Ein Hase

Ein Hase läuft mir vor die Füße, ganz nah, als könnte ich ihn mit meiner Hand berühren und er verschwindet gemächlich in der Böschung auf der anderen Seite des Weges. Ich rufe: Hallo Hase, Hallo Hase … und verbinde mich mit dem, was ich in diesem Moment gerade dachte. Und ich vernehme die Stimme des Hasen zu meinen Gedanken. Und er sagt: Gib Acht, falle nicht darauf herein, was ein anderer sagt, sei schlau, sei leis, behend und wenn Du Dich zeigst, dann bist Du da, als wärest Du aus dem Nichts erschienen. Wenn Du Dich zeigst, bist du für alle eine freudige Überraschung. Sei fruchtbar und ziehe Dich auch wieder zurück.

Und darum laufe!

Sonne

Als würde ich einem Tiere gleich aus einer Pfütze trinken wollen, neige ich mich hinab und blicke in die Spiegelung der Sonne, die sich an der Oberfläche des Wassers dort bildet, wo Blätter, Samenkapseln und Stengel die Wasseroberfläche durchbrechen. Die Sonne spiegelt sich in dutzenden, funkelnden Lichtpunkten hier und dort verteilt auf diesem Abschnitt der Pfütze. Und ich tauche ein in dieses Sternenmeer aus Hell und Dunkel. Ich nähere mich weiter an und entspanne meine Augen, sodass ich parallel blicke und lasse alles, was vor mir liegt miteinander verschwimmen. Meine Augen, oder vieleicht auch nur eines, beschenkt mich nun inmitten der weichen, samtenen Unschärfe mit einem Bild des einen, von diesem Auge fixierten Lichtpunktes. Dieser Lichtpunkt ist wie entfärbt und dabei vollkommen scharf. Und ich erstaune. Ich benötige eine Weile, um zu verstehen, was ich hier sehe. Der von mir fixierte Punkt ist so nah, dass ich ihn eigentlich nicht scharf sehen kann. Ich sehe durch ihn hindurch in die weite des Raumes, aus dem das Licht zu mir dringt. Ich sehe vor mir einen Kreis, in dem sich runde Formationen vereinen, sich wieder aufteilen, umherschwimmen. Dann um den Kreis herum ein Kranz von herausreichenden Strahlen. Ein flammender Kranz. Es muß die Sonne sein, deren Bild ich hier sehe, denke ich. Die Sonnenflecken in ihrer Aktivität, die Sonnenwinde die in den Weltraum hinausschießen, ihre Corona, alles ganz deutlich und scharf. In steter Bewegung, so weit weg und doch so deutlich. Ich habe technische Bilder hiervon gesehen und erkenne alles wieder. Der direkte Blick in das Licht der Sonne hinein hätte meine Augen geschädigt. Es ist die Brechung des Lichtes in der Oberfläche der Pfütze, die meine Augen schützt. Hier in diesem indirekten Blick kann ich genießen, ohne Mühe sehen. Das ich die Sonne sehe, ihr so nah bin, wie nie zuvor, ergreift mich. Ich empfinde Ehrfurcht. Es ist, als sei dieser Blick verboten. Als würde ich etwas sehen, dass doch verborgen sein muß. Lang bin ich umhergelaufen, bevor ich diese Entdeckung machen konnte. Immer schon lag dieses Geheimnis vor mir. Ich habe nur nicht hingesehen! Und ich erkenne, dass Menschen zu allen Zeiten genau dieses sahen.

Und darum laufe!

Die hohe Kunst

Mit dem gesenkten Blick, dem verengten Sichtfeld auf den Bereich vor meinen Füßen, lasse ich die Erde unter mir hinwegströmen. Steine, Staub, Geröll, Gräser, Wurzeln, Pfützen. All dies in dem Strom meines Laufes, in den sich bildhaftes aus meinen Gedankengängen mit einfügt, um den Raum vollständig auszufüllen. Ich blicke nur dorthin. Ein ovaler Raum, vielleicht einen Meter vor meinen Füßen. Ich schirme mich völlig ab. Kein Blick weicht ab. Und ich folge einer inneren Erzählung. Sie kann sich aus all dem, was denkbar ist, speisen. Immer ist sie die Realisation des Wunsches von etwas, erzählt zu sein. Die Erzählung taucht auf, weil sie erzählt und von mir gehört sein will. Oft begegne ich im Zuhören Gefühlen der Reuhe und der Scham. Ich versuche sie sein zu lassen, nachdem ihnen hier mein Raum zur Verfügung gestellt war. Das gelingt meist ganz gut, denn in mir ist der Wunsch, es gut werden zu lassen und Frieden zu schließen. Dieser ovale Raum, einen Meter vor meinen Füßen ist ein Ort der Heilung, der Harmonisierung und ich erfahre immer wieder, in ihm aufzugehen und aus ihm gereinigt hervorzutreten. Dabei genügt es, einer einzigen Erzählung zu folgen. Um die Erzählung in der Tiefe aufzunehmen und vielleicht sogar zu verstehen, ist es sogar notwendig, dass ich mich auf diese eine Erzählung konzentriere. Die Bewegung, der Stoffwechsel, Atmung, Weg und mich Umgebendes, Pflanzen, Tiere, Menschen, Regen, Sonne, das Licht und sein Schatten, dies alles dient dieser einen Sache. Und es ist der Strom des Lebens, der unter mir fließt. Er ist vielschichtig, unfassbar, in steter Veränderung und in steter Bewegung. Ich laufe auf dem rauschenden Wasser dieses Stromes. Meine Füße fliegen über ihn hinweg, sodass sie seine Oberfläche gerade eben nicht berühren. Ich spüre die kühle feuchte Luft an mir aufsteigen. Ich darf nicht stehenbleiben. Ebensowenig darf ich nicht zu schnell laufen. Ich würde außer Atem geraten. Meine Geschwindigkeit soll so sein, dass ich nicht leide und reagieren kann, wenn es erforderlich ist. Ein wenig zu beschleunigen ist mir dann noch möglich. Nichts ist vorherzusehen, so ist es gut, ein wenig bereit zu sein. Ich laufe auf dem Wasser und bedenke die Metapher, so wie ich sie erzählt bekommen habe, neu. Über das Wasser laufen, auf den Wasser laufen … und nun leuchtet mir ein, dass damit gemeint sein kann, die rechte Geschwindigkeit zu wahren bei dem Lauf auf dem Strom des Lebens. Dem Lauf auf dem Strom des eigenen Lebens. So individuell und schön, wie ein jeder Mensch ist. Ohne dabei in dem Strom des Lebens zu ertrinken. In des Schwebe sich zu halten, in einer Harmonie mit dem Sein. Darin zu dem Strom selbst zu werden, der großen unermesslichen Kraft. Ein Prophet, der auf dem Wasser lauft. Ja, ein Wunder, welches einer Erzählung wert wäre. Doch wieviel mehr kann es für uns bedeuten, sei dies eine Metapher für die hohe Kunst des Seins. In dem Sein wirklich zu werden, in dem höchsten mir möglichen Potential.

Und darum laufe!

Hingabe

Am Bach entlang, ich laufe der Quelle entgegen. Bergauf, Schritt um Schritt. Die Kühle des Baches steigt an mir empor. Das Wasser strömt mir entgegen und darin eingebettet all die Vorstellungen, die ich in mir zusammenziehe. Ich ziehe an seidenden Fäden meiner Wahrnehmung, wie eine in dem Zentrum ihres Netzes sitzende Spinne. Ich ziehe Vorstellungen von Menschen herbei und bette sie in den Strom des Wassers und lasse sie davonziehen. Es sind die Vorstellungen von Menschen, die mir einmal begegneten. Dann Vorstellungen von Menschen, von denen mir erzählt wurde. Und schließlich Vorstellungen von Menschen, von denen ich je gelesen habe. Der Anstoß, der die Vorstellungstätigkeit in mir anregt, ist ihre Kraft. Die Kraft, die mich irgendwann einmal beeindruckte, die mir Halt war und Richtschnur. Es sind Menschen, die wirken konnten, die wirklich wurden. Und ihr Individuelles in meinen Vorstellungen löst sich auf. Mehr und mehr tritt das Wesentliche hervor. Es tritt die Kraft hervor, die durch sie wirkte, die sie wirklich werden ließ. Und dies, so wird mir deutlich, ist das Eine, welches all diese Menschen miteinander verbindet: Sich selbst einmal hingegeben zu haben, dem durch sie wirkenden Strom der Energie. Und hier tritt sie mir entgegen, in dem unendlich wirkenden Prinzip des Stromes, in dem strömenden Wasser. Dem Wasser, das strömte, bevor ich das erste Mal an diesen Ort gelangte, das strömen wird, nachdem ich diesen Ort verlassen haben werde.

Und darum laufe!

Standhaftigkeit

Auf einem Stein, inmitten des dunkel beschatteten Wasserfalls, in einer Mulde, angefüllt mit zersetzem Laub, ein Same sich vor einer Weile einfand und nun ein grün leuchtendes Pflänzchen sich erhebt. Umtost vom Wasser, dem Rauschen, der Gischt. Ich erfreue mich an dem Anblick und verweile in der Frische und der in mir aufkeimenden Standhaftigkeit. Eine besondere Schönheit empfinde ich in dem von mir erahnten Mut, hier zu keimen. An dem Ort der so widrig ist, dass mir der Anblick des Pflänzchens völlig unerwartet ist. Meine Sympathie ist groß und sie war es schon immer für all das, was den Widrigkeiten sich stellte, was an Grenzen sich bewegte. Und nun fühle ich mich eingeladen, an diesem Ort in das Wasser zu steigen. Ich lege meine Kleidung ab und lasse mich fallen. Die kalte Strömung geht über mich hinweg. Ich sinke und halte den Atem an. Dabei bin ich verbunden mit dem grün leuchtenden Stengel und seinen vier oder fünf Blättern. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Es beobachtet mich, es lächelt, seine Sympathie ist groß. Es behütet mich und erfreut sich an meinem Anblick. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Seine Kraft ist nicht zu unterschätzen, sein Mut ist nicht zu unterschätzen.

Und darum laufe!

Der Strom

Ich folge dem Lauf des Wassers und versuche in genau der Geschwindigkeit zu laufen, in der sich der Bach dem Strom annähert. Auf dem schmalen Pfad, von den perlenden Nesseln gespornt und auch erheitert. Nach einer Weile stehe ich am Ufer des Stromes. Es ist heller als im Wald. Das Licht hatte sich in der Ferne angekündigt und nun umschließt mich die blaue Farbe des Himmels, sodass ich tief atme und mich ausruhe. Ich sitze an dem Ufer und blicke auf den Strom vor mir. Er ist so breit, dass mein Blick nur das Wasser umschließt. Sodass ich den steten, in leichten Wellen und Körpern sich bewegenden Wassermassen zusehe, ohne ihnen mit dem Blick zu folgen. Eine Formation im Wasser, ein Gebilde, eine Gestalt. Eben ist sie erkannt, schon ist sie aus meinem Sichtfeld geflossen. Ein Folgen ist nicht möglich, es ist sanft und ich lasse es nach kurzem Widerstand gewähren: Das Strömen. Es strömt durch mich hindurch und es ist stet, seine Kraft ist schier unermesslich. Ich empfinde Respekt und lass es sein: Ich betrachte den Strom, alles fließt vorbei, ich halte nichts fest. Worte in meinem Kopf, die sich wiederholen, sich aneinanderreihen und in mir tauchen Bilder auf. Menschen, Gefühle, in der Tiefe des Stromes und auch an seiner Oberfläche. Alles kann atmen, nirgends eine Not. Kein Ringen um Luft. Gesichter sich zeigen: alte, vertraute, ungesehen vertraute. Gesichter der Zukunft, der Gegenwart. Verflossene. Ihr Lächeln mich rührt, darin ihr Wohlwollen. Aus dem Mysterium heraus ist nichts erklärt. Es selbst ist nicht erklärt. Das Mysterium bedarf keiner Erklärung, doch in ihm offenbart sich mir das Richtige und ich kann dem Richtigen folgen. Nichts ist als Hinweis, nichts ist als Rat zu verstehen, doch das Wohlwollen der mich anlächelnden Erscheinungen, es ist auch mein Wohlwollen, mein Sehnen nach dem mich umfassenden Frieden. Ich weine, denn ich fühle, nicht dankbar gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht still gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht liebevoll gewesen zu sein.

Und darum laufe!

Schweben

Nah dem Wasser des Baches, eine Schar von Insekten sich hin und her bewegt. Ein Tanz von den Sonnenstrahlen des Abends beschienen, von der Musik des plätschernden Baches untermalt. Ihr Schweben fesselt mich. Sie wahren ihre Höhe. Sie wahren den Abstand zu- und voneinander. Auch die Form des Schwarmes ist gewahrt. In diesem Schweben zu verharren, ist der Hinweis, den ich erhalte. In diesem Schweben zu entspannen, ohne Angst, Plan oder Sorge. Ich erahne, dass dem Bach zudem das Schweben von Bedeutung ist. Dem Wasser auch, welches in den Strom fließt. Dem Strom, der sich in dem Ozean verliert, das Schweben von Bedeutung ist. Dem Ozean, das Schweben von Bedeutung ist. Ohne das, dem Ozean etwas fehlen würde. Eine Facette, die er benötigt, um vollkommen zu sein.

Und darum laufe!

Sonnenstrahl

Der gerade Weg erlaubt mir an ihm entlang in die Ferne zu blicken und ich sehe den Schatten der Bäume, die den Weg säumen, wie die Schweller einer Schiene, auf der ich laufe. Ich kann mir den Lauf der Sonne vorstellen, denn ich bin zu unterschiedlichen Tageszeiten auf diesem Weg gelaufen. Zu allen Jahreszeiten bin ich hier glaufen, ich habe den tiefsten Sonnenstand erlebt mit den langen Schatten und auch den höchsten Sonnenstand. Immer beschrieben die Schatten ein Oval, so wie der Lauf der Sonne am Himmel. Und mir ist, als wäre die gerade Linie, der gerade Weg, ein Irrtum, an dem ich mir der Kreisbewegung der Sonne bewusst werde. Doch ein Irrtum dabei. Ein Irrtum, der irgendwann einmal in die Welt gekommen ist. Vielleicht war in ihm die Horizontlinie nachempfunden und mehr noch die gerade Linie, in der der Sonnenstrahl uns trifft, die gerade Linie, in der der Sonnenstrahl sich von dem Schatten abgrenzt.

Und darum laufe!

Wildnis

Wenn ein Waldstück einmal nicht mehr bewirtschaftet wird, wandelt sich das ganze Gefüge. Bäume stürzen um, ihre Wurzeln brechen den Boden auf, die Stämme liegen quer und werden langsam zersetzt. Lang Verschwundenes kehrt zurück: Pilze, Farne, Flechten, Käfer, dann Vögel und mit den Vögeln die Samen der neuen Bäume. Es ist ein langsamer Wandel und doch mag er überraschen, wenn das Waldstück sich verändert zeigt. Nicht einzugreifen, es geschehen lassen, es ansehen, ohne Intention oder Plan, ohne Berechnung, es ist Ausdruck einer Haltung. Zu dieser Haltung gelange ich über die Erfahrung des Mangels, der in der gehemmten Kultur, in dem Forst sich zeigt. Ist diese Haltung eingenommen, bricht eine Vielfalt ein, die dabei nach harmonischen, kaum durchschaubaren Regeln geordnet scheint. In dieser Ordnung ist auch das Wilde zuhause, das Raubtier, das Schattenhafte, das Dunkel der Nacht und das Mondsüchtige. Und so lass ich alles sein, auf dass in mir die Käfer ihre Gänge graben, auf dass sich Farne und Ihre Sporen verbreiten, auf dass ein Geheimnis sich erheben mag.

Und darum laufe!

Edelsteine

Manchmal fallen mir Edelsteine in die Hand. Etwas gelingt, von dem ich zuvor nicht ahnte. Es gelingt aus dem Tun heraus, aus der Vertiefung in die Sache, die mich am meisten reizt. Und diese Edelsteine sind so wertvoll, dass ich sie nur herschenken kann. Einen Preis zu benennen, um einen Preis zu verhandeln, es würde ihre Würde antasten und so sind sie einfach fortgegeben und darin ist alles richtig. Es kann beim Laufen geschehen, in Form einer Erkenntnis. Es kann ebensogut bei einer Tätigkeit geschehen, der ich mich mit Hingabe widme. Etwas gelingt in dieser Disziplin und ich weiß um die Besonderheit dieses Moments, um die Besonderheit der Fähigkeit oder der Erkenntnis. Alles ist ganz leicht und einfach. Nur dorthin wo die Edelsteine vom Himmel fallen, dorthin muß ich mich erst einmal aufmachen. Ich muß mich bemühen, an diesen Ort zu gelangen. Und ich muß mich auch bemühen, die Hände geöffnet zu halten, um die Edelsteine aufzufangen. Ich kann sie auch auflesen von der Erde, doch auch das ist mit einer Mühe verbunden. Der Moment der Mühe kommt bestimmt und mein Eindruck ist, dass es sich lohnt die Mühe zu investieren. Regelmäßig, Konzentriert und Ernsthaft. Ich habe es erfahren, dass die Edelsteine herabregnen, direkt in meine Hand. Und ich erstaune immer wieder darüber, etwas zu vermögen, etwas zu beherrschen, was ich vor kurzeer Zeit noch für unerreichbar hielt.

Und darum laufe!