisung. Der Fleiß und die Disziplin gingen den Fortschritten voraus. Die Schönheit der Mauern, die Schönheit des Draußen seins, die Stille, die sich einstellende Zufriedenheit, das Schauen, all das ließ mich vertrauen und ausharren. Und dann der Einbruch der Erkenntnis in mein Sein! Die Erkenntnis, die es überflüssig machte weiter vorzudringen auf dieses wehrhafte Gebäude. Auf diesen abgeschlossenen Ort. Wie ein Lichtstreif am Horizont nach einer langen Nacht. Und mir war in diesem Moment vollkommen klar: Die Festung, das bin ich!

Und darum laufe!

Zueinander

Eine Steigung auf meinem Weg, eine lang gezogene Kehre führt den Berg hinauf. meine Schritte werden kürzer, mein Körper ist leicht nach vorne geneigt. Mein Blick ist auf meine Füße gerichtet und ich laufe mich warm. Die Atemfrequenz steigt und der Mund öffnet sich wie von selbst. Ich ringe um Luft, doch ich will nicht langsamer werden. Ich betrete einen Raum, in dem keine Zeit herrscht. Er ist aufgespannt von meinem Herzschlag, dem Einziehen des Atems und der Schrittfrequenz. Alle Läufe, die ich je in dieser Intensität absolviert habe, gelangen hier zueinander. Auch die noch in der Zukunft liegenden Läufe sind bereits in diesem Raum vorhanden. Ich bin auf allen Kontinenten dieser Erde unterwegs. Ich laufe im Gebirge, im Hügelland, in der Wüste, an der Küste und in den Dünen. Ich laufe auf Steinen, auf Geröll, auf Sand, durch Gras, auf Pfaden und Straßen. Alle Orte gelangen zueinander hier in diesem aufgespannten Raum. Ich vermisse nichts. Alles ist da. Meine tausenden von Identitäten verstreut auf diesem Planeten sind hier beieinander. Sie sind vergeudet in diesem Tun, welches mich in seiner Zweckfreiheit souverän sein lässt. Doch darin, genau in dem liegt der Zweck von meinem Tun. Weg und Ziel zugleich. Ein tiefer Friede steigt in mir auf und erfüllt mich in einer jeden Faser meines Seins.

Und darum laufe!

Spannung

Zwei Nächte Frost und der Bach ist bedeckt mit einer Eisschicht. Vom Ufer bis in die Mitte des Baches hinein ist die Eisschicht gewachsen. Darunter fließt das Wasser und von oben wird gefrorenes Material auf die Eisfläche geschoben. Ein Knall erschreckt mich. Er ist vor mir und hinter mir zugleich. Einem Blitze gleich ist ein Bruch durch das Eis geschossen. Die aufgeschobene Spannung erlöst sich in diesem langen Bruch. Das neue Jahr kündigt sich an.

Und darum laufe!

Hingabe

Zu Laufen als eine Art Forschung, mit der Bereitschaft und dem ausdrücklichen Ziel, von dem forschenden Subjekt zu dem beforschten Objekt zu werden. Sogar immer präziser den Raum werden zu lassen, in dem Subjekt und Objekt ineinander übergehen und dies auf eine Anzahl von Schritten in der Zeit, sowie eine bestimmte Herzfrequenz einzugrenzen. Ich bekomme eine Ahnung davon, dass in den Verhältnismäßigkeiten von Geschwindigkeit, Atemfrequenz, Bodenbeschaffenheit, Auf- oder Abstieg, Außentemperatur, dem Wetter und vielem mehr, eine Reihe von Momenten zu lokalisieren sind, die ich ganz bewusst ansteuere, weil in ihnen sich dieser Übergang in der Versuchsanordnung meiner Forschung von dem Subjekt zum Objekt vollzieht. Es ist der mich mit Glücksgefühlen durchflutende Übergang von Subjekt zu Objekt und der mich bereichernde Zugang zu Informationen aus der jeweils andere Perspektive auf etwas. Auf eine Frage, auf das Sein, auf mich selbst. Und darin ist die Frage nach dem Selbst letztlich auch gelöst. Sie ist beantwortet! Vollkommen, tief, befriedigend und erschöpfend. Nur ist die Antwort nicht in Worten auszudrücken. Die Antwort ist die Auflösung der Fragestellung: Wer bin ich? Je näher ich also heran gelange an diese Grenze, je feiner die Grenze zwischen Subjekt und Objekt in meinen Überlegungen wird, umso schneller kann mein Geist wechseln zwischen diesen beiden von mir als Kreise gedachten Bereiche. Und so wird die Schnittmenge dieser beiden Kreise dadurch immer kleiner, dass ich genau hinschaue auf den Bereich des Übergangs: Hier also denke ich noch, hier also bin ich umnachtet und werde gedacht. Und dann passiert das Besondere: In dem Changierenden Hin- und Her, dem unendlich schnell pulsierend Rotierenden gelangen die zuvor eine Schnittmenge bildenden Kreise in den spannungsvollen Zustand des an Ihrer Außenlinie-sich-Berührens, um darin zugleich in dem vollkommen entspannten Zustand der Deckungsgleichheit zu stehen. Alles ist Eins! Die Deckungsgleichheit der Kreise und die gleichzeitige Berührung der Außenseiten ihrer Kreislinien stellt keinerlei Widerspruch dar. Das Glückszentrum in meinem Gehirn, wie es vielleicht von Hirnforschern genannt werden mag, vielleicht auch Orgasmuszentrum, Suchtzentrum, Belohnungszentrum oder Lernzentrum, es jubelt auf. Ich bin wie berauscht. Ich verstehe, dass sich einander widersprechende Pole nicht vereinen lassen, ist eine Illusion. Dass ich von dem Wald irgendwie getrennt wäre, es ist eine Illusion. Dass ich von dir getrennt wäre, es ist eine Illusion.

Und darum laufe!

Umkehr

Erst sind es die Zeichen der Anderen, denen ich folge. Markierungen an Bäumen, Pfeile in leuchtenden Farben, Überbleibsel. Dann sind es die höheren Zeichen, denen ich folge. Eine Astgabel, die Beschaffenheit eines Baumes, der Einfall der Sonne an einer Wegkreuzung, in diesem Moment. Dann, an der folgenden Wegkreuzung ist es mein Wille, meine Entscheidung, der ich folge. Ich ignoriere alle Zeichen, ordne sie meinem freien Willen unter. Und dies, um einen Umweg zu nehmen, um die Wüste kennenzulernen, den steinigen Weg, den schweren Anstieg, die Sackgasse. Hier heraus wieder hervorgegangen, nehme ich wieder die höheren Zeichen wahr und ernst und folge ihnen. Doch was ist falsch an einem Umweg? Was ist falsch an der Wüste? An Steinen, an einem Anstieg? An einer Umkehr?

Und darum laufe!

Listig

Der halbe Weg. Es ist Zeit umzukehren. Die Heimkehr sei nun besprochen, der Heimweg, die Rückkehr. So wie ein Aufbrechen, ein Hinaus-ziehen ein Wagnis war, voller Aufregung und von einem Zauber getragen, so wird nun deutlich: Die Rückkehr hat den Zauber vergessen und das Wagnis der Heimkehr wiegt doppelt, vielfach sogar. Die Herausforderung, die ich bestanden habe, sie ist nur der erste Stein des verfallenen Tempels, den ich im Dschungel fand. Der heilige Ort liegt noch vor mir, viel tiefer im Dickicht, viel weiter im Ungewissen und zudem liegt dieser Ort in mir. Was einmal bestanden war, mich hat müde werden lassen, es war ein Auftakt nur. Nun geht es ums Ganze! Das was jetzt kommt, ist kein Spiel mehr. Es geht um meine Haut, meine Zähne, meine Knochen, mein Herz, meine Eingeweide. Doch ich bin listig, erfahren, gerissen, ein Niemand schon! Und ich weiß um den Zauber des Spieles, um die Magie der Versunkenheit, und um die Kraft des Vertrauens. Mit ihr ziehe ich das letzte Mark aus meinen Knochen. Die Knochen werde ich doch irgendwann sowieso nicht mehr benötigen, warum also nicht jetzt? Ich erschöpfe mich vollends, doch ich bleibe listig dabei.

Und darum laufe!