Der Wechsel

Mein Laufen ist Teil von etwas Anderem. In dem Bestehenden realisiere ich das Laufen. Es ist ein wenig mit einer Mühe verbunden und immer begegne ich einem inneren Widerstand. Den Widerstand zu überwinden, kostet mich etwas. Doch die Belohnung ist mir gewiss. Der Widerstand steht immer zwischen dem Einen und dem Anderen. Das Laufen und das Sein. Das Laufen ist eingebettet. Es hat seinen festen Platz. Eine Art Routine ist etabliert. Ein bestimmter Wochentag, diese oder eine andere Strecke, am Morgen oder am Abend. Jetzt erhöhe ich die Frequenz, ich laufe häufiger als jemals zuvor. Die Tage, an denen ich laufe, nehmen zu. Die anderen nehmen ab. Ich gewinne eine andere Perspektive und das Eine und das Andere stehen in ihrer ausstrahlenden Energie einander gleichberechtigt gegenüber. Die Kraft des Laufens strahlt aus hinein in den Bereich des Nicht-Laufens. Nun lasse ich das Nicht-Laufen zu einem Teil des Laufens werden. Und alles ist gewandelt. Andere Gesetze gelten. Das ist wohltuend. Wie leicht das ist!

Und darum laufe!

Dunkelheit

Mit geschlossenen Augen wird das Sehen zu dem, was sich findet zwischen der Netzhaut, dem Sehnerv und dem Gehirn. Ich frage mich: Wo genau wird aus dem Licht ein durch den Nerv übermitteltes Signal? Sind die Augen geschlossen, ist kaum ein Licht mehr wahrgenommen. In der finsteren Höhle sogar, die Augen zu schließen lässt mich die völlige Dunkelheit erfahren. Kein Unterschied zwischen geöffneten und geschlossenen Augen. Ich blicke und es ist ganz gleich. Völlige Dunkelheit! Und doch, ist es vollkommen dunkel, etwas hineindringt. Vielleicht wird etwas projiziert von dem Gehirn in Richtung des Netzhaut, oder aber es wird etwas projiziert von dem Netzhaut in Richtung des Gehirns. Und doch, dort wo beide Projektionen zueinanderkommen, dringt die Wahrheit ein. Und das Gehirn ist fraglich, der Sehnerv ist fraglich, die Netzhaut zudem. Ich sehe und ich werde folgen.

Und darum laufe!

Zu lernen

Ein Torus an Begrifflichkeiten, der sich um mich herum bewegt. Ich laufe. Um meinen Kopf herum befindet sich diese Form, mich einhüllend. Ich senke diesen Torus hinab auf die Höhe meines Brustkorbes und blicke über ihn hinweg. Ich blicke völlig frei und unbeschwert. Frei von Namen, Bildern, Gefühlen. Ich Blicke also hinab an meinem Körper entlang auf die laufenden Beine, den dahin strömenden Erdboden, auf dem ich laufe. Ich blicke an der Innenseite des Torus hinab. Seine Form ist mir gegeben. Ich möchte ihn nicht völlig auflösen, ihn nicht loslassen. Er belastet mich ja nicht mehr. Gerade dient er dazu, im Kontrast zu dem klaren Blick über ihn hinaus, an seiner Innenseite hinab mir zu verdeutlichen, wie leidvoll es ist, von ihm eingeschlossen zu sein. Aber auch, wie notwendig es wohl ist, dass es zu einer solchen, mich umgebenden Form kommt. Mit ihr umzugehen, fordert mich heraus. Es fordert mich heraus, kreativ zu werden, zu lernen. Aber auch, ein Geschenk anzunehmen.

Und darum laufe!

Farben

Ich bleibe stehen und schließe meine Augen. Ich drehe mich und wende mich der aufgehenden Sonne zu. 6000 Kelvin. Ich lasse mich vom Licht bescheinen und nehme die Wärme der Sonnenstrahlen auf. Ich bemerke, wie mein Körper in der Kälte des Morgens dampft. Mein Atem beruhigt sich, mein Pulsschlag entspannt sich und ich schaue mit geschlossenen Augen. Ich sehe Farben: Rosa, Violett, Gelb, auch Weiß. Ich sehe Orange, Dunkelrot, bläuliche Töne. Die Farben gehen ineinander über, sie verlaufen ineinander, versinken und erheben sich. Sie geben den Raum wieder für die folgende Farbe frei. Ich schaue mit geschlossenen Augen ohne zu fokussieren. Ein Farbenspiel, alles ist bewegt. Ein Meer an Farben. Meine Augen entspannen sich. Vielleicht, so denke ich, sind dies die Farben, die ein Embryo im Bauch seiner Mutter sehen mag.

Und darum laufe!

Linienläufer

Das Laufen im Kreis ist etwas anderes, als das Laufen auf einer Linie. Wo es hier vielleicht als ein Vorteil empfunden sein mag, dass vom ersten Schritt an das Ziel voraus liegt, so mag dort der Weg zu dem Wendepunkt als beschwerlich empfunden sein, weil ein jeder Schritt Entfernung bedeutet und eben nur in übertragenem Sinne Annäherung. Doch dem sich vergrößernden Raum, dem sich Von-dem-Ziel-und-dem-Ausgangspunkt-Entfernen, einen Sinn abzugewinnen, ist die Herausforderung, die dem Linienläufer gestellt ist. So wie er sich körperlich trainiert, steht ihm die mentale Übung bereit, vom ersten Schritt an. Mit der Vorstellung des Sich-Entfernens umzugehen ist die Herausforderung für den Linienläufer. Ein Möglichkeitsraum. Nichts wird ihn schrecken können. Nach innen gesenkt, mag er eine besondere Stärke entwickeln. Vom ersten Schritt an. Sie ist, unbeirrt zu sein. In mir erhebt sich die berauschende Vorstellung, zu einem Linienläufer zu werden, der nicht zurückkehrt an seinen Ausgangspunkt. Ein Linienläufer, der Tag für Tag sich fortbewegt und nie zweimal an dem gleichen Ort sich niederlegt, um auszuruhen. Ein Linienläufer, der nicht mehr zurückkehrt, der sich nicht umdreht, der weiter, immer weiter läuft. Einfach nur geradeaus, um darin den Kreis eines Seins zu schließen.

Und darum laufe!

Schleifen

Ich laufe in Schleifen. Ein Weg, ein Gedanke, das Gefühl von Schuld und Scham, etwas, das mich nicht loslässt. Es kreist in mir, sodass es mir zu einem Ärgernis wird, welches ich nicht einfach abstreifen kann. Es ist ein Ärgernis, so sehr, dass ich kurz davor bin, den Lauf abzubrechen. Ich bin kurz davor, es sein zu lassen. Eine List kommt mir zuhilfe: Ich laufe ein Stück zurück auf meinem Weg, etwa so weit bis zu dem Ort, an dem ich begann mich zu ärgern. Oder sogar noch weiter zurück bis zu dem Ort, an dem ich begann über das nun erblühte Ärgernis nachzudenken. Dort angelangt, wechsele ich erneut die Richtung und nehme die zweite Chance, von diesem Knotenpunkt aus loszulaufen. Der Knotenpunkt, ist der Punkt, der mich am meisten interessiert. Hier wo der Faden, die Schnüre verknotet ist, wo sie fixiert ist, setze ich mit meiner Frage an. Ich verstehe, was es bedeuten würde, den Knoten zu lösen. Eine Schnur, die zuvor gebunden war, würde auf eine sehr viel größere Länge auseinandergezogen. Einem Quantensprung gleich, wäre von einem auf den anderen Moment ein Anfangspunkt von dem Zielpunkt abgerückt. Der Raum, der dazwischenläge wäre gewaltig erweitert. Es ist also kein mühsames sich annähern an Größe, Weite, Tiefe oder Bedeutung. Es ist da, in diesem Moment. Die Erkenntnis bricht ein in die Realität, wie ein Läufer auf dem Eis. Mich interessiert also diese Verknotung, die mich wiederholen lässt. Die mich daran hindert loszulassen und weiterzuziehen. Mich interessiert der Knoten mehr als alles Andere.

Und darum laufe!