Sich selbst ein Denkmal zu errichten, ist viel Arbeit. Von sich selbst zu lassen, bedeutet, von den Früchten der Mühsal schon jetzt zu kosten.
Und darum laufe!
Sich selbst ein Denkmal zu errichten, ist viel Arbeit. Von sich selbst zu lassen, bedeutet, von den Früchten der Mühsal schon jetzt zu kosten.
Und darum laufe!
Als Getriebener zu laufen belastet. Es belegt mit Schwere. Die Schwere ist hineingetragen in den Wald. Es ist immer ein Laufen hinein in dem Moment, in dem die Schwere sich von mir löst, von mir abfällt. Und sie tut dies stets an einem ganz bestimmten Ort. Ich kann diesen Ort benennen. An ihm habe ich auch ganz bewusst versucht, all das an Begegnungen mit Menschen abzuladen, was zu lösen mir nicht möglich war. All das, was mich ängstigte, was mich bedrohte, was zu mächtig war. Zwang, Abgrund, Finsternis. Ich spreche von einer Lebensbedrängtheit. Und nun dieser Ort, an den ich immer wieder gelange. Ungefähr vier Kilometer entfernt, eine Brücke. Am diesseitigen Ufer es sich also staut und es bleibt hier abgeladen und darin voller Energie. Die Zeit verändert hier kaum etwas. In mir muss ich etwas wandeln, verstehe ich, denn dieser Ort ist belastet und er bleibt es auch. Ich muss etwas verändern in mir, das wird mir deutlich. Ich kann die Gesichter des Unrechts nicht vergessen, die wolllüstige Macht, der Anblick der Freude an der Erniedrigung, die ich erfahren habe. All das ist hier gespeichert. Und die Belastung des Ortes schlägt jedesmal wieder, wenn ich hierher gelange, auf mich zurück. So sehr, dass ich mich an manchen Tagen dem nicht gewachsen fühle und den Ort deshalb vermeide. Es ist etwas zu tun, verstehe ich. Lang genug habe ich es aufgeschoben. Lang genug mir die Kraft es aufzuschieben genommen und abgezogen von dem, was ich doch eigentlich will. Vielleicht bin ich jetzt bereit, zu vergeben. Vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor. Doch es geht mir schlecht genug, um nun hier anzukommen und der Sache gegenüberzustehen. Mehr noch, die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, den Schmerz anzunehmen und die Unfähigkeit, den mir zugefügten Schmerz denen zu vergeben, die ich glaube verantwortlich machen zu können, oder zu müssen – diese Unfähigkeit muss hinabführen. Das verstehe ich jetzt, in diesem Moment. Etwas abzulegen, am Fuße der Brücke, tief im Wald, es mag helfen, über die Zeit zu kommen. Es mag helfen, Kräfte zu sammeln, weitergehen zu können. Doch es löst nichts. Alles kommt zurück, alles wartet darauf, gelöst zu werden, weich zu werden, zu Dankbarkeit zu werden. Denn ich habe gelernt, von meiner Naivität zu lassen: Das also gibt es auch! Ich habe gelernt, die Welt realistischer zu sehen, ohne aufzugeben, wofür ich stehe. Ohne aufzugeben, wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube. Und volleds lösen wird es sich nur, wenn ich schließlich mir selbst vergebe. Wenn ich mir vergebe, so unfähig gewesen zu sein. Mir vergebe, so viele Jahre die Schwere an diesem Ort bewahrt zu haben. So viel Energie geopfert zu haben, nur um mich einzurichten im Himmelreich der Ohnmacht. Mir selbst also vergeben … , wie schön ist dieser Gedanke! Und er beflügelt mich. Ich atme tiefer, ich erfahre in diesem Moment, wie die Energie in mich einströmt, wie sie zurückkehrt und zudem, wie die Energie meiner Umgebung in mich einströmt. Ich nehme die Energie auf, die diesen Wald erfüllt. Und ich laufe, Steigung um Steigung, werde schneller, ganz unerwartet, kann ich die Geschwindigkeit aufrecht erhalten. Und ich strahle vor mich hin.
Und darum laufe!
Wie sollte ein getriebener Mensch ein Freund sein können? Wie aufmerksam? Wie das richtige sagen? Ist er doch in Not mit sich und den Raubtieren beschäftigt, die ihn jagen. Wie Partner sein? Wie geliebt oder liebend? Wie sich hingeben oder Hingabe empfangen, gewähren, ermöglichen? Alles bis hierher, was diesen Anschein erweckte – Illusion! Nichts war dort, Nichts, ausser der blanken Angst.
Und darum laufe!
Ein Baum aus einer den Weg säumenden Reihe von Eichen. Er wird in der leichten Biegung des Weges zu einer Wegmarke in der Entfernung. Der Baum liegt vor mir, in der Mitte des Weges. Er versperrt ihn geradezu. Auf ihn laufe ich zu, mein Ziel, vorläufig, jetzt. Und ich gelange näher. Schon bin ich da. Schon lass ich ihn zurück. Wegmarke reiht sich an Wegmarke. Hundert Jahre alte Eichen, eine nächste, eine folgende. Wegmarken zu finden, ist der Weg.
Und darum laufe!
Eine Flasche springt, nachdem sie mir aus der Hand geglitten ist. Robustes Glas, ungünstig gefallen, zerborsten, obwohl der Weg weich vom Regen, ganz ohne Steine. Ich bin erstaunt. Was habe ich gedacht in diesem Moment? Ich bin Ungeschickt, weil gedankenverloren, denke ich nun. In welchem Zustand bin ich hierhergelangt? Und ich ahne von allem Möglichen, welches sich ereignen mag, weil ich belegt bin mit Gedanken. Unfrei und eng. Ich bin belegt mit dem Bedenken und ich weiß, dass ich in Gefahr bin. Eben noch wollte ich einen Schluck von dem Wasser nehmen und nun sind dort nur noch Scherben in meiner Hand. Scherben und die Dämonen hinter mir, wie die Hunde eines selbst gehetzten Läufers, den ich hinter mir atmen hören kann. Ich könnte doch stehenbleiben! Endlich aufhören, aufgeben und annehmen, was immer passieren mag. Mich umdrehen und ansehen, was mich vor sich her treibt. Doch das ist das Schwierigste von Allem. Es ist das Schwierigste, anzusehen, was in mir dort ist. Was mich bedroht, aus mir heraus. Ansehen genügt, sage ich immer wieder. Und doch laufe ich weiter. Laufe mit den Scherben in der Hand.
Und darum laufe!
Es betrübt die Quelle, wenn es nicht einen Menschen gibt, der sich auf den Weg macht, zu ihr zu gelangen. Geläutert ist das Meer über den Weg, den dieser eine Mensch auf sich nimmt, gereinigt der Fluß, klar und frisch der Bach, heilig das Wasser dort, wo es aus dem Boden tritt. Es ist der Weg bergan, immer entgegen, doch die Richtung ist hierin jederzeit klar. Auch einsam vielleicht, doch ungeteilt, ungespalten der Mensch mit jedem Schritt er sich und der Welt Unschuld wahrt.
Und darum laufe!
Eine Seele, etwas so großes, so der Verantwortung bedürftiges, dem kann ich nicht mit dem Willen begegnen. Eine Seele, mich ihr überlassen, darin von mir lassen, um Seele selbst zu sein. Und nun mein Freund, streich deine Angst ab, die Scham über die am Willen heraufbeschworene Schuld zudem und entfessele Dich. In Sanftheit, nicht um zu ringen, um da zu sein.
Und darum laufe!
Dem sich erkennenden Wesen, seiner Selbst bewusst und darin verwirklicht, ist die größte Angst, nicht mehr zu sein. Zumal eben erst das Sein erkannt und darin errungen ist. Das Nicht Sein also – der Tod ist es nicht, verachtet ebenso wie das Sterben, die letzten zum Tode führenden Züge des Atems auch über Jahre hinweg. Das Nicht Sein, es ist das, was eintreten mag, wenn der Raum geöffnet ist, indem ein Mensch von dem eben errungenen Sein ablässt. Es loslässt, sich loslässt, um sich zu erhöhen in dem Aufgehen im Unbekannten. Viele Formen sind möglich, hohe und niedere. Zu Bewundernde ebenso, wie Verabscheuungswürdige. Und auch der Wunsch sich zu erniedrigen mag ausgekostet sein, wenn ein Mensch dies erfahren möchte. Die größte Angst und zugleich der größte Ruf, denn die Erweiterung des Seins ist nur dort möglich, wo das Sein glaubt an seine Grenze gelangt zu sein. Bin das Ich? Das bin ich! Jenseits davon, etwas anderes. Zieht es mich an? Ruft es mich? Ja, ganz offensichtlich. Warum also nicht? Wäre dort nicht die Angst …
Und darum laufe!
Es ist nicht der Ort, denn alles ist innerlich. Und es ist auch der Ort, in einem gewissen Sinne und doch ist alles innerlich. Es ist innerlich, weil an dem Ort nur, vielleicht auch mehrfach, etwas besonderes, eine besondere Empfindung erlebt war. Die Leichtigkeit. Der weiche sandige Weg unter lichten Laubbäumen, des Ortes Möglichkeit, seine Fähigkeit übereinzustimmen, mit dem, was ich in ihn hineintrage. Darin ist eine Bedingung erfüllt, doch es ist nicht der Ort, weil alles innerlich ist. Ich habe mißverstanden und geglaubt an den Ort vielleicht nicht zurückkehren zu können. Doch ich verstehe heute, nachdem ich den Weg abgekürzt habe und zu meiner Überraschung nun an diesem Ort tatsächlich angekommen bin: Sein Zauber, der Zauber der Leichtigkeit, ich trug ihn ehedem hierher, die Leichte, sie war mein Geschenk an diesen Ort, welches ich über den Weg dorthin mir erst erworben hatte. Ein innerlicher Vorgang der Klärung, der Reinigung, der hier nur mir bewusst wurde. Alles innerlich also. Und doch ist es auch der Ort.
Und darum laufe!
Und ich leide unter der Abwesenheit. Die Kälte umweht mich und zieht in mich ein, sodass ich ein völlig neues Gefühl von mir selbst erlange. Die Form meiner Knochen, durch die in sie einziehenden Kälte ist sie für mich zu erspüren. Ein Empfindungsgebilde aus Kälte. Die Muskeln dazu, Sehnen und Flüssigkeiten. Und ich bin auf diesem einsamen Weg, um mich solcherart neu zu erfahren. Ich lasse gewähren, was an Kraft mich hierherzieht, mich treibt, mir befiehlt. Denn es ist der Moment der Einsamkeit, der mir die in diesem Moment höchste Erkenntnis vermittelt. Es ist der schwerste aller Wege und er ist gefährlich. Immer suche ich den in diesem Moment für mich schwersten Weg. Das ist so in mir angelegt. Es ist leidvoll und ich will aus diesem finsteren Traum erwachen und das Leid als Scheme, als Täuschung, der zu folgen ich wohl gelernt habe, entlarven. Ich will das Leid loslassen und die Freude empfangen. Leicht und liebevoll leben, bewusst und heil. Doch mein Wille zählt nicht, vielleicht noch nicht. Der einsame Weg, ich ringe mit mir, kaum auszuhalten, Zeit , die wie ein Gebirge vor mir aufragt, mich zu erdrücken droht. Doch ich stabilisiere mich, atme, bewege mich. Ich erkenne den Rest in mir, der handlingsfähig bleibt in diesem Entgleiten, welches mich zieht. Hindurch durch die Einsamkeit, dachte ich, um zurückzukehren, immer wieder zurückzukehren. Und verändere ich mich. Der Druck lässt nach, Gewöhnung, Vertrautheit entsteht. Ich erblühe in mir. Unsichtbar für und vor allen, wie niemandem. So viel ist verloren, es ist losgelassen und ich bin nicht allein. Ich bin frei und das fühle ich so, wie ich es vielleicht noch nie zuvor gefühlt habe. Keine Erwartungen mehr. Vor mir bin ich frei und was andere von mir glauben, ich kann es vollkommen anderen überlassen. Ihr Glaube gehört ihnen und wenn sie glauben, etwas glauben zu müssen, so ist das eine Entscheidung. Dies hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Immer spreche ich nur von mir selbst, immer ist alles, was mir entgegentritt ich selbst. Und darin ist das Selbst keine Beschränkung, kein Gefängnis und ebensowenig eine Anmaßung oder ein Ausdruck für Hochmut. Gelassen blicke ich auf die Entsprechnung von Selbst und Welt und lass auch diese los. Wie eine Täuschung, wie der Nasenring, durch den ich durch die Manege des Seins geführt werde. Nur, ich glaubte, dies sei ein Abschnitt des Weges, der einmal wieder zurückführen würde. Eine Krise sozusagen. Eine Phase meines Seins. Doch ich erkenne die völlige Offenheit. Und so tief in die Ensamkeit vorgedrungen, verstehe ich, es ist vielleicht der erste Stein eines im Urwald verborgenen Tempels, den ich gerade entdeckte.
Und darum laufe!