Denken

Ich denke. Und ich bin mir dessen in diesem Moment ganz bewusst. Und nun erhebt sich ein Bild. Ich sehe mich, wie ich an dem Bach in dem Wald sitze und auf das vorbeiströmende Wasser schaue. Der Bach ist angeschwollen. Es hat viel geregnet in den letzten Wochen und das Wasser eilt an mir vorbei. Unablässig strömt es in eine Richtung. Ein kleiner Wasserfall und hier ein Felsbrocken auf den das Wasser stürzt. Ich beobachte einen Wassertropfen, wie er sich energiegeladen in die Luft erhebt, eine Laufbahn beschreibt, um dann an anderer Stelle wieder in den Strom des Wassers einzutauchen. Dieser eine, dann ein Anderer und ein Weiterer. Immer wieder werden an dieser Stelle Wassertropfen herausgeschleudert, um zu fliegen und dann wieder einzutauchen, wieder zu verschwinden. Der Tropfen, er mag ein Gedanke sein, herausgeschleudert, herausgehoben, von großer Klarheit und Kühle. Seine Form ist ganz ebenmäßig. Und noch während er fliegt, bewegt sich unter ihm der Strom des, ihn ehemals bergenden, Denkens. Um den Tropfen herum, um den Gedanken, das tosende Rauschen des Wasserfalles. Das Rauschen, so laut, dass der Klang des wieder Eintretens dieses einen Tropfens in den großen Strom nicht zu hören ist. Die Frage bleibt offen, wie noch das Denken zu beschreiben ist. Doch das Bild der Gleichzeitigkeit empfinde ich als treffend. Das Bild der Herausgelöstheit dieses einen Gedankens empfinde ich als ebenso treffend. Der Strom und der aus dem Strom herausgeschleuderte Wassertropfen. Geborgen in dem tosenden Rauschen. Und dann der betrachtende Mensch. Und die rahmende Vorstellung von all dem.

Und darum laufe!

Gebet

Wort und Gebet. Eine Formel. Eine Sammlung von Worten, aneinandergereiht. Ihre magische Kraft ist in dem Aussprechen entfesselt. Innerlich still oder laut ausgesprochen, beide Formen des Vortrags sind gleichermaßen wirksam. Vielleicht ist es nur ein Denken, doch bin ich fokussiert auf die Formel, auf die Sammlung von Worten, so wird aus dem Denken ein innerliches Sprechen. Ein Sprechen also. Ich spreche vor mir und vor etwas Anderem. Das Andere ist da, ganz unvermittelt mit der bewussten Entscheidung in diesem Moment, in dieser Haltung eine Formel zu sprechen. Sofort ist das Andere da. Es umgibt mich, so wie es in mir ist und mich ausfüllt. Ich bin durchlässig und empfangend, meine Haltung ist friedlich und voller Demut. So, als würde ich mich der Länge nach auf den Boden legen vor dem Anderen. Doch das Andere ermutigt mich ihm gegenüber zu sitzen, auf Augenhöhe. Und doch ist die demütige Haltung das Geschenk, welches ich mitbringe. Es ist das Opfer, welches in diesem Moment vollzogen ist, noch bevor überhaupt ein innerliches Wort gesprochen ist. Ich liege zu Füßen und sitze gegenüber auf Augenhöhe, zu gleicher Zeit. In Vertrautheit, in Freundlichkeit. Ich empfange Geborgenheit und ich gewähre Trost. Ich nehme in den Arm und werde gehalten. Nun bilden sich Worte und Sätze. Worte wie Perlen an einer Kette, die durch meine Fingerspitzen gleitet. Ein langer Satz zur Eröffnung. Er ist die Begrüßung. Dann die Fürbitte und all die Namen der Menschen, mit denen ich verbunden bin. Dann ein in noch längerer Satz, geteilt in Hauptsatz und Nebensatz. In ihm Bedingungen und Beziehungen. Dann eine Formel. Und ich wiederhole diese Formel sieben Mal. Dann ein Satz der Verbundenheit: Sechs Worte. Dann ein Satz der Übereinstimmung: Vier Worte. Dann die große Magie: Zwei Worte. Und alles gelangt herab zu einem Punkt, als wäre dies alles sanft geführt an der Innenseite eines großen Trichters entlang hierher. Ein Wort: Ich!

Und darum laufe!