Pferdefleisch

Der Weg, der mir nicht erlaubt, schnell zu sein, der mich hemmt, seine Qualität gewinnbringend einzusetzen ist die Herausforderung. Seine Steigung, das Wurzelwerk, die feuchten Laubflächen, die Pfützen und das Geröll, all das zwingt mich, wirklich langsam zu sein. Ich versuche, mit spitzem Fuß den Weg zu vereinnahmen, ihn mir einzuverleiben, wie eine Speise, mit spitzen Zählen gekostet, weil sie störrisch ist, wie ein Stück Pferdefleisch. Der Weg, der mir erlaubt schnell zu sein, warm und licht, grad und eben, verlässlich und weit, auf ihm versuche ich schnell zu werden. Beide Qualitäten sagen mir: Wie du es machst, ist es richtig!

Und darum laufe!

Eine Erfahrung

Ein Mann stürzt. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass er eine geachtete, bedeutende Persönlichkeit ist, die herausfällt aus seiner Rolle, um nun vom Sturz gezeichnet, vor mir zu liegen. Bin ich frei von der Häme, völlig frei, ihm meine Hand anzubieten, ihm aufzuhelfen? Ich verstehe, das es bedeutend für mich ist, ehrlich zu mir zu sein. Ich erinnere Begebenheiten, in denen ich dem reinen, von einer Häme unbefleckten Impuls folgte und half. Ich war erfüllt von dem Gefühl, helfen zu müssen und dachte nicht darüber nach. Ich half ohne ein Ansehen der Person. Und ich helfe jetzt diesem Mann, genau so, wie mir bereits zuvor in einer solchen Situation geholfen wurde. Ich vermeide den allzu großen Dank, indem ich weitereile. Nicht für den Dank es zu tun, sich darin nicht zu erhöhen, ist für mich wichtig. Ohne Häme zu sein gelingt mir nur, wenn ich frei bin von den Gefühlen der Zurückgesetztheit, der Ohnmacht, des Unrechts. Dies gelingt nur, wenn ich annehme was ist, als das, was zu sein hat. Wenn ich es also betrachte, als das, was für mich vorgesehen ist und zugleich doch als das, was völlig meiner Verantwortung unterliegt. Ein Widerspruch vielleicht und doch ganz richtig. Das absichtslose Helfen, es ist eine Botschaft. Es ist dem Gestürzten eine Botschaft und eine Erfahrung, die vielleicht neu für ihn ist. Die Welt zu sehen, als eine der Hilfsbereitschaft, in der Menschen kein Aufhebens darum machen, dass sie bereit sind zu helfen ohne eine Gegenleistung, kann eine neue Erfahrung sein. Eine solche Erfahrung kann nicht ohne Wirkung bleiben.

Und darum laufe!

Wärme

Die für den Tag vorhergesagte Wärme hat den Grund noch nicht erreicht. Die kühle Luft der Nacht hat sich bewahrt. Ein warmer Hauch trifft mich inmitten der Kühle. Die wärmeren Luftschichten sind hineingeweht und verwirbelt. Eine Schulklasse vor mir auf dem Weg. Und ich denke: Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht, wie es sich anfühlt, von einer wärmeren Luftschicht getroffen zu werden? Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht das, was sie am eigenen Körper erfahren?

Und darum laufe!

Bedrängtheit

Ich gelange an einen Ort, an dem ich einmal einem Raben begegnete. Sein Ruf klingt noch in meinen Ohren. Und es ist genau dieser Baum gewesen, genau diese Wurzel, über die ich gerade springe, genau diese Windung des Baches, genau diese Kräuselung des Wassers an dem Prallhang, die mich erinnern lässt. So, als wäre die Begegnung mit dem Tier in diesen Ort und in seine Bedingungen eingeprägt. Dieser Ort hat eine bestimmte Größe. Es gibt einen Moment von dem an sich diese Erinnerung erhebt, dann den Punkt der stärksten oder ganz eindeutigen Erinnerung und dann den Bereich, in dem diese Erinnerung wieder verblasst. Vor mir liegen andere Orte, die mit anderen Begegnungen zu beschreiben sind. Dies alles ist innerlich und wahr, eine Realität. Der ganze Wald ist belegt und mir vertraut mit einem reichen Repertoire an Begegnungen und den an ihm erregten Erinnerungen. Und es werden immer mehr Erinnerungen an immer mehr Orten. Oft sind zudem die von mir hineingetragenen Gefühle oder auch Bedrängtheiten, die ich in dem Wald ablud, noch präsent. Ich lud sie ab, um sie zu bändigen oder zu bannen, und es ist mir unangenehm, eine Last geradezu, wenn ich vor mir den Ort liegen sehe, der mich an die Bedrängtheit erinnert. Die Bedrängtheit, die doch nun schon bewältigt geglaubt war, liegt zeitlich weit zurück. Und doch ist sie da. In dieser Dimension, von der ich berichte, handele ich magisch, um mich zu befreien, um mich zu stabilisieren. In ihr gibt es keine Zeit. Die Emotion, ihre Energie wirkt. Sie wirkt, bis ich einen Weg gefunden habe, in den Frieden zu gelangen mit der Bedrängtheit, mit ihrer seelischen Qualität. Mit der Seele des Menschen, der mich solcherart bedrängte. Es also wirklich aufzulösen bis hierher, es gelang mir nicht. Vielleicht gelingt es über die Zeit, die wie Regen ein Gebirge auswäscht. Oder über den Glauben, der mich daran erinnert, dass es zu meiner Entwicklung beitrug, mich herausforderte, mich reifen lies, über den Kampf in dem ich stand, in dem ich Federn verlor, schwarz schillernde, in dem ich versehrt wurde, tief und wahrhaftig. Das Gute zu erkennen in der Niederlage, das Gute zu erkennen in der Ausgesetztheit, in der Verzweiflung, der Endlichkeit der eigenen Kraft. Zu erkennen, dass Unrecht einfach geschieht und nicht gesühnt wird und dass es mich auffordert, von mir losgelassen zu werden. Wie unendlich schwer. Ich kann es nur annehmen, und das alles ist wahr und verbunden und verankert in dem Wurzelgeflecht dieses Ortes, dem Gekräusel des Wassers, in der Windung des Baches. Ich befrage mich, um einmal frei zu sein. Ich befrage mich, um zu erkennen, nicht frei zu sein. Ich befrage mich, um zu verstehen, einmal frei gewesen zu sein und dabei ohne Ahnung gewesen zu sein. Wie ein Narr, der in die Welt hinausschreitet, ohne Furcht, ohne Vorsicht, voller Freude. Doch der Weg führte mich hinein in die Erfahrung, in die Erkenntnis und die Versehrung. Das wollte ich erfahren. Das führte ich herbei. Und das diesem Entsprechende, auf einer höheren Ebene, werde ich herbeiführen, um mich zu entwicklen, um daran zu wachsen. Es wird, so befürchte ich, niemals aufhören, es gibt keine Rast, keinen Frieden, keinen Moment des geborgenen Durchatmens. Doch noch laufe ich, noch bewege ich mich, noch bringe ich die Kraft auf, wie ein Narr blind zu werden für das, was kommen mag. Begegnungen und Bedrängtheiten überlagern sich an diesem Ort und dann noch etwas, was hinzugelangt in diese Sphäre, in diesen energetischen Raum. Es ist der Trost. Ich empfing den Trost der Wurzeln, den Trost des sich kräuselnden Wassers, den Trost des Prallhanges. Auch dieser Moment wahrhaftig und wahr. Ich konnte verstehen, in der Tiefe. Das mich betreffende, ganz ohne Worte über den Blick auf das Wasser, die Bewegungen der Oberfläche, das Spiel des Lichtes auf der sich wölbenden Oberfläche und mein Gefieder begann zu schillern, schwarz und violett. Ich bin bemüht, mich zurückzuziehen und den Ort zu reinigen von all den von mir hereingetragenen Energien, auch von der reinen Begegnung, denn wir müssen uns vorstellen, dass auch all die anderen Menschen, die hier eintreten, ebenso begegnen, sich erleichtern, sich trösten lassen und das über die Zeit hinweg.

Und darum laufe !

Zeugenschaft

Das lang erstehnte, ist es einmal erreicht, so stellt sich Enttäuschung ein. Der Mensch war doch inspiriert auf seinem Weg. Dort zwischendrin, in der Härte, die er gegen sich selbst bereit war zu führen, in dem Moment, in dem er über sich selbst hinausging, die Grenzen seiner Selbst erweiterte, in der tiefen Bereitschaft völlig abzulassen von sich selbst, dort war das Himmelreich. Doch ihm wird es jetzt erst deutlich, das nichts davon festzuhalten wäre und die Illusion, mit dem Erreichen des Zieles, in das Glück einzutreten, sie offenbart sich sofort. Ein kurzer Rausch vielleicht, ein Hochgefühl, und schon ist es und alles schal. Vielleicht ein auslaufen der anbrandenden Welle am Küstensaum, dann ein Moment im Schaum des sich zurückziehenden Wassers und schon ist sie da, die Enttäuschung, die Ernüchterung, die Depression. Aus ihr heraus der Mensch sich aufmacht auf die Suche nach dem nächsten Ziel, nach der nächsten Illusion. Immer weiter, ein getriebener Mensch. Hat er je gelebt? Trainigspläne also, und so werden Zeiten eingetragen, Umfänge und Ruhepausen geplant und eingehalten. So also werden Widerstände überwunden und die Erweiterung des Selbst wird erfahren. So also habe ich meine Leistungsfähigkeit steigern können. Im Verlaufe dieser Einheiten. Eine Heiterkeit! Der Körper ist belebt, der Schlaf ist tief und erholsam, die Erschöpfung ist wohlig ausgekostet. Auch zu erfahren, an sich selbst, wie der eigene Körper funktioniert und heranzugehen an den Moment der Unlust, die einmal überwunden, zu einer Art Portal wird. Ein Portal in die nächst Dimension, in die Herausgehobenheit. Illusionen und Widerstände. Der Widerstand ist die Wahrheit und sie ist allen gleich, auf welchem Niveau auch immer. Aus sich heraus den persönlichen Widerstand zu überwinden, das ist was wir erreichen können. Einmal erfahren, werden wir süchtig danach, denn es ist das Himmelreich! Wahr und schön, berauschend und alles Andere, als eine Illusion. Das zu erfahren ist sofort möglich, es braucht nicht einmal eine Zeugenschaft, kein Publikum. Niemand dessen Aufgabe es wäre anzuerkenen.

Und darum laufe!

Segen

Was wirst du tun, wenn du einmal des Segens bedürftig bist und ihn nicht erhältst und nicht verstehst warum. Und du dich erinnerst, selbst einmal deinen Segen verweigert zu haben. Als du auf einer Hochzeit erschienen bist in dem Gewand des Bräutigams, ohne der Bräutigam zu sein. Als du Zwietracht gesät hast, Zweifel in die Herzens des Brautpaares, welches diesen Fluch, nie vergessen hat. Der Fluch, die Verwünschung in deiner Kleidung ausgedrückt. Der Fluch, der fortan alle Höhen und Tiefen ihrer Vereinigung beschattete. Ist es mit einer Erinnerung getan? Wie sollte so etwas je zu besänftigen sein? Und so laufe ich ganz in Schwarz gekleidet hinab in das Tal, wie ein Schatten, wie ein Tod auf Beinen. Ein Bräutigam keineswegs. Und ich respektiere, ein Gast zu sein. Mehr nicht. Dort wo der Wind sich vermählt mit dem sich lösenden Herbstlaub. Wo die Hänge den Wind sanft hinaufgeleiten. Wo die Elemente miteinander spielen. Eine Vermählung wahrlich.

Und darum laufe!