Brücke

Eine schmale Holzbrücke, zwei Stämme über den Bach, auf ihnen Äste, genagelt. Und nun ist sie verwittert und endlich gebrochen und in den Bach gestürzt. Ein Teil von ihr endet im strömenden Wasser. Das zweite Stück, der Auflieger des jenseitigen Ufers ist fortgespült. Von einem Hochwasser oder in Einzelteilen über die Zeit und die Kraft des Wassers gemächlich abgetragen. Und nun der Brückenrest zu mir spricht: Wärest Du eingebrochen mit mir, auf halber Strecke, so würdest Du nun schwimmen im Wasser, an keinem der Ufer angekommen oder geborgen. Du würdest Dich über Wasser halten, mit der Strömung hinabtreiben, dich fortbewegen. Du würdest etwas über das Schwimmen lernen im Strom, mehr als über die Vorstellung ein sinkender Stein zu sein. Vielleicht würdest du erfahren, darin ausdauernd zu sein, in dem Strom des Lebens auszuharren, bewegt in neue Dimensionen aufzubrechen. An keinem Ufer anhaftend, an keiner Vorstellung von einem rettenden Ufer klebend, einfach weiter strömen, lebendig.

Und darum laufe!

Strömen

Und ein Mensch, der sich dem Grund annähert, der auf den Grund des ausgetrockneten Baches sich legt, ihm entgegen wird das lebenspendende Wasser strömen. Das Leben strömt ihm entgegen, ihm, der sich erniedrigt. Und ein Mensch, der den Höhen entgegenstrebt, sich im Wettstreit behauptet, von ihm wird das Wasser sich entfernen. Die Einsamkeit ist ihm geschenkt. Das Leben, es strömt fort von ihm.

Und darum laufe!

Alles innerlich

Es ist nicht der Ort, denn alles ist innerlich. Und es ist auch der Ort, in einem gewissen Sinne und doch ist alles innerlich. Es ist innerlich, weil an dem Ort nur, vielleicht auch mehrfach, etwas besonderes, eine besondere Empfindung erlebt war. Die Leichtigkeit. Der weiche sandige Weg unter lichten Laubbäumen, des Ortes Möglichkeit, seine Fähigkeit übereinzustimmen, mit dem, was ich in ihn hineintrage. Darin ist eine Bedingung erfüllt, doch es ist nicht der Ort, weil alles innerlich ist. Ich habe mißverstanden und geglaubt an den Ort vielleicht nicht zurückkehren zu können. Doch ich verstehe heute, nachdem ich den Weg abgekürzt habe und zu meiner Überraschung nun an diesem Ort tatsächlich angekommen bin: Sein Zauber, der Zauber der Leichtigkeit, ich trug ihn ehedem hierher, die Leichte, sie war mein Geschenk an diesen Ort, welches ich über den Weg dorthin mir erst erworben hatte. Ein innerlicher Vorgang der Klärung, der Reinigung, der hier nur mir bewusst wurde. Alles innerlich also. Und doch ist es auch der Ort.

Und darum laufe!

Der einsame Weg

Und ich leide unter der Abwesenheit. Die Kälte umweht mich und zieht in mich ein, sodass ich ein völlig neues Gefühl von mir selbst erlange. Die Form meiner Knochen, durch die in sie einziehenden Kälte ist sie für mich zu erspüren. Ein Empfindungsgebilde aus Kälte. Die Muskeln dazu, Sehnen und Flüssigkeiten. Und ich bin auf diesem einsamen Weg, um mich solcherart neu zu erfahren. Ich lasse gewähren, was an Kraft mich hierherzieht, mich treibt, mir befiehlt. Denn es ist der Moment der Einsamkeit, der mir die in diesem Moment höchste Erkenntnis vermittelt. Es ist der schwerste aller Wege und er ist gefährlich. Immer suche ich den in diesem Moment für mich schwersten Weg. Das ist so in mir angelegt. Es ist leidvoll und ich will aus diesem finsteren Traum erwachen und das Leid als Scheme, als Täuschung, der zu folgen ich wohl gelernt habe, entlarven. Ich will das Leid loslassen und die Freude empfangen. Leicht und liebevoll leben, bewusst und heil. Doch mein Wille zählt nicht, vielleicht noch nicht. Der einsame Weg, ich ringe mit mir, kaum auszuhalten, Zeit , die wie ein Gebirge vor mir aufragt, mich zu erdrücken droht. Doch ich stabilisiere mich, atme, bewege mich. Ich erkenne den Rest in mir, der handlingsfähig bleibt in diesem Entgleiten, welches mich zieht. Hindurch durch die Einsamkeit, dachte ich, um zurückzukehren, immer wieder zurückzukehren. Und verändere ich mich. Der Druck lässt nach, Gewöhnung, Vertrautheit entsteht. Ich erblühe in mir. Unsichtbar für und vor allen, wie niemandem. So viel ist verloren, es ist losgelassen und ich bin nicht allein. Ich bin frei und das fühle ich so, wie ich es vielleicht noch nie zuvor gefühlt habe. Keine Erwartungen mehr. Vor mir bin ich frei und was andere von mir glauben, ich kann es vollkommen anderen überlassen. Ihr Glaube gehört ihnen und wenn sie glauben, etwas glauben zu müssen, so ist das eine Entscheidung. Dies hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Immer spreche ich nur von mir selbst, immer ist alles, was mir entgegentritt ich selbst. Und darin ist das Selbst keine Beschränkung, kein Gefängnis und ebensowenig eine Anmaßung oder ein Ausdruck für Hochmut. Gelassen blicke ich auf die Entsprechnung von Selbst und Welt und lass auch diese los. Wie eine Täuschung, wie der Nasenring, durch den ich durch die Manege des Seins geführt werde. Nur, ich glaubte, dies sei ein Abschnitt des Weges, der einmal wieder zurückführen würde. Eine Krise sozusagen. Eine Phase meines Seins. Doch ich erkenne die völlige Offenheit. Und so tief in die Ensamkeit vorgedrungen, verstehe ich, es ist vielleicht der erste Stein eines im Urwald verborgenen Tempels, den ich gerade entdeckte.

Und darum laufe!

Erregtheit

Ein Mensch, den Flug der Mauersegler zu beobachten, den in der Ferne sich drehenden Tanz. Den Flug der Bienen und Wespen dazu, in ihrer Unermüdlichkeit, davor, ganz Nah. Sich überlagernde Muster, Bewegungen, das Kreisen und Figuren. Eine Sprache es ist. Eine tänzelnde Erregtheit. Alles von einer Hand. All das den Menschen zu überbringen, eines Menschen Aufgabe.

Und darum laufe!

Das Lächeln

Ich laufe zu allen Zeiten und frage mich, nach dem Einfluß der Tageszeit auf das Laufen. Ich frage mich, nach dem Einfluß auf meine Gedanken. Es gibt Dinge die am Tag gelingen, in der Nacht hingegen nicht. Und umgekehrt. Der Morgen ist mir die Zeit des Einatmens, die Zeit des ansteigenden Lichts. Oft bin ich in ihr in einer getriebenen Form gelaufen, das Gold des Morgens zu ergreifen. Der Abend ist mir die Zeit des Ausatmens, die Zeit des sich zurückziehenden Lichtes. Oft bin ich in ihr in einer Art von Ruhe gelaufen, das Gold des Abends von mir zu geben. Die Nacht ist mir die Zeit der Atempause, der verborgenen Ruhe. Ich bin in mir verborgen und im Reich der Träume, ganz verwoben und distanziert zugleich. Sie ist erkenntnisreich, bevölkert von Tieren und Visionen. Der Einfluß, ich erkenne ihn immer dann, wenn ich zu ungewohnter Zeit aufbreche, ist gewaltig. Mich von dem Einfluß der Tageszeit unterstützen zu lassen, ist eine hohe Kunst. Einmal war ich verspätet, der Morgen schon am Schwinden und ich bemerkte tief im Wald war der Morgen noch am Wirken. Darin eine Forschung, sie ist eine um die Zeit aber auch eine um das Selbst und meiner Verbindung mit der Energie, die in den Tagesphasen herrscht. Gegen sie zu laufen, gelingt nicht. Mit ihr zu laufen, offnet das Tor zur Harmonie. Das Ergebnis dieser Forschung steht bereits fest. Es ist keine Regel oder Gesetzmäßigkeit, es ist das Lächeln.

Und darum laufe!

Der Tempel

Wie nur konnte ich an Steine und Mauern denken? An tonnenschwere Quader, rätselhaft bewegt? An behauene Steine, gefügt oder gesetzt, aufgetürmt und von Erdbeben geworfen, zu Schuttkegeln gewandelt? An Massen, an umbautem Raum, Architektur von der Sonne und den Jahrhunderten gebleicht, von dem Wind und den Sandkörnern geschliffen? Der Tempel, der zu errichten ist, ist dort, wo ich bin und ich bin dort, wo dieser Tempel ist. Er ist der heilige Ort in mir. Er ist der Moment des Friedens in mir, den ich wirklich werden lasse. Und dieser Tempel, er ist jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jeden Moment von mir neu zu errichten in Friedfertigkeit, in Sanftmut. Und ich atme und laufe.

Und darum laufe!

Der Morgen

Wenn du Gedanken in den Wald trägst, die schwer und überwältigend scheinen, wenn die Reue über Irrtümer und falsche Entscheidungen nicht weichen will, wenn du erinnerst, einmal gezögert zu haben und dadurch etwas verloren hast, vor Jahren, wenn der Verlust so groß war, dass er ein Leben bis hierher begleitet, wenn dieser Verlust zu einer Erzählung taugt, die du gewohnt bist immer und immer wieder zu erzählen, zu einer Erzählung, die immer und immer wieder erzählt, ein kleines bisschen milder wird, um endlich, schließlich dich verstehen läßt: Oh, Ich kann ja immer noch diese Geschichte erzählen, so viele Male schon und immer noch erzähle ich diese Begebenheit, ich atme, ich lebe, habe etwas erlebt und erzähle es dem Menschen, der mir gegenüber steht, mal diesem, mal jenem und ich erzähle diese Geschichte dem Menschen, der neben mir durch diesen Wald hier läuft. Ich erzähle diese Geschichte dem Wald, den Bäumen, dem Wind und dem Rauschen des Baches. Wenn du also verstehst, dass dies die Erzählung des großen Verlustes deines Lebens ist, und zugleich erkennst, dass diese Geschichte schön ist und lehrreich, symbolisch, wie ein Zeichen. Dann ärgere dich nicht zu früh. Und diese Geschichte ist so gestaltet, erschaffen geradezu, als wäre sie ein Kunstwerk, als wäre sie in dieser Form, in der sie sich ereignete, einmal zu erfinden, zu ersinnen durch einen Autor, einen Schöpfer, einen Künstler in seiner genialen Kraft: Darin ist sie schön, in ihrer belehrenden Kraft ist sie schön.Wenn du jetzt, hier angekommen, weil du also voreilig warst und jetzt wieder ein Verlust eintritt, von der Größe des ersten Verlustes, der jetzt wieder wie ein Klang durch dein Leben hindurch tönen wird und du nun ahnst, dieser Klang kann, wenn du es ihm erlaubst dich ebenso lang begleiten, wie der Klang des ersten Verlustes es getan hat bis hierher, dann ärgere dich nicht zu früh. Erinnere dich, du hast solches bereits erlebt und wie ironisch, ein Witz geradezu, dass das entgegengesetzte Verhalten genau denselben oder einen gleich gearteten Verlust bewirkt. Einmal zögertest du und nun warst du voreilig, du hättest nur ein kleines bisschen warten müssen, um zu empfangen, was du als Geburtsrecht empfindest: Die Fülle am Sein, in jeder nur möglichen Form und Ausprägung. Doch alles geschieht genau so, wie es geschehen soll. Die Erfahrung flüstert leis: Den Verlust zu erfahren, es ist von größerem Wert als die Erfüllung des ersehnten Traumes oder die unerwartete Belohnung, das unerwartete Geschenk,welches du alsbald vergisst. Der Verlust, das bist du! Schön und gefügt. In ihm ist tiefe Bestimmung. Du bist der atmende, der tanzende, der erzählende Zerstörer deiner selbst. Die Erzählung, die du von dir zu äußern gewohnt bist. Im Tanz löst sie sich auf. Im Tanz löst sich nun auf, was fest genug war, bereut zu sein. Es bleibt nur noch der Tanz, die Freude und der strahlende Schein des anbrechenden Morgens.

Und darum laufe!

Gedankenstrom

Der Mensch als eine Art Gedankenstrom gedacht. Viel mehr als sein Körper. Viel mehr als der Anblick, den er bietet, als die Ästhetik, in der er läuft. Der Mensch, der ermüdet, nach dem Schlaf sich sehnt, um gedacht zu werden und darin endlich Entspannung zu erlangen. Dem sich bewegenden Strom zu begegnen, auch und gerade in der Bewegung ist dies möglich. Den sich bewegenden Strom zu begleiten, auch und gerade in der Bewegung ist dies möglich. Sich ihm, also sich selbst entgegenzustellen, bedeutet, eine Ahnung von sich selbst zu erhalten. Das also an dem Strömenden bin ich. Unmöglich, dem zuwider zu handeln. Ich kann nur mich treiben lassen, mich hinein geben in mich selbst. In den großen von mir unterschätzten Strom. Große Kraft, ein wenig sie Hindern, doch sie ist zu groß! Seine Richtung, die des Stromes ist klar. Sich seiner Selbst bewusst zu werden, es erfordert mit sich selbst umzugehen. In die Mitte des Stromes zu treiben, am Rand sich zu verlangsamen. Einen Blick auf sich selbst zu gewinnen: Auch das bin ich! Es ist ein Spiel in diesem Gedankenstrom zu treiben.

Und darum laufe!

Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen wird das Sehen zu dem, was sich findet zwischen dem Sehnerv und dem Gehirn. Entweder wird etwas Projiziert aus dem Gehirn heraus in die Richtung der Netzhaut, oder aber genau in der entgegen gesetzten Richtung, aus der Netzhaut heraus in die Richtung des Gehirns. So stelle ich mir das vor. Und dort, wo beides zueinander kommt, dort hinein die Wahrheit dringt. Doch es gibt dort noch mehr, als nur diese beiden Ausrichtungen. Dort ist ein einzelner Punkt, so klein ich ihn mir nur vorstellen kann, mathematisch klein, aus dem heraus sich Bilder erheben. Und zugleich ist dort das All, das uns umgebende, das unendliche, so unendlich ich es mir nur vorstellen kann, aus dem heraus sich Bilder in mich hinein senken. Und dann ist dort auch noch die Zeit, die ganz wie sie es will, Bilder aus der Vergangenheit abruft, oder aber Bilder von dem, was sich erst ereignen wird, bereit stellt. Und ich bin dem völlig ausgeliefert. Es ist spielerisch dabei. Und ich verliere den Glauben an eine Begrenztheit. Ich verliere den Glauben an eine Getrenntheit. Ich bin immer noch Ich. Doch auch das sei spielerisch genommen.

Und darum laufe!