Eine Erfahrung

Ein Mann stürzt. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass er eine geachtete, bedeutende Persönlichkeit ist, die herausfällt aus seiner Rolle, um nun vom Sturz gezeichnet, vor mir zu liegen. Bin ich frei von der Häme, völlig frei, ihm meine Hand anzubieten, ihm aufzuhelfen? Ich verstehe, das es bedeutend für mich ist, ehrlich zu mir zu sein. Ich erinnere Begebenheiten, in denen ich dem reinen, von einer Häme unbefleckten Impuls folgte und half. Ich war erfüllt von dem Gefühl, helfen zu müssen und dachte nicht darüber nach. Ich half ohne ein Ansehen der Person. Und ich helfe jetzt diesem Mann, genau so, wie mir bereits zuvor in einer solchen Situation geholfen wurde. Ich vermeide den allzu großen Dank, indem ich weitereile. Nicht für den Dank es zu tun, sich darin nicht zu erhöhen, ist für mich wichtig. Ohne Häme zu sein gelingt mir nur, wenn ich frei bin von den Gefühlen der Zurückgesetztheit, der Ohnmacht, des Unrechts. Dies gelingt nur, wenn ich annehme was ist, als das, was zu sein hat. Wenn ich es also betrachte, als das, was für mich vorgesehen ist und zugleich doch als das, was völlig meiner Verantwortung unterliegt. Ein Widerspruch vielleicht und doch ganz richtig. Das absichtslose Helfen, es ist eine Botschaft. Es ist dem Gestürzten eine Botschaft und eine Erfahrung, die vielleicht neu für ihn ist. Die Welt zu sehen, als eine der Hilfsbereitschaft, in der Menschen kein Aufhebens darum machen, dass sie bereit sind zu helfen ohne eine Gegenleistung, kann eine neue Erfahrung sein. Eine solche Erfahrung kann nicht ohne Wirkung bleiben.

Und darum laufe!

Versiegt

Die mir vertraute Quelle am Wasserfall tief im Wald ist versiegt. Trotz der Regenfälle des WInters, der Niederschläge der letzten Wochen, rinnt aus ihr kein Tropfen mehr. Und ich denke: Warum nur ist dieses Schweigen in mir? Warum nur ist die innere Stimme verstummt? Kein Hinweis, kein Rat, keine Erläuterung, keine Offenbarung. Dort ist nur Schweigen und ich ermutige mich zu glauben, dass das Schweigen die eigentliche Botschaft ist. Dass alleingelassen ich mich fühle, weil der tiefe Wille keine Beeinträchtigung erfahren darf. Und dass ich mich entscheide, in welche Höhen ich gehen mag oder in welche Tiefen hinab ich sinken möchte. Und dass im Hochmut des Erfolgs der Fall sich ankündigt und dann die Quelle schon zu mir sprechen wird. Und dass völlig zu Asche geworden, die Quelle von dem Phoenix künden wird zu dem ich werden mag. Ich rede mir gut zu, darin zu vertrauen, dass alles richtig ist. Alles ist gut!

Und darum laufe!

Rauschen

Schwarze Partikel, Steinchen, geborgen in dem grauen Asphalt, neben weissen Partikeln, die durch den von mir geworfenen Schatten hindurchströmen. Die Morgensonne in meinem Rücken lässt meinen Schatten vor mir erscheinen. Ich befrage meine Kontur, so als wäre dies ein Spiegel. Und nun dieses Hindurchstömen der hellen und dunklen Partikel, durch mich hindurch und auf mich zu.

Und darum laufe!

Unrecht

Bin ich ausgeruht, ausgeschlafen, so bin ich in der Lage, etwas zu sehen. Ich bin in der Lage, etwas zu erkennen, dann zu verstehen. Ich kann versuchen in eine Beschreibung fliessen zu lassen, was ich glaube zu verstehen. Ein Unrecht es ist, einen Menschen zu zwingen in die Unausgeruhtheit. Ein Unrecht es ist, dem Drängen nachzugeben und unausgeruht zu existieren. Ein Unrecht, das Unrecht gewähren zu lassen.

Und darum laufe!

Lichtflecke

Lichtflecke und die sie umgebenden Bereiche. Bewegt und unfassbar, changierend, ein Flimmern nur. Ein flimmernder Eindruck, der wie berauschend wirkt, mich von mir entrückt in einen Zustand, den einzufangen Menschen sich vor mir bemüht haben. Von Lichtfleck zu Lichtfleck laufe ich, ihn zu begrüßen, immer wieder, erneut. Und ich verliere mich darin völlig. Und ich verstehe, wie einmalig dieser Moment, des späten Sommers ist, an dem durch die zuvor abgeregneten Wolken die Sonne hindurchtritt hinein in den warm dampfenden Wald. Wie unwiederholbar all dies! Dieser einzigartige Moment wahrgenommen in dem einzigartigen Zustand der Empfanglichkeit.

Und darum laufe!

Laufender Mann

Ratlos ich bin und ermahne mich, langsamer zu laufen, wo ich doch getrieben zuvor mich mühte, schneller zu laufen. Schneller als die Ratlosigkeit, um ihr zu entkommen. Doch mein Körper ist erschöpft von der hohen Geschwindigkeit und ich gebe nach, laufe langsam, ganz langsam. Ich stehe fast und doch erreiche ich vor mir auf dem Weg eine Schulklasse. Ich setze an, sie auf dem schmalen, unebenen Weg zu überholen. Ich ziehe an der langezogenen Gruppe junger Menschen vorbei, die sich freudig unterhält, die Kühle des Grundes ausgelassen genießt, so wie. Ich schlängele mich um die Schüler herum, weiche aus und eine Stimme aus dem hinteren Teil der Gruppe ruft: Achtung, laufender Mann! Die Stimme ermahnt die Vorderen, den Weg freizugeben. Laufender Mann! Ich fühle mich genau so. Ich fühle mich sachlich und würdig beschrieben und zugleich angesprochen. Einfach und wahr fühle es sich an, richtig und angemessen. Kein Unterton, kein Spott, keine Häme. Einfach: Laufender Mann! Was ist nun mit der Ratlosigkeit?

Und darum laufe!

Kotau

Sich niederwerfen, den Kopf auf den Boden stoßen vor etwas, welches der Ehrerbietung würdig wäre. Etwas also zu suchen, welches makellos wäre, vollkommen makellos, um in gebührendem Abstand, fern von jedem Zweifel, ferner noch von jeder Kritik, sich niederzuwerfen. Die sogenannte Große Verbeugung, die Volle Verbeugung. Und so vergeht mein Leben auf der Suche nach dem Ort, dem Moment, der Gelegenheit, der Persönlichkeit, vor der eine solche Niederwerfung möglich wäre. Ohne Heuchelei, ohne Furcht oder Angst, völlig aus dem inneren Empfinden heraus. Und so vergeht mein Leben in wiederkehrenden Enttäuschungen, denn menschliches ist Menschliches. Heilige Orte habe ich gesehen, ganz sicher. Erhabenheit, den Sternenhimmel, aber, ohne die innere Haltung, welche sich müht um diese Begegnung, habe ich auch eine völlige Leere empfunden. Mein Weg, er ist sich hinzu zu bewegen auf die Bereitschaft, sich zu verneigen. Ich kann mich vor Dem-Sich-Verneigen verneigen. Denn darin wird es wahr, das Heilige.

Und darum laufe!

Wärme

Die für den Tag vorhergesagte Wärme hat den Grund noch nicht erreicht. Die kühle Luft der Nacht hat sich bewahrt. Ein warmer Hauch trifft mich inmitten der Kühle. Die wärmeren Luftschichten sind hineingeweht und verwirbelt. Eine Schulklasse vor mir auf dem Weg. Und ich denke: Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht, wie es sich anfühlt, von einer wärmeren Luftschicht getroffen zu werden? Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht das, was sie am eigenen Körper erfahren?

Und darum laufe!

Regen

Da sind die Bäume, die die Dürre überstanden, die Austrocknung des Bodens erduldeten, sich in dem Sand festkrallten, um nun im lang ersehnten Regen umzustürzen. Als würde, was so lang ersehnt war, zugleich ihnen etwas existentielles nehmen. Der vertraute Kampf, der so sehr zu einer Normalität geworden: Ihre zweite Natur. In seinem Wegfall löst sich nun auch der Sinn. Alles löst sich. Den sanften Übergang will ich ihnen wünschen.

Und darum laufe!

Freude

Ich denke, denke in Gedanken. Einzeln, sich abzeichnende Gedanken aus einem Strom heraus. Gedanken, die eine Gestalt annehmen, noch bevor sie in Worten formuliert sind. In Sätzen oder in einer ganzen, jetzt schon in diesem Moment ausformulierten Seite von Text, die den Kern des Gedankens umkreist und zugleich wie ein Pfeil auf ihn abgeschossen ist. Dies also unausgesetzt und ich forsche an dieser unausgesetzten Gedankentätigkeit, um dem Moment des Vergessens zu begegnen. Als wäre der Gedanke geradezu bewältigt und abgelegt, vielleicht sogar aufgelöst dadurch, dass er gedacht war. Und in mir bleibt eine überraschte Leere. Ich, der diesen Gedanken gedacht hat, der diesen Gedanken doch zurücktragen wollte, ich bemühe mich nun also, diesen Gedanken wieder zu erinnern. Ist er völlig aufgelöst, oder nur abgelegt? Sodass er aus einem geheimnisvollen, nur mir zugänglichen Archiv, wieder hervorzuholen wäre? Und jetzt also die Freude. Schritt um Schritt ein freudvoller Lauf, denn es ist auch heiter, dass etwas in der Lage ist, zu verschwinden, sich aufzulösen. Etwas ist in der Lage, gelebt zu sein. Etwas war gelebt und ist nun nicht mehr. Auch dies ein Gedanke, doch ich spüre ihn, erfahre ihn ganz deutlich. Er ergreift und erhebt mich mit dem Versprechen, selbst einmal gelebt zu sein. Freudig zu erkennen ist, es ausgekostet zu haben in dem Gedanken, der nun nicht mehr ist. Doch ich bin. Ich bin und ich war. Ich bin heiter, unteilbar und wahr.

Und darum laufe!