Malfuf

Ich beginne mit dem linken Fuß. Für den linken Fuß setzte ich das große L. Der rechte Fuß erhält das große R. Und ich laufe wie schon tausend Mal im Wechsel der Füße, ohne darüber nachzudenken.

Und es ist: L—R—L—R—L—R—L—R

Es sind acht Einheiten, acht Noten, die ich mit meinen Füßen spielen kann. Dann beginne ich wieder von vorn und so weiter. Da ich mit Links beginne, muss ich mit Rechts enden, um mit Links wieder anschließen zu können. Jetzt stelle ich mir die unterschiedlichen Klänge einer Trommel vor. Dort ist ein tiefer Klang. Er ist in die Mitte des Trommelfells geschlagen. Er klingt tief und ungedämpft. Kurz berührt der beherzt geschwungene Finger der rechten Hand das Fell, um mit der entstehenden Schwingung zurückzufedern. Aus der Drehung des Handgelenks heraus. Diesen Klang nenne ich DUN. Das ist der Grundklang des Instruments.

Daraus wird: DUN—R—DUN—R—DUN—R—DUN—R

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind immer wieder auf dem Weg von der Schule nach Hause an der Bordsteinkante lief. Ein Kinderspiel auf dem langen Fußweg, den ich täglich lief. Ich vertiefte mich auf dem weiten Weg in das Spiel, in dem ich die Distanz vergessen konnte und mich trotzdem meinem Ziel näherte. Ein Fuß auf den Bürgersteig, den anderen auf der Straße. Ein Fuß oben, ein Fuß unten. Hierbei ist der linke Fuß der, der das DUN spielt. Er trifft auf der Bordsteinkante auf. Er trifft weich auf, denn der Bürgersteig liegt höher als die Straße. Der Körper wird hochgehoben, um dann tiefer auf der Straße hart aufzusetzen. Das harte Aufsetzen ist der Akzent. In dem Spiel auf der Trommel gibt es einen Klang, der diesem Akzent entspricht. Er ist hart, fast schon metallisch. Er entsteht, wenn ich mit dem Ringfinger der rechten Hand auf die Kante der Trommel schlage, sodass das Fell deutlich höher und härter klingt. Das Holz des Rahmens klingt zudem. Diesen Klang kann ich verbinden mit dem harten Aufsetzen des Fußes in dem Kinderspiel auf dem Weg nach Hause. Diesen Klang nenne ich TAK. Und ich spiele in meinem Lauf:

DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK

Beide sind von gleicher Dauer, wobei es sich für mich als Kind wie heute so anfühlt, als wolle das DUN sich ausdehnen und das TAK sich zusammenziehen. Die Zeit vergeht herrlich, wenn man das DUN soweit ausdehnt, dass es doppelt so lang wird, wie ein TAK. Und der Raum schrumpft wie magisch zusammen. Das laufende Spiel beschenkt mich mit den Triolen, zunächst von gleicher Länge:

DUN—TAK—TAK—DUN—TAK—TAK

Hier beginne ich mit dem linken Fuß und dem DUN, um mit dem rechten Fuß das zweite DUN zu spielen. Nehme ich jetzt noch die Stille hinzu, so kann ich einen so komplexen Rhythmus wie den Malfuf spielen. Eine Magie liegt darin.

DUN—R—L—TAK—L—R—TAK—R

Und darum laufe!

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Instrument

Ein Rhythmus auf einer Trommel geschlagen. Zuerst ist der Bereich auf dem Fell zu finden, in dem der Klang rein und tief ist. Der Grundton des Instruments. Dieser Ton, das frei schwingende Fell, mit welchem Finger, in welcher Position ist er geschlagen? Das ist die Forschung in der sich die Magie offenbart, die dem Instrument innewohnt. Es gibt diesen Ton, der mich verzaubert, der mich herauslöst aus Zeit und Raum. Ich forsche und weiß, wenn der Ton gefunden ist. Alles ist in diesem Ton bestätigt: Anschlag, Position, Finger und Stärke. Und dass es richtig ist, erfahre ich durch die Gegenwärtigkeit, in der ich mich befinde. Die Gegenwärtigkeit geht von diesem Ton aus. Ich reise auf diesem Ton in das Reich der Visionen. Es gelingt mir immer wieder und den Nachhall nehme ich mit auf meinen Lauf in den Wald. Der Rhythmus schlägt in mir und ich laufe in dem Rhythmus, ganz einfach und frei. Ich bin das Instrument, in mir das alles.

Und darum laufe!

Harmonie

Im Wind bewegtes Winterlaub, ein Zittern fängt meine Aufmerksamkeit. Dunkel vor dem weißen Schnee auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. Ich gelange diesem Flirren ganz nah, um zu sehen. Um mich hypnotisieren zu lassen. Ich bin darin leer und frei. Es ist kein Zittern der Angst, die mich in dem Spiel der gefrorenen Blätter hypnotisiert. Der Angst ist es nah, doch in der Bereitschaft, die Angst darin zu erkennen, wird das Flirren zu einem Hinweis: Sieh hin. Dies ist der Ort, den Du gesucht hast, um etwas von Dir zu erkennen, um Dir auf die Schliche zu kommen. Dies ist der Ort, an den Du Dich so kunstfertig angeschlichen hast. Das Pirschen hat Dich endlich hierher geführt. Und mit einem Mal sehe ich eine vom Wind gebrochene Astgabel einer Lärche vor mir pendeln. Sie balanciert kopfüber auf einem Ast einer Buche. Sie hängt lang herab, sanft baumelnd im Wind, als würde sie in der Luft wurzeln. Sie ist weich und grün, biegsam und lebendig. Ich blicke an ihr herab und erkenne die Ausgewogenheit, die Balance ihres Zustands. So fein austariert ist ihr Baumeln, dass ein Sturm sie nicht hinfort wehen wird. Sie wird sich neigen, ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie wird tanzen und schaukeln, ein weiters Mal brechen wird sie nicht. Sie wird im Sturme rauschen, doch ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie ist in völliger Harmonie und der besondere Punkt ist dort, wo Lärche und Buche einander berühren. Das ist der Moment, in dem ich stehe. Jetzt, es ist der Jetzt-Punkt, in dem das ganze feine Gebilde zusammenkommt. Es ist nichts lineares darin, kein Zeitstrahl mit Beginn und Ende. Es ist die Ganzheit des Gefüges in diesem einen Punkt zugespitzt. Die Gleichzeitigkeit zeigt es ganz klar. Alles, was war, was sein wird, was ist: In diesem einen Punkte es steht. Sonst ist dort nichts, keine Reue, keine Illusion. Dafür ist es also. Dafür ist diese Gabel, die sich teilt in die Dualität, die dann, wiederum sich aufteilt in weitere Dualitäten, um dann erneut um 90 Grad gedreht in weiteren Dualitäten sich zu differenzieren. Durch die Drehung wird dem Gebilde weitere Stabilität hinzufügt. Es ist das Männliche und das Weibliche, darin das Gebende und das Empfangende, darin das Führende und das Folgende. So geht es weiter, immer weiter. Auf dem Weg der Verfeinerung, der Ausdifferenzierung.

Und darum laufe!

Freundlichkeit

Diese Sehnsucht nach Sinn, Bedeutung und Form, sie ist Ausdruck der Störung des in das Bewusstsein gestoßenen Kindes. Das ist der Zustand und zugleich der Weg des Menschlichen überhaupt. Wir beschreiten den Weg der Großartigkeit und steigen hinauf, der Sonne entgegen. In diesem Weg  bleibt etwas Vergebliches, denn die unschuldige Ganzheit ist über den Weg der Großartigkeit nicht wiederzuerlangen. Das genaue Gegenteil mag mich an mein Ziel annähern. Es ist das Lassen, das Empfangen, das Anerkennen. Anzuerkennen ist, dass es völlig unerheblich ist, an welchem Ort und ich welcher Unannehmlichkeit ich stehe. Einzig zählt, wie ich in diesem Moment davon lassen kann. Zu lächeln darin, es wäre schön. Freundlichkeit wäre ein Wert. Die Wärme des Herzens würde die Welt ein wenig erwärmen. All das ist möglich.

Und darum laufe!

Sehnsucht

Ist es nicht so, dass wir alles, was uns begegnet, alles, was sich ereignet, auf uns beziehen müssen? Ein umgestürzter Baum auf meinem Weg, die Nessel, die mich beim Übersteigen des Baumes sticht, der Stein, von dem ich abrutsche, um mich grade noch abzufangen? Die Versehrung ist voller Erkenntnis und Wert. Sie ist die Erfahrung, die ich bedenke oder beiseite schieben mag. Ich entscheide über Wert und Unwert des Lebens über den Wert, den ich den Begebenheiten beimesse. Dies ist nicht übertragbar, ich kann es nicht ausdehnen auf meinen Nächsten.Gültig ist es nur für mich. Ich kann nur berichten von meinem Gefühl, von Gedanke und Form. Von meinem Irren und von meiner Sehnsucht nach Sinn und Wert. Und es fragt sich in mir: Woher nur diese Sehnsucht?

Und darum laufe!

Tausend Beine

Stelle dir vor, du hättest nicht nur zwei Beine, mit denen du läufst, sondern viele Tausende. Diese vielen Tausend Beine stelle dir nun vor in einem Überblick. Du kannst sie dir vorstellen wie die Beine eines Tausendfüßlers, der genau so lang ist, wie die Strecke, die von dir gelaufen wird an diesem Tage. Sie sind dort wo du entlang laufen wirst, auch wenn du die Strecke noch nicht kennst. Auch wenn du das erste mal auf dieser Strecke läufst. Jedes dieser Beinpaare wirst du genau ein Mal gebrauchen. Bist du mitten in dem Lauf, wenn du in diese Vorstellung eintauchst, so befinden sie sich vor dir und auch hinter dir. Hier, mitten in dem Lauf ist diese Vorstellung wohl am kräftigsten, denn du kannst diese Vorstellung sofort auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Du selbst wirst darin nur noch zu einem Rest an Körper, der über diese Vorstellung hinweggleitet. Diese Vorstellung kann dich beschleunigen.

Und darum laufe!

Schweben

Es ist möglich zu schweben. Für das Schweben benötige ich die Geschwindigkeit und die Fähigkeit diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Und dies über einen gewissen Zeitraum hinweg. Das Gefühl des Schwebens ist eingebettet in einen Vorlauf und einen Nachlauf. Doch dann ist es da. Und es ist, als würde der Körper sich in einer anderen Realität befinden, als die Beine. Alles läuft von selbst. Es ist, als würde der Körper sich nicht hinauf und hinab bewegen. Es ist ein Schweben. Das ist es, weil die Beine darunter nur den jeweils notwendigen Impuls geben, hinauf und voraus. Die Masse des Körpers ist ja bewegt. Auch die Beine erfahren sich neu. Sie sind an das Schwebende angebunden und darin sind sie eher Werkzeuge der Luft, als des Bodens. Tatsächlich ist in dieser Phase des Laufes die Berührung der Füße mit dem Erdboden kürzer, als die Zeitspanne bis zur nächsten Berührung mit dem jeweils anderen Fuß.

Und darum laufe!