Sofort

Ich laufe und bemerke: Auf den ersten hundert Metern meiner Strecke verhält es sich anders, als dort tief im Wald an meinem Wendepunkt. An dem Ort der Umkehr, dem Moment der stärksten inneren Versenkung, der Vereinigung mit mir selbst und der Welt. Dort ist ein Ich geradezu aufgelöst, dort fühle ich mich entgrenzt, im Niemandsland geborgen. Dort bin ich ein Tier, reiner Instinkt, wahrhaftig und schön. Ich bin wild und konsequent und weiß um diese stechenden Augen, die anzublicken die Welt nicht erträgt. Am Anfang, auf diesen ersten hundert Metern, verhält es sich anders. Alles ist mittelbar, die Welt reagiert auf mich, als wäre sie verzögert. Zeit verstreicht. Das spätere Stolpern und den späteren Sturz kann ich nur mit Mühe und Überlegung mit dem verbinden, was ich hier am Anfang auf den ersten hundert Metern an Abgründigem dachte und war. Ich war der Abgrund selbst. Doch unbehelligt erscheine ich mir und laufe weiter, von diesem Anfang mich langsam entfernend, um mich also in die Sache, in den Wald zu vertiefen. Ich will ein in der Sache erfahrener Läufer werden. Und ich werde zu einem Läufer, dem der Zweifel zur Seite gestellt ist. Es ist ein Zweifel, der wie ein Mitläufer schattenhaft mich begleitet. Zu ihm gesellen sich viele andere dazu. Sie ziehen an mir, ich ziehe sie hinter mir her wie eine Schleppe an Läufern, schattenhaft und finster. Stürze ich nun, so ist mir der Sturz eine Konsequenz aus dem längst vergessenen, dem sich Verbergenden, dem was eine Konsequenz beschwor. Ich bezahle in dem Sturz eine alte Schuld und das macht mich zu dem erfahrenen Läufer. Der erfahrene Läufer, der lernte zu zweifeln, dem hier nun sich offenbart, wie vieles sich hier mit ihm bewegt. Ich denke: Wir sind eine Laufgemeinschaft. Meine Zweifel und ich. Zunehmend heiter und leicht. Abnehmend schwer und finster. Und ich gelange zu dem Ort der Umkehr, tief im Wald. Noch kurz vor der Umkehr fühle ich mich frei. Hier gibt es einen Unterschied zu den ersten hundert Metern: Hier gibt es keine Verzögerung mehr. Ein Sturz ist die direkte Reaktion, sofort. Die Konsequenz vollzieht sich sofort und sie ist im Denken bereits, sie stellt eine innere Schwächung dar, so sehr, dass ich verstehe, wie wichtig es ist, das mich Stärkende zu denken, das Erhellende, das liebevolle Leichte, Heitere, das Schöne, das Freie und die Wahrhaftigkeit. Und es strömt nur so in mich ein, bis das Strömen alles andere umarmt.. Und es sagt: Sofort!

Und darum laufe!

Sanft geborgen

Es gibt die Zeit, eine äußere, eine innere und doch ist sie nur Illusion. So wie Du dich eilst, um doch zu spät zu kommen. So wie Du in Ruhe eintriffst, vor der Zeit, bevor Du erwartet wurdest. Sie bleibt Illusion. Es gibt auch die Übereinstimmung von innerer und äußerer Zeit. Hier kommt sie zum Schweigen, hier ist sie ganz sanft. In ihr geborgen ist es Dir ganz gleich, ob sie Illusion ist oder nicht. Sie ist fort und doch ist sie alles. Du mit ihr bist fort und bist zugleich alles. In Übereinstimmung – das Universum selbst.

Und darum laufe!