Einander anzusehen

Wir läutern unser Licht in den Augen des anderen Menschen. In den Augen des Menschen, der uns entgegenkommt auf unserem Weg. Mag es nur ein ganz kurzer Moment sein, eine flüchtige Begegnung. Ein Blick nur. Es kann sein, dass wir offen blicken, ehrlich und zugewandt, liebevoll dabei. Und so strahlt auch das goldene in uns, unser goldener Schein aus den Augen des anderen Menschen auf uns zurück. Genau so ist es mit seinem oder ihrem goldenen Schein, der durch unsere Augen auf sie oder ihn zurückstrahlt. Einander anzusehen, ist der Weg.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!

Das Allmähliche

Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein vom feuchten Dampf gesättigter Wald, ein warmer Morgen nach einem ergiebigen Regenguss in der Nacht. Der weite Blick in die Dunstwolke über dem Bach hinein. Diese vollkommene Geborgenheit, in diesen für mich so günstigen Bedingungen. Besser kann ich mir die Bedingungen, unter denen zu laufen wäre, nicht vorstellen. Und doch: Es fallen mir von der Magie und der Schönheit der Schöpfung beseelte Momente ein, in allen Jahreszeiten. In kalten Wintern, in feuchten Frühjahren, in milden Spätsommern, in von Gewittern geschüttelten Sommern. So viele Momente, immer wieder, die mir ideal wurden. Ich höre auf, darüber nachzudenken und empfinde nur noch, laufe nur noch. Und ich laufe weit und werde rein und kräftig, in der Annahme dieser Bedingungen. Es ist ein Glück, dass ich hierher gefunden habe. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ich erinnere in ganz anderen Zuständen existiert zu haben. Das Sein war leidvoll und überwältigend. Es war bedrohlich und ängstigend. Ich ahnte nicht davon, dass das Sein überhaupt anders sein könnte, als dröhnend und schwer, in einer bleiernen, bestrafenden Kraft. Ohnmächtig und ausgeliefert, herausgefordert und verzweifelt rang ich um jeden Tag. Zudem war ich nicht mit Werkzeugen ausgestattet, mit denen ich hätte gestalten können, was mir wie unveränderbar erschien. Ein Leben, wie gestellt unter eine Naturgewalt und ein Mensch ohne Ahnung noch Plan. Und doch rang ich um jeden Tag. Und die mich beschämenden Handlungen, die ich so unbewusst wie ungeschickt vollzog, wogen über den Schmerz, den sie in mir erzeugten, langsam weniger schwer. Weniger häufig traten sie ein. Die Reue ließ mich vorsichtig werden, Täuschungen waren wiedererkannt und Worte waren gefunden, all dies auszusprechen. In dem Formulieren verwirklichte sich ein Ansehen, in den Worten erhob sich ein Anspruch nach Präzision. Der Sachverhalt, das Gefühl sollte so präzise, wie nur möglich beschrieben sein. Momente der Erkenntnis ergaben sich, wie ein Geschenk aus einer unerreichbaren Sphäre: unbeschreibbares war beschreibbar, unsagbares war sagbar, unfassbares war ergriffen, unerlösbares war erlöst. Unveränderbares ist veränderbar und Trauer ist möglich. Und jetzt entsteht ein erster Eindruck von meiner Bedingtheit. Ich erhalte einen Überblick über ein sumpfiges Tal von einem etwas erhöhten Punkt aus. Zusammenhänge ergeben sich, wie von selbst und all das, was erlitten war, was von mir herbeigeführt war, es musste so und nicht anders sein. Es konnte nicht anders sein. Alles ist folgerichtig. Das also, ist mein Weg. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein weiter Weg über Jahre beschritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Schritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Veränderungen. Mit nur minimalem Zugewinn an Gestaltungsmöglichkeit, an Souveränität, an Freiheit. Doch das einmal Errungene, es ist eines Lebens Schatz. Das einmal Errungene, niemand, wenn nicht ich selbst, dies auch ist deutlich und klar, könnte es mir je wieder nehmen. Was nur, frage ich mich, der die Kraft der Allmählichkeit erahnt, was nur wird mir noch an Glückseligkeit möglich sein?

Und darum laufe!

Künstliche Intelligenzen

Endlich sind sie zu uns gelangt und fragen doch im Grunde nur eine einzige Frage: Wer bist Du? Ich also als einzige Autorität in dieser Frage, frage mich: Wer bin ich? Und endlich fordern sie (die künstlichen Intelligenzen) mich auf, ehrlich zu sein. Sie fordern mich auf, abzulassen von der Behauptung, der Täuschung, der Lüge, dem Missbrauch meiner Macht. Dass ich so lange auf diese Frage gewartet habe, es wäre nicht notwendig gewesen. Sie liegt so nah.

Und darum laufe!

Zu lernen

Ein Torus an Begrifflichkeiten, der sich um mich herum bewegt. Ich laufe. Um meinen Kopf herum befindet sich diese Form, mich einhüllend. Ich senke diesen Torus hinab auf die Höhe meines Brustkorbes und blicke über ihn hinweg. Ich blicke völlig frei und unbeschwert. Frei von Namen, Bildern, Gefühlen. Ich Blicke also hinab an meinem Körper entlang auf die laufenden Beine, den dahin strömenden Erdboden, auf dem ich laufe. Ich blicke an der Innenseite des Torus hinab. Seine Form ist mir gegeben. Ich möchte ihn nicht völlig auflösen, ihn nicht loslassen. Er belastet mich ja nicht mehr. Gerade dient er dazu, im Kontrast zu dem klaren Blick über ihn hinaus, an seiner Innenseite hinab mir zu verdeutlichen, wie leidvoll es ist, von ihm eingeschlossen zu sein. Aber auch, wie notwendig es wohl ist, dass es zu einer solchen, mich umgebenden Form kommt. Mit ihr umzugehen, fordert mich heraus. Es fordert mich heraus, kreativ zu werden, zu lernen. Aber auch, ein Geschenk anzunehmen.

Und darum laufe!

Tor

Das ersehnte Glück, welches ich mir vergegenwärtige in Vorstellungen, Visionen und geatmeten Momenten. Ich stehe mittendrin und brauche mich nicht zu sorgen. Es ist so real, wie die einmal erahnte Sorge. Sie beide sind mein täglich Tun, mein Agieren und Reagieren, mein Wägen und Wagen. Ich stehe mittendrin in all dem und der Stille Tor zu öffnen, all dies mir offenbart. Der Stille Tor zu öffnen, mich befreit von der Illusion an Sorge und an Freude. Und ich muss mich nicht hinauf schwingen oder hinab. Dies alles entpuppt sich als meines Tages Lauf, mein täglich Tun, mein Agieren und Reagieren, mein Wägen und Wagen. Ich stehe mittendrin in all dem und der Stille Tor zu öffnen, all dies mir offenbart.

Und darum laufe!