Die spirituelle Kraft

Die von mir vermisste, so abwesend sich anfühlende, die geistige Kraft, ihre Eingebung empfange ich dort, wohin ich laufe: In der Senke des Tales über dem Bach. Dort liegt sie wie ein frischer Morgennebel. Unterhalb von dem Nivau, von dem ich ausgehe, auf dem ich zweifele, zögere, mich martere in Gedanken. Und ich tauche ein in das Leichte, das in mich Einströmende ihrer Substanz. Ich vertraue, bin geborgen. immer wieder.

Und darum laufe!

Brücke

Eine schmale Holzbrücke, zwei Stämme über den Bach, auf ihnen Äste, genagelt. Und nun ist sie verwittert und endlich gebrochen und in den Bach gestürzt. Ein Teil von ihr endet im strömenden Wasser. Das zweite Stück, der Auflieger des jenseitigen Ufers ist fortgespült. Von einem Hochwasser oder in Einzelteilen über die Zeit und die Kraft des Wassers gemächlich abgetragen. Und nun der Brückenrest zu mir spricht: Wärest Du eingebrochen mit mir, auf halber Strecke, so würdest Du nun schwimmen im Wasser, an keinem der Ufer angekommen oder geborgen. Du würdest Dich über Wasser halten, mit der Strömung hinabtreiben, dich fortbewegen. Du würdest etwas über das Schwimmen lernen im Strom, mehr als über die Vorstellung ein sinkender Stein zu sein. Vielleicht würdest du erfahren, darin ausdauernd zu sein, in dem Strom des Lebens auszuharren, bewegt in neue Dimensionen aufzubrechen. An keinem Ufer anhaftend, an keiner Vorstellung von einem rettenden Ufer klebend, einfach weiter strömen, lebendig.

Und darum laufe!

Der Fluß

Der Fluß kennt keine Zeit. Und ich weiß nicht einmal, was genau er ist – ist er das Wasser, welches strömt, bei Tag und in der Nacht? Ist er das Bett aus Schlamm, Geröll und Gestein, welches vom Wasser geformt das Strömen rahmt? Oder ist er das Gefälle des Terrains, welches die Wassermassen in ihrer Kraft bewegt? Dort ist der eine Regentropfen an der Grenze zwischen diesem und einem anderen Flußsystem. Und dort ist dieser Moment, in dem eine Entscheidung ihn diesem oder dem anderen Flußsystem zuführt. Eine unfassbar große Anzahl an Entscheidungen, die diesen Fluß ausmachen. Und da ist der Bach, der in den Fluß mündet. Der Bach, der ausgetrocknet noch von den Mengen an Wasser kündet, die er einmal führen wird. Auch der Bach kennt keine Zeit, doch in allem wirkt das große Gesetz. Und das Gesetz ist ohne Zeit. Es wirkt, auch wenn kein Mensch mehr kommt, den Fluß zu betrachten, den Bach zu verstehen. Es wirkt auch noch, wenn kein Mensch mehr kommt , von dem Gesetz zu ahnen.

Und darum laufe!

Vergebung

Als Getriebener zu laufen belastet. Es belegt mit Schwere. Die Schwere ist hineingetragen in den Wald. Es ist immer ein Laufen hinein in dem Moment, in dem die Schwere sich von mir löst, von mir abfällt. Und sie tut dies stets an einem ganz bestimmten Ort. Ich kann diesen Ort benennen. An ihm habe ich auch ganz bewusst versucht, all das an Begegnungen mit Menschen abzuladen, was zu lösen mir nicht möglich war. All das, was mich ängstigte, was mich bedrohte, was zu mächtig war. Zwang, Abgrund, Finsternis. Ich spreche von einer Lebensbedrängtheit. Und nun dieser Ort, an den ich immer wieder gelange. Ungefähr vier Kilometer entfernt, eine Brücke. Am diesseitigen Ufer es sich also staut und es bleibt hier abgeladen und darin voller Energie. Die Zeit verändert hier kaum etwas. In mir muss ich etwas wandeln, verstehe ich, denn dieser Ort ist belastet und er bleibt es auch. Ich muss etwas verändern in mir, das wird mir deutlich. Ich kann die Gesichter des Unrechts nicht vergessen, die wolllüstige Macht, der Anblick der Freude an der Erniedrigung, die ich erfahren habe. All das ist hier gespeichert. Und die Belastung des Ortes schlägt jedesmal wieder, wenn ich hierher gelange, auf mich zurück. So sehr, dass ich mich an manchen Tagen dem nicht gewachsen fühle und den Ort deshalb vermeide. Es ist etwas zu tun, verstehe ich. Lang genug habe ich es aufgeschoben. Lang genug mir die Kraft es aufzuschieben genommen und abgezogen von dem, was ich doch eigentlich will. Vielleicht bin ich jetzt bereit, zu vergeben. Vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor. Doch es geht mir schlecht genug, um nun hier anzukommen und der Sache gegenüberzustehen. Mehr noch, die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, den Schmerz anzunehmen und die Unfähigkeit, den mir zugefügten Schmerz denen zu vergeben, die ich glaube verantwortlich machen zu können, oder zu müssen – diese Unfähigkeit muss hinabführen. Das verstehe ich jetzt, in diesem Moment. Etwas abzulegen, am Fuße der Brücke, tief im Wald, es mag helfen, über die Zeit zu kommen. Es mag helfen, Kräfte zu sammeln, weitergehen zu können. Doch es löst nichts. Alles kommt zurück, alles wartet darauf, gelöst zu werden, weich zu werden, zu Dankbarkeit zu werden. Denn ich habe gelernt, von meiner Naivität zu lassen: Das also gibt es auch! Ich habe gelernt, die Welt realistischer zu sehen, ohne aufzugeben, wofür ich stehe. Ohne aufzugeben, wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube. Und volleds lösen wird es sich nur, wenn ich schließlich mir selbst vergebe. Wenn ich mir vergebe, so unfähig gewesen zu sein. Mir vergebe, so viele Jahre die Schwere an diesem Ort bewahrt zu haben. So viel Energie geopfert zu haben, nur um mich einzurichten im Himmelreich der Ohnmacht. Mir selbst also vergeben … , wie schön ist dieser Gedanke! Und er beflügelt mich. Ich atme tiefer, ich erfahre in diesem Moment, wie die Energie in mich einströmt, wie sie zurückkehrt und zudem, wie die Energie meiner Umgebung in mich einströmt. Ich nehme die Energie auf, die diesen Wald erfüllt. Und ich laufe, Steigung um Steigung, werde schneller, ganz unerwartet, kann ich die Geschwindigkeit aufrecht erhalten. Und ich strahle vor mich hin.

Und darum laufe!

Quelle

Es betrübt die Quelle, wenn es nicht einen Menschen gibt, der sich auf den Weg macht, zu ihr zu gelangen. Geläutert ist das Meer über den Weg, den dieser eine Mensch auf sich nimmt, gereinigt der Fluß, klar und frisch der Bach, heilig das Wasser dort, wo es aus dem Boden tritt. Es ist der Weg bergan, immer entgegen, doch die Richtung ist hierin jederzeit klar. Auch einsam vielleicht, doch ungeteilt, ungespalten der Mensch mit jedem Schritt er sich und der Welt Unschuld wahrt.

Und darum laufe!

Wut

Es raubt mir den Atem, wütend zu sein und so geht es nicht gut voran, weil, um zu laufen, brauche ich den Atem und ich würde zusammenbrechen, ließe ich nicht irgendwann los. Irgendwo auf meinem Weg. Atemlos, wie ich irgendwann sein würde und so ist das Laufen geeignet, die Wut aufzulösen, weil das Laufen sich mit der Wut nicht vereinbaren lässt und weil es mich zwingt, irgendwann, vielleicht auch nur für den Moment, oder den Rest meiner Strecke, ohne Wut zu sein. Zumindest, vielleicht, ihr während des Laufens nicht meine Aufmerksamkeit zu opfern. Anderes will sich zeigen. Eiszapfen vielleicht, am Wasserfall gewachsen, wie ein grauer Bart. Die Nacht war kalt, Rauhreif in den besachtteten Hänges des Tales, der sich noch hält. Der Bach, gefasst von einem Saum aus Schnee und Eis des frühen Jahres, wie eine Papierserviette um ein Cafe-Gedeck. Das Schöne sich zeigt.

Und darum laufe!

Beständig

Ein aus sich selbst heraus beständig auf sich herabregnender Mensch. Ich beobachte einen zum Wasser hinabgeneigten Menschen. Er hockt an einem kleinen Wasserfall des Baches. Er streckt seine Hand unter das herabströmende Wasser und fängt es in seiner Handinnenfläche auf. Dann wirft er es mit einem Schwung fort. Und so wirft er das Wasser durch die staubig, trockene Luft des Waldes. Erst in die vier Himmelsrichtungen, um es dann hinter sich zu werfen. Die im Bogen fliegenden, in den Sonnenstrahlen blitzenden Wassertropfen regnen auf ihn selbst herab. Dunkle Flecken erscheinen auf seinem Rücken, als wäre dies der Sommerregen, der in dicken Topfen sich zeigt. Er regnet auf sich herab, bis sein Hemd völlig durchnässt ist. Ich kenne dieses Gefühl der völligen Durchnässtheit von Tagen, an denen aus dem Sommerregen ein brausender Guss wurde. An denen das Wasser den Rücken hinab zu den Beinen lief, die Beine hinab, hinein in meine Schuhe. Und der Läufer steht auf, dreht sich von dem Wasserfall weg, dem Weg entgegen. Er setzt an und läuft weiter. Ein aus sich selbst heraus beständig auf sich herabregnender Mensch. Und der Läufer, das bin ich.

Und darum laufe!

Denken

Ich denke. Und ich bin mir dessen in diesem Moment ganz bewusst. Und nun erhebt sich ein Bild. Ich sehe mich, wie ich an dem Bach in dem Wald sitze und auf das vorbeiströmende Wasser schaue. Der Bach ist angeschwollen. Es hat viel geregnet in den letzten Wochen und das Wasser eilt an mir vorbei. Unablässig strömt es in eine Richtung. Ein kleiner Wasserfall und hier ein Felsbrocken auf den das Wasser stürzt. Ich beobachte einen Wassertropfen, wie er sich energiegeladen in die Luft erhebt, eine Laufbahn beschreibt, um dann an anderer Stelle wieder in den Strom des Wassers einzutauchen. Dieser eine, dann ein Anderer und ein Weiterer. Immer wieder werden an dieser Stelle Wassertropfen herausgeschleudert, um zu fliegen und dann wieder einzutauchen, wieder zu verschwinden. Der Tropfen, er mag ein Gedanke sein, herausgeschleudert, herausgehoben, von großer Klarheit und Kühle. Seine Form ist ganz ebenmäßig. Und noch während er fliegt, bewegt sich unter ihm der Strom des, ihn ehemals bergenden, Denkens. Um den Tropfen herum, um den Gedanken, das tosende Rauschen des Wasserfalles. Das Rauschen, so laut, dass der Klang des wieder Eintretens dieses einen Tropfens in den großen Strom nicht zu hören ist. Die Frage bleibt offen, wie noch das Denken zu beschreiben ist. Doch das Bild der Gleichzeitigkeit empfinde ich als treffend. Das Bild der Herausgelöstheit dieses einen Gedankens empfinde ich als ebenso treffend. Der Strom und der aus dem Strom herausgeschleuderte Wassertropfen. Geborgen in dem tosenden Rauschen. Und dann der betrachtende Mensch. Und die rahmende Vorstellung von all dem.

Und darum laufe!

Verletzung

Ich bin verletzt. Die Entzündung eines meiner Füße lässt jeden Schritt schmerzhaft werden. Und so verharre ich in meinem Leid. Ich schließe die Augen und nehme mir die Zeit, ich der ich jetzt laufen würde. Ich sende meinen Geist hinaus, den gewohnten Weg in dem Raum der Vorstellung zu beschreiten. Und es geht los: Die Treppe hinab, aus der Haustür heraus, auf den Gewegplatten zum Park. Dort laufe ich über den geschotterten Weg zur Wiese, diese diagonal gekreuzt. Die Füße werden nass vom Morgentau. Der Duft des Grases steigt in meine Nase. Die kühle Luft lässt mich frösteln und spornt mich, die Erwärmung von innen durch eine höhere Geschwindigkeit zu beschleunigen. Etwas dem Frösteln zu entgegnen. Mein Geist springt. Dieser Ort, diese Stelle des Weges zieht mich an, und schon bin ich dort. Sind alle Schritte ausgekostet bis hierhin? Sind alle möglichen Erfahrungen eingesammelt? Ich springe zurück zu diesem, zu jenem Ort, dann zu dem einen Schritt und zu einem folgenden. Der Blick, der strömende. Muster von feucht auf den Boden tapezierten Ahornblättern in Gelb und Grün. Runter an den Bach. Plätscherndes Wasser, Nebel sogar. Schwarzer Boden, Menschen, Passanten, Begegnungen. Ich grüße und werde gegrüßt. Der Raum ist geöffnet. Ich erstaune und lasse mich überraschen. Über allem liegt die heitere Stimmung derer, die im morgendlichen Wald Entspannung erfahren, all derer, die sich auflösen in den zu denkenden Gedanken. All derer, die Erlösung erfahren über Schritte und Atemzüge, schnelle und langsame. Ich gelange zum Anstieg. Ich ziehe mich an Bäumen empor, über Wurzeln den Abhang hinauf. Mein Atem geht tief und schnell. Das Blut pulsiert in meinem Hals, in meiner Stirn. Oben angekommen, erreiche ich den Ort, an dem ich manchmal brülle, so laut ich kann. So wie es manchmal sein muß. Und es geht weiter, immer weiter. In Eile bin ich nicht. Nie war ich in Eile, so tief hier im Wald. Ein Gefühl mich umhüllt. Langsam es sich annähert von allen Seiten gleichzeitig. Und nun steht es vor mir, so wie es zugleich in mir steht. So wie es mich umhüllt und zugleich ausfüllt: Was für eine Sehnsucht nach dem Leben! Ich empfinde eine tiefe Rührung, eine Traurigkeit geradezu. Was für eine tiefe Rührung, die ich empfinde. Sie umfast alles, vollständig und nichts an ihr ist Vorstellung. Sie ist ganz umfassend und real. Mit einem Mal durchströmt mich eine heitere, geradezu goldene Energie, freudig bis in meine Zehenspitzen hinein. Bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Zelle um Zele angestoßen und in den Strom aufgenommen. Ein, zwei Atemzüge gelingen mir. Wie nur könnte ich diese Rührung aufrechterhalten? Wie mag das gelingen? Ich weiß nur, einzig, dies alles, es beginnt mit dem Schließen der Augen.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!