Alles innerlich

Es ist nicht der Ort, denn alles ist innerlich. Und es ist auch der Ort, in einem gewissen Sinne und doch ist alles innerlich. Es ist innerlich, weil an dem Ort nur, vielleicht auch mehrfach, etwas besonderes, eine besondere Empfindung erlebt war. Die Leichtigkeit. Der weiche sandige Weg unter lichten Laubbäumen, des Ortes Möglichkeit, seine Fähigkeit übereinzustimmen, mit dem, was ich in ihn hineintrage. Darin ist eine Bedingung erfüllt, doch es ist nicht der Ort, weil alles innerlich ist. Ich habe mißverstanden und geglaubt an den Ort vielleicht nicht zurückkehren zu können. Doch ich verstehe heute, nachdem ich den Weg abgekürzt habe und zu meiner Überraschung nun an diesem Ort tatsächlich angekommen bin: Sein Zauber, der Zauber der Leichtigkeit, ich trug ihn ehedem hierher, die Leichte, sie war mein Geschenk an diesen Ort, welches ich über den Weg dorthin mir erst erworben hatte. Ein innerlicher Vorgang der Klärung, der Reinigung, der hier nur mir bewusst wurde. Alles innerlich also. Und doch ist es auch der Ort.

Und darum laufe!

Bedrängtheit

Ich gelange an einen Ort, an dem ich einmal einem Raben begegnete. Sein Ruf klingt noch in meinen Ohren. Und es ist genau dieser Baum gewesen, genau diese Wurzel, über die ich gerade springe, genau diese Windung des Baches, genau diese Kräuselung des Wassers an dem Prallhang, die mich erinnern lässt. So, als wäre die Begegnung mit dem Tier in diesen Ort und in seine Bedingungen eingeprägt. Dieser Ort hat eine bestimmte Größe. Es gibt einen Moment von dem an sich diese Erinnerung erhebt, dann den Punkt der stärksten oder ganz eindeutigen Erinnerung und dann den Bereich, in dem diese Erinnerung wieder verblasst. Vor mir liegen andere Orte, die mit anderen Begegnungen zu beschreiben sind. Dies alles ist innerlich und wahr, eine Realität. Der ganze Wald ist belegt und mir vertraut mit einem reichen Repertoire an Begegnungen und den an ihm erregten Erinnerungen. Und es werden immer mehr Erinnerungen an immer mehr Orten. Oft sind zudem die von mir hineingetragenen Gefühle oder auch Bedrängtheiten, die ich in dem Wald ablud, noch präsent. Ich lud sie ab, um sie zu bändigen oder zu bannen, und es ist mir unangenehm, eine Last geradezu, wenn ich vor mir den Ort liegen sehe, der mich an die Bedrängtheit erinnert. Die Bedrängtheit, die doch nun schon bewältigt geglaubt war, liegt zeitlich weit zurück. Und doch ist sie da. In dieser Dimension, von der ich berichte, handele ich magisch, um mich zu befreien, um mich zu stabilisieren. In ihr gibt es keine Zeit. Die Emotion, ihre Energie wirkt. Sie wirkt, bis ich einen Weg gefunden habe, in den Frieden zu gelangen mit der Bedrängtheit, mit ihrer seelischen Qualität. Mit der Seele des Menschen, der mich solcherart bedrängte. Es also wirklich aufzulösen bis hierher, es gelang mir nicht. Vielleicht gelingt es über die Zeit, die wie Regen ein Gebirge auswäscht. Oder über den Glauben, der mich daran erinnert, dass es zu meiner Entwicklung beitrug, mich herausforderte, mich reifen lies, über den Kampf in dem ich stand, in dem ich Federn verlor, schwarz schillernde, in dem ich versehrt wurde, tief und wahrhaftig. Das Gute zu erkennen in der Niederlage, das Gute zu erkennen in der Ausgesetztheit, in der Verzweiflung, der Endlichkeit der eigenen Kraft. Zu erkennen, dass Unrecht einfach geschieht und nicht gesühnt wird und dass es mich auffordert, von mir losgelassen zu werden. Wie unendlich schwer. Ich kann es nur annehmen, und das alles ist wahr und verbunden und verankert in dem Wurzelgeflecht dieses Ortes, dem Gekräusel des Wassers, in der Windung des Baches. Ich befrage mich, um einmal frei zu sein. Ich befrage mich, um zu erkennen, nicht frei zu sein. Ich befrage mich, um zu verstehen, einmal frei gewesen zu sein und dabei ohne Ahnung gewesen zu sein. Wie ein Narr, der in die Welt hinausschreitet, ohne Furcht, ohne Vorsicht, voller Freude. Doch der Weg führte mich hinein in die Erfahrung, in die Erkenntnis und die Versehrung. Das wollte ich erfahren. Das führte ich herbei. Und das diesem Entsprechende, auf einer höheren Ebene, werde ich herbeiführen, um mich zu entwicklen, um daran zu wachsen. Es wird, so befürchte ich, niemals aufhören, es gibt keine Rast, keinen Frieden, keinen Moment des geborgenen Durchatmens. Doch noch laufe ich, noch bewege ich mich, noch bringe ich die Kraft auf, wie ein Narr blind zu werden für das, was kommen mag. Begegnungen und Bedrängtheiten überlagern sich an diesem Ort und dann noch etwas, was hinzugelangt in diese Sphäre, in diesen energetischen Raum. Es ist der Trost. Ich empfing den Trost der Wurzeln, den Trost des sich kräuselnden Wassers, den Trost des Prallhanges. Auch dieser Moment wahrhaftig und wahr. Ich konnte verstehen, in der Tiefe. Das mich betreffende, ganz ohne Worte über den Blick auf das Wasser, die Bewegungen der Oberfläche, das Spiel des Lichtes auf der sich wölbenden Oberfläche und mein Gefieder begann zu schillern, schwarz und violett. Ich bin bemüht, mich zurückzuziehen und den Ort zu reinigen von all den von mir hereingetragenen Energien, auch von der reinen Begegnung, denn wir müssen uns vorstellen, dass auch all die anderen Menschen, die hier eintreten, ebenso begegnen, sich erleichtern, sich trösten lassen und das über die Zeit hinweg.

Und darum laufe !

Von dem Gebrauch eines Ortes

So fremd mir die Formulierung erscheint, es schließt sich ein Gedanke an: Etwas kann durch den Gebrauch veredelt sein. Etwas kann durch den Aufenthalt eines Läufers, an Schönheit gewinnen. An Reinheit und Harmonie. Von diesem Geist erfüllt, könnte dieser Wald, auch für andere spürbar, zu einem aus sich selbst heraus strahlenden Ort werden oder zurückfinden zu der aus sich selbst heraus strahlenden Kraft, die dieser Ort einmal besaß. Hierin vertieft, in diese Gedankenwelt, stolpere ich über eine leere Flasche, die hier zurückgelassen wurde. Ich tue, woran ich schon öfter gedacht habe, bücke mich, hebe die Flasche auf und laufe weiter. Zuerst geht es darum, den Müll herauszutragen aus dem Wald. Ganz einfach. Ein Fetzen Papier, eine Tabakverpackung, eine alte Schuhsohle, schnell ist meine Hand gefüllt. Und so laufe ich mit dem Müll in der linken Hand und trage ihn hinaus zu dem nächsten Mülleimer auf meinem Weg. Ein erhebendes Gefühl erfüllt mich. Von nun an mag sie sich füllen auf jedem Lauf, die linke Hand.

Und darum laufe!