Das Allmähliche

Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein vom feuchten Dampf gesättigter Wald, ein warmer Morgen nach einem ergiebigen Regenguss in der Nacht. Der weite Blick in die Dunstwolke über dem Bach hinein. Diese vollkommene Geborgenheit, in diesen für mich so günstigen Bedingungen. Besser kann ich mir die Bedingungen, unter denen zu laufen wäre, nicht vorstellen. Und doch: Es fallen mir von der Magie und der Schönheit der Schöpfung beseelte Momente ein, in allen Jahreszeiten. In kalten Wintern, in feuchten Frühjahren, in milden Spätsommern, in von Gewittern geschüttelten Sommern. So viele Momente, immer wieder, die mir ideal wurden. Ich höre auf, darüber nachzudenken und empfinde nur noch, laufe nur noch. Und ich laufe weit und werde rein und kräftig, in der Annahme dieser Bedingungen. Es ist ein Glück, dass ich hierher gefunden habe. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ich erinnere in ganz anderen Zuständen existiert zu haben. Das Sein war leidvoll und überwältigend. Es war bedrohlich und ängstigend. Ich ahnte nicht davon, dass das Sein überhaupt anders sein könnte, als dröhnend und schwer, in einer bleiernen, bestrafenden Kraft. Ohnmächtig und ausgeliefert, herausgefordert und verzweifelt rang ich um jeden Tag. Zudem war ich nicht mit Werkzeugen ausgestattet, mit denen ich hätte gestalten können, was mir wie unveränderbar erschien. Ein Leben, wie gestellt unter eine Naturgewalt und ein Mensch ohne Ahnung noch Plan. Und doch rang ich um jeden Tag. Und die mich beschämenden Handlungen, die ich so unbewusst wie ungeschickt vollzog, wogen über den Schmerz, den sie in mir erzeugten, langsam weniger schwer. Weniger häufig traten sie ein. Die Reue ließ mich vorsichtig werden, Täuschungen waren wiedererkannt und Worte waren gefunden, all dies auszusprechen. In dem Formulieren verwirklichte sich ein Ansehen, in den Worten erhob sich ein Anspruch nach Präzision. Der Sachverhalt, das Gefühl sollte so präzise, wie nur möglich beschrieben sein. Momente der Erkenntnis ergaben sich, wie ein Geschenk aus einer unerreichbaren Sphäre: unbeschreibbares war beschreibbar, unsagbares war sagbar, unfassbares war ergriffen, unerlösbares war erlöst. Unveränderbares ist veränderbar und Trauer ist möglich. Und jetzt entsteht ein erster Eindruck von meiner Bedingtheit. Ich erhalte einen Überblick über ein sumpfiges Tal von einem etwas erhöhten Punkt aus. Zusammenhänge ergeben sich, wie von selbst und all das, was erlitten war, was von mir herbeigeführt war, es musste so und nicht anders sein. Es konnte nicht anders sein. Alles ist folgerichtig. Das also, ist mein Weg. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein weiter Weg über Jahre beschritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Schritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Veränderungen. Mit nur minimalem Zugewinn an Gestaltungsmöglichkeit, an Souveränität, an Freiheit. Doch das einmal Errungene, es ist eines Lebens Schatz. Das einmal Errungene, niemand, wenn nicht ich selbst, dies auch ist deutlich und klar, könnte es mir je wieder nehmen. Was nur, frage ich mich, der die Kraft der Allmählichkeit erahnt, was nur wird mir noch an Glückseligkeit möglich sein?

Und darum laufe!

Listig

Der halbe Weg. Es ist Zeit umzukehren. Die Heimkehr sei nun besprochen, der Heimweg, die Rückkehr. So wie ein Aufbrechen, ein Hinaus-ziehen ein Wagnis war, voller Aufregung und von einem Zauber getragen, so wird nun deutlich: Die Rückkehr hat den Zauber vergessen und das Wagnis der Heimkehr wiegt doppelt, vielfach sogar. Die Herausforderung, die ich bestanden habe, sie ist nur der erste Stein des verfallenen Tempels, den ich im Dschungel fand. Der heilige Ort liegt noch vor mir, viel tiefer im Dickicht, viel weiter im Ungewissen und zudem liegt dieser Ort in mir. Was einmal bestanden war, mich hat müde werden lassen, es war ein Auftakt nur. Nun geht es ums Ganze! Das was jetzt kommt, ist kein Spiel mehr. Es geht um meine Haut, meine Zähne, meine Knochen, mein Herz, meine Eingeweide. Doch ich bin listig, erfahren, gerissen, ein Niemand schon! Und ich weiß um den Zauber des Spieles, um die Magie der Versunkenheit, und um die Kraft des Vertrauens. Mit ihr ziehe ich das letzte Mark aus meinen Knochen. Die Knochen werde ich doch irgendwann sowieso nicht mehr benötigen, warum also nicht jetzt? Ich erschöpfe mich vollends, doch ich bleibe listig dabei.

Und darum laufe!

Standhaftigkeit

Auf einem Stein, inmitten des dunkel beschatteten Wasserfalls, in einer Mulde, angefüllt mit zersetzem Laub, ein Same sich vor einer Weile einfand und nun ein grün leuchtendes Pflänzchen sich erhebt. Umtost vom Wasser, dem Rauschen, der Gischt. Ich erfreue mich an dem Anblick und verweile in der Frische und der in mir aufkeimenden Standhaftigkeit. Eine besondere Schönheit empfinde ich in dem von mir erahnten Mut, hier zu keimen. An dem Ort der so widrig ist, dass mir der Anblick des Pflänzchens völlig unerwartet ist. Meine Sympathie ist groß und sie war es schon immer für all das, was den Widrigkeiten sich stellte, was an Grenzen sich bewegte. Und nun fühle ich mich eingeladen, an diesem Ort in das Wasser zu steigen. Ich lege meine Kleidung ab und lasse mich fallen. Die kalte Strömung geht über mich hinweg. Ich sinke und halte den Atem an. Dabei bin ich verbunden mit dem grün leuchtenden Stengel und seinen vier oder fünf Blättern. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Es beobachtet mich, es lächelt, seine Sympathie ist groß. Es behütet mich und erfreut sich an meinem Anblick. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Seine Kraft ist nicht zu unterschätzen, sein Mut ist nicht zu unterschätzen.

Und darum laufe!