Verdunkelung

Ich blicke an einem Gebäude auf, denn seine Architektur, die Folge der Stockwerke, leitet meinen Blick hinauf. Ganz unbewusst werde ich geleitet und ich überstrecke meinen Hals, blicke hinauf zum obersten Stockwerk und die Welt verdunkelt sich. Das Stockwerk ist Schwarz. Mir ist schwarz vor Augen. Interessant, denke ich, senke den Blick, halte mich an der Ampel an der vielbefahrenen Straße fest. Ich kontrolliere meinen Atem, um nicht zusammen zu sacken, nach meinem langen Lauf. Nicht zu viel atmen, nicht zu wenig! Ich gebe mir Anweisungen. Das ist die Grenze. Dieser Ort interessiert mich, werde ich später sagen. Warum ich das brauche, um mich lebendig zu fühlen, weiß ich nicht. Ich kann es akzeptieren und meinen Frieden damit finden, denn es scheint ein ur-menschliches zu sein. Und dort, wo mir schwarz vor Augen wird, bin ich verbunden mit all denen, die es ebenso erleben, erlebt haben. Über alle Zeit hinweg: Die Verdunkelung der Wahrnehmung.

Und darum laufe!

Die spirituelle Kraft

Die von mir vermisste, so abwesend sich anfühlende, die geistige Kraft, ihre Eingebung empfange ich dort, wohin ich laufe: In der Senke des Tales über dem Bach. Dort liegt sie wie ein frischer Morgennebel. Unterhalb von dem Nivau, von dem ich ausgehe, auf dem ich zweifele, zögere, mich martere in Gedanken. Und ich tauche ein in das Leichte, das in mich Einströmende ihrer Substanz. Ich vertraue, bin geborgen. immer wieder.

Und darum laufe!

Pferdefleisch

Der Weg, der mir nicht erlaubt, schnell zu sein, der mich hemmt, seine Qualität gewinnbringend einzusetzen ist die Herausforderung. Seine Steigung, das Wurzelwerk, die feuchten Laubflächen, die Pfützen und das Geröll, all das zwingt mich, wirklich langsam zu sein. Ich versuche, mit spitzem Fuß den Weg zu vereinnahmen, ihn mir einzuverleiben, wie eine Speise, mit spitzen Zählen gekostet, weil sie störrisch ist, wie ein Stück Pferdefleisch. Der Weg, der mir erlaubt schnell zu sein, warm und licht, grad und eben, verlässlich und weit, auf ihm versuche ich schnell zu werden. Beide Qualitäten sagen mir: Wie du es machst, ist es richtig!

Und darum laufe!

Sonnensysteme

Und ich lasse mir erzählen: Es existieren vielleicht 700 Trillionen Sonnensysteme, die wie unseres Leben beherbergen könnten. Nur sind sie so weit entfernt, dass eine Reise, eine Begegnung, ein Austausch, Kommunikation zuwischen zwei Partnern, eine Antwort auf eine Frage oder auch nur eine Enttauschung über das Wesen des Fremden völlig unmöglich erscheint. Die Distanz ist zwar so groß, dass ich sie nur bestaunen kann, wie ein Absolutes geradezu, doch sie ist keine Mauer. Sie ist keine Barriere. Das Wesen einer Barriere ist dem Wesen der geradezu unendlich erscheinenden Entfernung völlig fremd. Die Distanz liegt vor mir in der Nacht im sternenklaren Himmel und ich betrachte unsere Milchstraße in ihrem weißen Band und ich nehme keine Barriere wahr. Das mögliche Andere und ich, wir sind nur räumlich voneinander weit entfernt und ich stelle mir vor, dass dort im Grunde nichts zwischen uns steht.

Und darum laufe!

Vergessen

Ich vergesse einen Gedanken und forsche nach ihm, um erheitert festzustellen, mich in ihm gerade zu befinden. Ich vergesse ein Leben, suche nach ihm, um erheitert festzustellen, mich in ihm gerade zu befinden. Gelöstheit also, für den Moment und es ist beides nicht zu vernachlässigen. Die hohe Kunst des Denkens: Zu schweifen, ganz vertieft sich zu übergeben dem Strom der Gedanken. Das Schiff mit gesetzten Segeln dem Stum zu übereignen. Und zugleich: Zu navigieren, die Position zu bestimmen, des Zweckes Fahrt nicht außer Acht zu lassen. Die Erfahrung heim zu tragen, sie zu formen und zu bewahren.

Und darum laufe!

Die Ahnung

Auch wenn der Wunsch ihn zu verlassen wie ein feiner Ton immer mitschwingt, auf ihm sind vielleicht Erfolge errungen, Erkenntnisse gewonnen und die Gesundheit war wiedererlangt. Der vertraute Weg trägt ein Leben, drückt es aus, ist dieses Lebens Entsprechung. Der Weg, er ist im Tanze vermählt mit der Seele des Laufenden. So sehr Eins, und doch dieser Ton. Und nun also die Entscheidung, den Weg zu verlassen. Das Neue ruft. Der Ton war aus dem Geahnten, dem Unbewussten herausgetreten und zu dem Unüberhörbaren geworden. Und der erste Schritt auf dem neuen Weg ist getan. Tränenreich, voller Schmerzen. Dornig und auch Nesseln brennen an den Beinen. Und aus dem neuen, vielleicht steinigeren Weg, aus dem Pfad wird nun über die Gewöhnung ein neuer Weg. Was an Gefühlen gelingt mir hier auszudrücken? Was an Erkenntnissen ist hier zu gewinnen? Nur wenn ich Zugang erhalte zu dem Unausgedrückten, dem Unerhörten in mir, ist dieser Weg keine Kopie des zuvor beschrittenen. Nur das Neue ist das Neue. Das Neue ist immer auch mit der Mühsal verbunden und darin erkenntnisreich. Doch ein neuer Ton sich ganz fein in mir erhebt. Ist dies eine Kopie? Ist mein Weg der einem ineren Muster folgende? Bin ich wirklich in neue Regionen vorgedrungen? Oder sind dies nur mir selbst auferlegte Mühen, die ich benutze, um vor mir selbst auszuweichen? Um zu vermeiden mich mit mir selbst zu konfrontieren? Und Ich sehe dort ein Selbst vor mir. Eine Scheme auf dem Weg, auf die ich zulaufe, Schattenhaft und Licht zugleich. Durch diese Scheme hindurchzutreten, ich gekommen bin. Auf welchem Weg sie vor mir liegt – nur ich kann es wissen, doch niemals bevor ich einen Weg beschritten habe. Doch ich habe eine Ahnung. Nur ich kann erahnen, welche der Schemen auf welchem Weg vor mir liegt. Und wenn es etwas gäbe, welches falsch zu nennen wäre: Es wäre gegen die eigene Ahnung gegenanzulaufen.

Und darum laufe!

Der Fluß

Der Fluß kennt keine Zeit. Und ich weiß nicht einmal, was genau er ist – ist er das Wasser, welches strömt, bei Tag und in der Nacht? Ist er das Bett aus Schlamm, Geröll und Gestein, welches vom Wasser geformt das Strömen rahmt? Oder ist er das Gefälle des Terrains, welches die Wassermassen in ihrer Kraft bewegt? Dort ist der eine Regentropfen an der Grenze zwischen diesem und einem anderen Flußsystem. Und dort ist dieser Moment, in dem eine Entscheidung ihn diesem oder dem anderen Flußsystem zuführt. Eine unfassbar große Anzahl an Entscheidungen, die diesen Fluß ausmachen. Und da ist der Bach, der in den Fluß mündet. Der Bach, der ausgetrocknet noch von den Mengen an Wasser kündet, die er einmal führen wird. Auch der Bach kennt keine Zeit, doch in allem wirkt das große Gesetz. Und das Gesetz ist ohne Zeit. Es wirkt, auch wenn kein Mensch mehr kommt, den Fluß zu betrachten, den Bach zu verstehen. Es wirkt auch noch, wenn kein Mensch mehr kommt , von dem Gesetz zu ahnen.

Und darum laufe!

Möglich

Quelle ich war, so sehr, und doch: ich bemerkte es nicht. Doch jetzt verstehe ich, wie sehr ich Quelle war, als ich lief, vor Jahren bereits. Wie sehr ich die Quelle war, aus der heraus das lebendige Wasser entsprang. Es nicht wissen konnte, weil zu wissen, ich damals nicht hätte fassen können. Und heute, beides ich weiß: Quelle zu sein und auch schon in Jahren Quelle gewesen zu sein. Und heute ich beides fassen kann. Erkenntnis ist möglich, Veränderung ist möglich, Wachstum ist möglich, .

Und darum laufe!