Brücke

Eine schmale Holzbrücke, zwei Stämme über den Bach, auf ihnen Äste, genagelt. Und nun ist sie verwittert und endlich gebrochen und in den Bach gestürzt. Ein Teil von ihr endet im strömenden Wasser. Das zweite Stück, der Auflieger des jenseitigen Ufers ist fortgespült. Von einem Hochwasser oder in Einzelteilen über die Zeit und die Kraft des Wassers gemächlich abgetragen. Und nun der Brückenrest zu mir spricht: Wärest Du eingebrochen mit mir, auf halber Strecke, so würdest Du nun schwimmen im Wasser, an keinem der Ufer angekommen oder geborgen. Du würdest Dich über Wasser halten, mit der Strömung hinabtreiben, dich fortbewegen. Du würdest etwas über das Schwimmen lernen im Strom, mehr als über die Vorstellung ein sinkender Stein zu sein. Vielleicht würdest du erfahren, darin ausdauernd zu sein, in dem Strom des Lebens auszuharren, bewegt in neue Dimensionen aufzubrechen. An keinem Ufer anhaftend, an keiner Vorstellung von einem rettenden Ufer klebend, einfach weiter strömen, lebendig.

Und darum laufe!

Strömen

Und ein Mensch, der sich dem Grund annähert, der auf den Grund des ausgetrockneten Baches sich legt, ihm entgegen wird das lebenspendende Wasser strömen. Das Leben strömt ihm entgegen, ihm, der sich erniedrigt. Und ein Mensch, der den Höhen entgegenstrebt, sich im Wettstreit behauptet, von ihm wird das Wasser sich entfernen. Die Einsamkeit ist ihm geschenkt. Das Leben, es strömt fort von ihm.

Und darum laufe!

Beständig

Ein aus sich selbst heraus beständig auf sich herabregnender Mensch. Ich beobachte einen zum Wasser hinabgeneigten Menschen. Er hockt an einem kleinen Wasserfall des Baches. Er streckt seine Hand unter das herabströmende Wasser und fängt es in seiner Handinnenfläche auf. Dann wirft er es mit einem Schwung fort. Und so wirft er das Wasser durch die staubig, trockene Luft des Waldes. Erst in die vier Himmelsrichtungen, um es dann hinter sich zu werfen. Die im Bogen fliegenden, in den Sonnenstrahlen blitzenden Wassertropfen regnen auf ihn selbst herab. Dunkle Flecken erscheinen auf seinem Rücken, als wäre dies der Sommerregen, der in dicken Topfen sich zeigt. Er regnet auf sich herab, bis sein Hemd völlig durchnässt ist. Ich kenne dieses Gefühl der völligen Durchnässtheit von Tagen, an denen aus dem Sommerregen ein brausender Guss wurde. An denen das Wasser den Rücken hinab zu den Beinen lief, die Beine hinab, hinein in meine Schuhe. Und der Läufer steht auf, dreht sich von dem Wasserfall weg, dem Weg entgegen. Er setzt an und läuft weiter. Ein aus sich selbst heraus beständig auf sich herabregnender Mensch. Und der Läufer, das bin ich.

Und darum laufe!

Der eine Tropfen

Trink nicht zu schnell, das Rinnsal zu mir spricht. Die Quelle ist stet und kühl, so, dass die zu einer Schale geformte Handinnenfläche schneller gefüllt ist, als ich dachte. So, dass die ganze Hand von der Kühle des Wassers durchzogen ist. Handinnenfläche um Handinnenfläche sauge ich ein und stille meinen Durst. So, dass meine Stirn zu schmerzen beginnt. Doch es gibt keinen Grund zur Eile, es herrscht kein Mangel. Alles was aus ihr hervorrinnt ist verfügbar und rein und licht und klar. Es ist mehr als ich je aufnehmen kann. Der einzelne lichte Tropfen all dessen enthält alles, was sie spenden kann. Den einen Tropfen kosten zu können, das ist es!

Und darum laufe!

Verletzung

Ich bin verletzt. Die Entzündung eines meiner Füße lässt jeden Schritt schmerzhaft werden. Und so verharre ich in meinem Leid. Ich schließe die Augen und nehme mir die Zeit, ich der ich jetzt laufen würde. Ich sende meinen Geist hinaus, den gewohnten Weg in dem Raum der Vorstellung zu beschreiten. Und es geht los: Die Treppe hinab, aus der Haustür heraus, auf den Gewegplatten zum Park. Dort laufe ich über den geschotterten Weg zur Wiese, diese diagonal gekreuzt. Die Füße werden nass vom Morgentau. Der Duft des Grases steigt in meine Nase. Die kühle Luft lässt mich frösteln und spornt mich, die Erwärmung von innen durch eine höhere Geschwindigkeit zu beschleunigen. Etwas dem Frösteln zu entgegnen. Mein Geist springt. Dieser Ort, diese Stelle des Weges zieht mich an, und schon bin ich dort. Sind alle Schritte ausgekostet bis hierhin? Sind alle möglichen Erfahrungen eingesammelt? Ich springe zurück zu diesem, zu jenem Ort, dann zu dem einen Schritt und zu einem folgenden. Der Blick, der strömende. Muster von feucht auf den Boden tapezierten Ahornblättern in Gelb und Grün. Runter an den Bach. Plätscherndes Wasser, Nebel sogar. Schwarzer Boden, Menschen, Passanten, Begegnungen. Ich grüße und werde gegrüßt. Der Raum ist geöffnet. Ich erstaune und lasse mich überraschen. Über allem liegt die heitere Stimmung derer, die im morgendlichen Wald Entspannung erfahren, all derer, die sich auflösen in den zu denkenden Gedanken. All derer, die Erlösung erfahren über Schritte und Atemzüge, schnelle und langsame. Ich gelange zum Anstieg. Ich ziehe mich an Bäumen empor, über Wurzeln den Abhang hinauf. Mein Atem geht tief und schnell. Das Blut pulsiert in meinem Hals, in meiner Stirn. Oben angekommen, erreiche ich den Ort, an dem ich manchmal brülle, so laut ich kann. So wie es manchmal sein muß. Und es geht weiter, immer weiter. In Eile bin ich nicht. Nie war ich in Eile, so tief hier im Wald. Ein Gefühl mich umhüllt. Langsam es sich annähert von allen Seiten gleichzeitig. Und nun steht es vor mir, so wie es zugleich in mir steht. So wie es mich umhüllt und zugleich ausfüllt: Was für eine Sehnsucht nach dem Leben! Ich empfinde eine tiefe Rührung, eine Traurigkeit geradezu. Was für eine tiefe Rührung, die ich empfinde. Sie umfast alles, vollständig und nichts an ihr ist Vorstellung. Sie ist ganz umfassend und real. Mit einem Mal durchströmt mich eine heitere, geradezu goldene Energie, freudig bis in meine Zehenspitzen hinein. Bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Zelle um Zele angestoßen und in den Strom aufgenommen. Ein, zwei Atemzüge gelingen mir. Wie nur könnte ich diese Rührung aufrechterhalten? Wie mag das gelingen? Ich weiß nur, einzig, dies alles, es beginnt mit dem Schließen der Augen.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!

Eine Gabe

Ein Lauf, ein Wasserfall. Ich gebe Wasser aus meiner Flasche hinzu. Es ist ein Opfer, eine Gabe. Ich gieße Wasser in die davon strömenden Wassermassen. Und es strömt hinfort, hinaus in die Welt. Von hier aus, von diesem Ort, von mir. Es ist Wasser, welches ich auf diesem Lauf noch benötigen würde. Darin liegt das Opfer. Es ist wichtig, dass ich das Wasser vergieße. Es ist bedeutend. Es ist eine Handlung, deren Wirkung ich noch benötigen werde.

Und darum laufe!