Endlichkeit

Das Versprechen, es ist, dass in dem Vertrauen darin, dass es eine Erlösung gibt, jetzt hier in diesem Moment die Angst sich löst. Die Angst vor dem Ungewissen, dem Unbekannten, dem Ungeahnten, dem Unausdrückbaren, dem Erschreckenden und darin wird die Erlösung wahr, hier und sofort. Die Erlösung, ihr entgegenzustreben, all die Mühsal und Schmerzen zurückzulassen, das ist doch nur natürlich und nachvollziehbar. Und so lebt ein Mensch unvernünftig, riskant, an den Grenzen des Seins, strebt den Gipfeln entgegen, taucht hinab in die Tiefen und riskiert die Bewusstlosigkeit. Doch all das, nicht ohne der Aufgabe zu begegnen, die dem Menschen aufgetragen war. Die Aufgabe zeigt sich deutlich, ganz besonders an den Grenzen, nahe der Bewusstlosigkeit und sie kann sein: Die Angst zu erfahren in all ihren Ausprägungen und in ihrer würgenden Kraft, die Einsamkeit zu erfahren, die Ausgestoßenheit. Die Aufgabe kann sein: zu erfahren, wie es sich anfühlt, verraten zu werden von dem Freund. Und in diesen Erfahrungen ist alles gut. Kein Mensch ist mit einem anderen vergleichbar, keine Aufgabe gleicht einer anderen. Fern einer Bewertung. Nur der Mensch sebst mag bedenken und zurückschauen und für sich den Frieden oder den Unfrieden mit sich selbst finden. Doch zuvor sieht dieser Mensch vielleicht, wie er seinen Körper verlässt, auf einer Wiese, an einem Wegesrand. Er sieht, wie er sich also ausruht, sich ein wenig niederlegt, in Sportkleidung. Er sieht, wie er seine Füße ein wenig hochlegen möchte, um also aus sich selbst herauszutreten, unter dem Weidezaun sich hindurchzubücken, aufzusteigen, vielleicht 30 Meter, um auf sich selbst herabzublicken. Wie friedlich, wie geborgen, wie schön. Um dann zu verschwinden.

Und darum laufe!

Möglich

Quelle ich war, so sehr, und doch: ich bemerkte es nicht. Doch jetzt verstehe ich, wie sehr ich Quelle war, als ich lief, vor Jahren bereits. Wie sehr ich die Quelle war, aus der heraus das lebendige Wasser entsprang. Es nicht wissen konnte, weil zu wissen, ich damals nicht hätte fassen können. Und heute, beides ich weiß: Quelle zu sein und auch schon in Jahren Quelle gewesen zu sein. Und heute ich beides fassen kann. Erkenntnis ist möglich, Veränderung ist möglich, Wachstum ist möglich, .

Und darum laufe!

Tunnel

Einmal, denke ich, gehe ich diesen Tunnel hinauf. Es wird ganz einfach sein, leicht und frei. Und ich erheitere in dieser Vorstellung, nehme ich doch eine unvorstellbar große Anzahl an Tunneln wahr, die ich bereits hinaufgegangen bin. Jeder Moment erscheint mir wie ein Tunnel, mal leicht mal mühsam oder widerwillig beschritten. Auch geängstigt oder zornig. Die Endlichkeit als eine Vorstellung des Moments. Wie heiter, dass der Moment soetwas gebiert wie eine Vorstellung von Endlichkeit.

Und darum laufe!

Versiegt

Die mir vertraute Quelle am Wasserfall tief im Wald ist versiegt. Trotz der Regenfälle des WInters, der Niederschläge der letzten Wochen, rinnt aus ihr kein Tropfen mehr. Und ich denke: Warum nur ist dieses Schweigen in mir? Warum nur ist die innere Stimme verstummt? Kein Hinweis, kein Rat, keine Erläuterung, keine Offenbarung. Dort ist nur Schweigen und ich ermutige mich zu glauben, dass das Schweigen die eigentliche Botschaft ist. Dass alleingelassen ich mich fühle, weil der tiefe Wille keine Beeinträchtigung erfahren darf. Und dass ich mich entscheide, in welche Höhen ich gehen mag oder in welche Tiefen hinab ich sinken möchte. Und dass im Hochmut des Erfolgs der Fall sich ankündigt und dann die Quelle schon zu mir sprechen wird. Und dass völlig zu Asche geworden, die Quelle von dem Phoenix künden wird zu dem ich werden mag. Ich rede mir gut zu, darin zu vertrauen, dass alles richtig ist. Alles ist gut!

Und darum laufe!

Unrecht

Bin ich ausgeruht, ausgeschlafen, so bin ich in der Lage, etwas zu sehen. Ich bin in der Lage, etwas zu erkennen, dann zu verstehen. Ich kann versuchen in eine Beschreibung fliessen zu lassen, was ich glaube zu verstehen. Ein Unrecht es ist, einen Menschen zu zwingen in die Unausgeruhtheit. Ein Unrecht es ist, dem Drängen nachzugeben und unausgeruht zu existieren. Ein Unrecht, das Unrecht gewähren zu lassen.

Und darum laufe!

Nicht sein

Dem sich erkennenden Wesen, seiner Selbst bewusst und darin verwirklicht, ist die größte Angst, nicht mehr zu sein. Zumal eben erst das Sein erkannt und darin errungen ist. Das Nicht Sein also – der Tod ist es nicht, verachtet ebenso wie das Sterben, die letzten zum Tode führenden Züge des Atems auch über Jahre hinweg. Das Nicht Sein, es ist das, was eintreten mag, wenn der Raum geöffnet ist, indem ein Mensch von dem eben errungenen Sein ablässt. Es loslässt, sich loslässt, um sich zu erhöhen in dem Aufgehen im Unbekannten. Viele Formen sind möglich, hohe und niedere. Zu Bewundernde ebenso, wie Verabscheuungswürdige. Und auch der Wunsch sich zu erniedrigen mag ausgekostet sein, wenn ein Mensch dies erfahren möchte. Die größte Angst und zugleich der größte Ruf, denn die Erweiterung des Seins ist nur dort möglich, wo das Sein glaubt an seine Grenze gelangt zu sein. Bin das Ich? Das bin ich! Jenseits davon, etwas anderes. Zieht es mich an? Ruft es mich? Ja, ganz offensichtlich. Warum also nicht? Wäre dort nicht die Angst …

Und darum laufe!

Langeweile

Das als langweilig bezeichnete, es mag ja eine wiederkehrende Sache sein. Und doch wirkt das Wiederkehrende in mich hinein. Das ist der als langweilig empfundene Moment. Ein Moment, der Unlust erzeugt, unangenehme Gefühle und den Wunsch nach Veränderung. Und die Veränderung liegt in weiter Ferne, sie ist nicht zu sehen, so scheint es. Stampfen, Laufen, Rascheln, Atmen und Licht. Schon in diesem, aus dem Moment heraus sich lösenden Gefühl der abklingenden Langeweile, die sich ja verflüchtigt, ohne dass ich tatsächlich bemerke, ist die Welt gewandelt. Eben denke ich noch, es sei Langeweile und schon springt sie mich an, die Farbe des Laubes auf dem Weg. Noch nie habe ich Farbe so gesehen. Noch nie die feinen Abstufungen, mit denen das Laub spielt, gesehen. Die Langeweile wirkt also in mich hinein und verfeinert meine Wahrnehmung. Die Whrnehmung von dem, was ja da ist, wie es eben war und nun nicht mehr Langeweile ist. In mir etwas sich wandelt, ganz unmerklich. Sie ist zu unrecht verachtet, die Langeweile, sie ist unterschätzt, die Langeweile.

Und darum laufe!

Konstante

Das Laufen als eine Art Konstante, an der ich mich mir selbst annähern kann. Verunsicherungen kann ich in ihrer Tiefe in Beziehung setzen zu dieser Konstante und erfahre also, wie weit ich herausgefallen bin aus meiner Routine, wie ich mich also wandele, zurückfalle in alte Muster der Unfreiheit, in Süchte und die Betäubung meiner Selbst. Es ist nicht nur und nicht hauptsächlich eine Konstante in Bezug auf die Zahlen, die Distanzen und Zeiten ausdrücken. Zuerst ist es eine Konstante des Empfindens, des Gefühls. Fühlend zu verstehen, wie ich ehemals fühlte. Auch, dass das Fühlen keiner Alterung unterliegt. Zu fühlen, wie es ist, zu beginnen, sich zu erfreuen daran, wie es ist, aus der Mühsal der Anstrengung herauszugelangen in die Leichtigkeit einer Bewegung. Es ist dieses Gefühl, zu dem ich zurückkehre und es vermittelt mir eine tiefe Geborgenheit. Ich erinnere, als Kind und auch als Jugendlicher noch ungeübt etwas ausgehalten zu haben, die eigene Grenze verschoben zu haben. Ich gelangte damals in ein höheres und zugleich tieferes Vermögen und es ist ganz genau dieses Gefühl, welches mich heute trägt.

Und darum laufe!

Begrenztheit

Das Laufen als eine Form, sich zu begrenzen. Zu Sprechen ist kaum möglich, ist die Geschwindigkeit hoch. Der Gruß sogar, die erwartete Form, entfällt. Und so bleibt dem Laufenden, ein wenig, den Atem zu gestalen. Die Haltung, die Art und Weise, den Fuß aufzusetzen auf die Erde. Es bleibt, darin zu variieren, zu spielen und es bleibt, angemessenes zu denken. Angemessen ist, was sich begrenzt, sich selbst beherrscht. Nicht ausufert in Schwere und Scham. Ich versuche mein Denken zu zügeln. Mein Denken versucht, sich selbst zu zügeln. Es versucht, sich zu begrenzen, weil, wenn dies gelingt, so antwortet der Körper mit einer größeren Empfänglichkeit. Die Energien der Umwelt strömen nur so ein und alles läuft sehr gut. Von der Umwelt getrennt zu sein, ist eine Empfindung, die nun völlig aufgelöst erscheint.

Und darum laufe!

Der Wechsel

Mein Laufen ist Teil von etwas Anderem. In dem Bestehenden realisiere ich das Laufen. Es ist ein wenig mit einer Mühe verbunden und immer begegne ich einem inneren Widerstand. Den Widerstand zu überwinden, kostet mich etwas. Doch die Belohnung ist mir gewiss. Der Widerstand steht immer zwischen dem Einen und dem Anderen. Das Laufen und das Sein. Das Laufen ist eingebettet. Es hat seinen festen Platz. Eine Art Routine ist etabliert. Ein bestimmter Wochentag, diese oder eine andere Strecke, am Morgen oder am Abend. Jetzt erhöhe ich die Frequenz, ich laufe häufiger als jemals zuvor. Die Tage, an denen ich laufe, nehmen zu. Die anderen nehmen ab. Ich gewinne eine andere Perspektive und das Eine und das Andere stehen in ihrer ausstrahlenden Energie einander gleichberechtigt gegenüber. Die Kraft des Laufens strahlt aus hinein in den Bereich des Nicht-Laufens. Nun lasse ich das Nicht-Laufen zu einem Teil des Laufens werden. Und alles ist gewandelt. Andere Gesetze gelten. Das ist wohltuend. Wie leicht das ist!

Und darum laufe!