Und ich erinnere ein Leben, welches zu führen mir aufgetragen ist.
Und darum laufe!
Und ich erinnere ein Leben, welches zu führen mir aufgetragen ist.
Und darum laufe!
Der Herbst als die Zeit der Spinnen, die ihre Netze aufspannen. Fäden silbrig in den Raum hineingewoben und ich lasse mir sagen, es gäbe 700 Trilliarden von Sonnensystemen, die wie das unsere, Planeten in sich bergen. In mir erhebt sich die Vorstellung von einer unfassbar großen Anzahl an Planeten. Eine Vorstellung die beunruhigen kann oder ebenso ein großes Vertrauen hervorrufen kann. In der Unfassbarkeit sich geborgen oder eben verloren zu fühlen, sind gleichberechtigte Möglichkeiten. Ich entscheide mich für eine dieser Möglichkeiten und stehe mit jedem Tag erneut vor dieser Entscheidung. Ganz sicher, das Licht, so wie es die silbrigen Fäden in der Reflexion sichtbar werden lässt, die Netze als feine, filigrane vom Wind bewegte Gebilde erscheinen lässt, es muss sich hier an diesem Ort genauso verhalten, wie an jedem der möglichen, der von mit imaginierten Orte dort draussen in der unerreichbaren Ferne. Von dem Licht geht alles aus und dieses Licht muss sich in diesen vielleicht 700 Trillionen von Sonnensystemen ebenso verhalten, wie es dies hier tut. Das Licht, es ist das Absolute. Sieh hin, es ist in Allem!
Und darum laufe!
Der Fluß kennt keine Zeit. Und ich weiß nicht einmal, was genau er ist – ist er das Wasser, welches strömt, bei Tag und in der Nacht? Ist er das Bett aus Schlamm, Geröll und Gestein, welches vom Wasser geformt das Strömen rahmt? Oder ist er das Gefälle des Terrains, welches die Wassermassen in ihrer Kraft bewegt? Dort ist der eine Regentropfen an der Grenze zwischen diesem und einem anderen Flußsystem. Und dort ist dieser Moment, in dem eine Entscheidung ihn diesem oder dem anderen Flußsystem zuführt. Eine unfassbar große Anzahl an Entscheidungen, die diesen Fluß ausmachen. Und da ist der Bach, der in den Fluß mündet. Der Bach, der ausgetrocknet noch von den Mengen an Wasser kündet, die er einmal führen wird. Auch der Bach kennt keine Zeit, doch in allem wirkt das große Gesetz. Und das Gesetz ist ohne Zeit. Es wirkt, auch wenn kein Mensch mehr kommt, den Fluß zu betrachten, den Bach zu verstehen. Es wirkt auch noch, wenn kein Mensch mehr kommt , von dem Gesetz zu ahnen.
Und darum laufe!
Ich höre die Erzählung von Anfang und Ende. Ich höre von einem Ursprung und einem Verlöschen, einem Ende. Der Ursprung, gedacht wie eine Explosion, so weit entfernt, dass ich keine Vorstellung habe von der bis hierher verstrichenen Zeit. Sie übersteigt meine Vorstellungskraft. Das Ende, gedacht wie eine Implosion, als würde sich alles in sich zurückziehen, in so weiter Ferne, dass ich keine Vorstellung habe von der Zeit, die noch verstreichen soll. Und andere Konzepte des Verlöschens dazu. Und jetzt stelle ich mir vor, alles wäre schon immer da gewesen. In Veränderung, in Bewegung, ganz sicher, doch schon immer da. Eine Schöpfungsgeschichte würde es überhaupt nicht geben. Nicht einmal die Vorstellung von einer Geschichte, deren Inhalt das Enstehen und das Vergehen wäre. Und jetzt stelle ich mir zudem noch vor, alles wird immer sein, für alle Zeit. Ein Ende würde es überhaupt nicht geben, nicht geben können. Was macht dieser Gedanke mit mir und meiner Angst? Wonach richte ich mich aus, auf einem meiner Läufe? Was bedeutet es für mich, wenn ich es wirklich glaube, dass es keinen Anfang gibt und kein Ende? Was bedeutet es, in einer solchen Welt zu leben? Was will ich bewirken in einer erschaffenen und vergehenden Welt und was will ich bewirken in einer schon immer da gewesenen und bestehenden Welt? Vielleicht bin ich frei, etwas zu erfahren. Das Wirken von Kräften an mir. Die Beständigkeit führt mich in die Freiheit, mich dem Leben, dem Lebendigen zuzuwenden. Nichts ist zu errichten, um im Anblick seiner Vernichtung zu erschauern. Das Sein ist die dem mich Umgebenden entsprechende Form. Das Sein zu einer Kunst werden zu lassen. Es steht mir frei.
Und darum laufe!
Ich laufe und bemerke: Auf den ersten hundert Metern meiner Strecke verhält es sich anders, als dort tief im Wald an meinem Wendepunkt. An dem Ort der Umkehr, dem Moment der stärksten inneren Versenkung, der Vereinigung mit mir selbst und der Welt. Dort ist ein Ich geradezu aufgelöst, dort fühle ich mich entgrenzt, im Niemandsland geborgen. Dort bin ich ein Tier, reiner Instinkt, wahrhaftig und schön. Ich bin wild und konsequent und weiß um diese stechenden Augen, die anzublicken die Welt nicht erträgt. Am Anfang, auf diesen ersten hundert Metern, verhält es sich anders. Alles ist mittelbar, die Welt reagiert auf mich, als wäre sie verzögert. Zeit verstreicht. Das spätere Stolpern und den späteren Sturz kann ich nur mit Mühe und Überlegung mit dem verbinden, was ich hier am Anfang auf den ersten hundert Metern an Abgründigem dachte und war. Ich war der Abgrund selbst. Doch unbehelligt erscheine ich mir und laufe weiter, von diesem Anfang mich langsam entfernend, um mich also in die Sache, in den Wald zu vertiefen. Ich will ein in der Sache erfahrener Läufer werden. Und ich werde zu einem Läufer, dem der Zweifel zur Seite gestellt ist. Es ist ein Zweifel, der wie ein Mitläufer schattenhaft mich begleitet. Zu ihm gesellen sich viele andere dazu. Sie ziehen an mir, ich ziehe sie hinter mir her wie eine Schleppe an Läufern, schattenhaft und finster. Stürze ich nun, so ist mir der Sturz eine Konsequenz aus dem längst vergessenen, dem sich Verbergenden, dem was eine Konsequenz beschwor. Ich bezahle in dem Sturz eine alte Schuld und das macht mich zu dem erfahrenen Läufer. Der erfahrene Läufer, der lernte zu zweifeln, dem hier nun sich offenbart, wie vieles sich hier mit ihm bewegt. Ich denke: Wir sind eine Laufgemeinschaft. Meine Zweifel und ich. Zunehmend heiter und leicht. Abnehmend schwer und finster. Und ich gelange zu dem Ort der Umkehr, tief im Wald. Noch kurz vor der Umkehr fühle ich mich frei. Hier gibt es einen Unterschied zu den ersten hundert Metern: Hier gibt es keine Verzögerung mehr. Ein Sturz ist die direkte Reaktion, sofort. Die Konsequenz vollzieht sich sofort und sie ist im Denken bereits, sie stellt eine innere Schwächung dar, so sehr, dass ich verstehe, wie wichtig es ist, das mich Stärkende zu denken, das Erhellende, das liebevolle Leichte, Heitere, das Schöne, das Freie und die Wahrhaftigkeit. Und es strömt nur so in mich ein, bis das Strömen alles andere umarmt.. Und es sagt: Sofort!
Und darum laufe!
Das lang erstehnte, ist es einmal erreicht, so stellt sich Enttäuschung ein. Der Mensch war doch inspiriert auf seinem Weg. Dort zwischendrin, in der Härte, die er gegen sich selbst bereit war zu führen, in dem Moment, in dem er über sich selbst hinausging, die Grenzen seiner Selbst erweiterte, in der tiefen Bereitschaft völlig abzulassen von sich selbst, dort war das Himmelreich. Doch ihm wird es jetzt erst deutlich, das nichts davon festzuhalten wäre und die Illusion, mit dem Erreichen des Zieles, in das Glück einzutreten, sie offenbart sich sofort. Ein kurzer Rausch vielleicht, ein Hochgefühl, und schon ist es und alles schal. Vielleicht ein auslaufen der anbrandenden Welle am Küstensaum, dann ein Moment im Schaum des sich zurückziehenden Wassers und schon ist sie da, die Enttäuschung, die Ernüchterung, die Depression. Aus ihr heraus der Mensch sich aufmacht auf die Suche nach dem nächsten Ziel, nach der nächsten Illusion. Immer weiter, ein getriebener Mensch. Hat er je gelebt? Trainigspläne also, und so werden Zeiten eingetragen, Umfänge und Ruhepausen geplant und eingehalten. So also werden Widerstände überwunden und die Erweiterung des Selbst wird erfahren. So also habe ich meine Leistungsfähigkeit steigern können. Im Verlaufe dieser Einheiten. Eine Heiterkeit! Der Körper ist belebt, der Schlaf ist tief und erholsam, die Erschöpfung ist wohlig ausgekostet. Auch zu erfahren, an sich selbst, wie der eigene Körper funktioniert und heranzugehen an den Moment der Unlust, die einmal überwunden, zu einer Art Portal wird. Ein Portal in die nächst Dimension, in die Herausgehobenheit. Illusionen und Widerstände. Der Widerstand ist die Wahrheit und sie ist allen gleich, auf welchem Niveau auch immer. Aus sich heraus den persönlichen Widerstand zu überwinden, das ist was wir erreichen können. Einmal erfahren, werden wir süchtig danach, denn es ist das Himmelreich! Wahr und schön, berauschend und alles Andere, als eine Illusion. Das zu erfahren ist sofort möglich, es braucht nicht einmal eine Zeugenschaft, kein Publikum. Niemand dessen Aufgabe es wäre anzuerkenen.
Und darum laufe!
Eine Verpflichtung mich ruft und im Gehen blicke ich auf den Park, in dem ich am Vortag meine Runden drehte. EIn paar langsame, weil ich schneller nicht konnte, dann eine schnellere, die sich wie von selbst, aus sich selbst heraus ergab, dann eine in der ich den Mut fasste, auszuprobieren, was mir wohl möglich wäre, dann eine zum Verschnaufen, für die Langsamkeit, um dann in der höchsten mir möglichen Geschwindigkeit zu fliegen, den paar verbleibenden Metern entgegen. So hatte ich es erlebt am Tag zuvor. Und nun also die Verpflichtung, die mich ruft, das Warten auf die Strassenbahn und der Blick in den Dunst des kühlen Morgens, der über der Wiese steht, um die herum die Bahn sich windet. Und in diesem verharrenden Moment verstehe ich ganz deutlich und klar: Dort bin ich! Dort an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit, dort wo ich mich selbst herausfordere, mich ansporne und mich selbst belohne mit der Erfahrung des Ertrags, mit den Früchten des Trainigs, der Erweiterung meines Vermögens. Dort bin ich, und ich komme mir nah, ziemlich nah, ich kann mich, der ich doch von mir selbst immer noch getrennt ist, spüren, ich kann meinen Atem spüren, zudem den Atem meines anderen Selbst, welches vor mir läuft. Ich kann mich mit mir selbst gerade so eben, für diesen einen Moment in Übereinstimmung bringen. Zwei Bilder, transparent, in Deckung gebracht, zu höherer Deutlichkeit gebracht. Die Unschärfe des Selbst ist wie vergessen. Dort bin ich, ich spüre es ganz deutlich und es zieht mich etwas wie magisch dorthin. Und solcherart angezogen zu sein, ist freudig, fröhlich, lebendig und schön. Wenngleich ich mich in diesem Moment ein wenig gezwungen fühle, dorthin werde ich streben. Wannimmer ich die nächste sich mir bietende Gelegenheit erkenne. Ich weiß es ganz genau. Ich werde dorthin streben. Vielleicht bin ich gerade abgehalten durch etwas, eine Verpflichtung. Doch dort, das bin ich und ich werde es erleben, Ich zu sein.
Und darum laufe!
Auf dem Höhenweg höre ich das Rauschen des Wasserfalles zu mir herauftönen. Eine lichte Stelle in der Schlucht gibt den Blick frei auf die gegenüberliegende Seite. Und ich blicke. Ich blicke auf die Wipfel der Bäume. Ich beobachte ihre Bewegungen, das Spiel von Licht und Schatten. Ich beobachte das Flirren des Lichtes in dem Geäst, die Ganzheit dieses flirrenden Teppichs an Hell- und Dunkeltönen des grünen Spekturms. Ein in die Tiefe des Raumes reichender Teppich, der so fern ist, dass ich ihn als Fläche wahrnehme. Und ich blicke, bis in mir ein jeglicher Begriff von dem, was ich sehe, verloren geht. Ich blicke und die Auflösung von der Form und der Bezeichnung dieser Form ist vollkommen. Ich besitze keinen Begriff mehr. Es ist dort in mir kein Begriff überhaupt und ich verstehe: Ich bin angekommen.
Und darum laufe!