Lichtflecke

Lichtflecke und die sie umgebenden Bereiche. Bewegt und unfassbar, changierend, ein Flimmern nur. Ein flimmernder Eindruck, der wie berauschend wirkt, mich von mir entrückt in einen Zustand, den einzufangen Menschen sich vor mir bemüht haben. Von Lichtfleck zu Lichtfleck laufe ich, ihn zu begrüßen, immer wieder, erneut. Und ich verliere mich darin völlig. Und ich verstehe, wie einmalig dieser Moment, des späten Sommers ist, an dem durch die zuvor abgeregneten Wolken die Sonne hindurchtritt hinein in den warm dampfenden Wald. Wie unwiederholbar all dies! Dieser einzigartige Moment wahrgenommen in dem einzigartigen Zustand der Empfanglichkeit.

Und darum laufe!

Laufender Mann

Ratlos ich bin und ermahne mich, langsamer zu laufen, wo ich doch getrieben zuvor mich mühte, schneller zu laufen. Schneller als die Ratlosigkeit, um ihr zu entkommen. Doch mein Körper ist erschöpft von der hohen Geschwindigkeit und ich gebe nach, laufe langsam, ganz langsam. Ich stehe fast und doch erreiche ich vor mir auf dem Weg eine Schulklasse. Ich setze an, sie auf dem schmalen, unebenen Weg zu überholen. Ich ziehe an der langezogenen Gruppe junger Menschen vorbei, die sich freudig unterhält, die Kühle des Grundes ausgelassen genießt, so wie. Ich schlängele mich um die Schüler herum, weiche aus und eine Stimme aus dem hinteren Teil der Gruppe ruft: Achtung, laufender Mann! Die Stimme ermahnt die Vorderen, den Weg freizugeben. Laufender Mann! Ich fühle mich genau so. Ich fühle mich sachlich und würdig beschrieben und zugleich angesprochen. Einfach und wahr fühle es sich an, richtig und angemessen. Kein Unterton, kein Spott, keine Häme. Einfach: Laufender Mann! Was ist nun mit der Ratlosigkeit?

Und darum laufe!

Kotau

Sich niederwerfen, den Kopf auf den Boden stoßen vor etwas, welches der Ehrerbietung würdig wäre. Etwas also zu suchen, welches makellos wäre, vollkommen makellos, um in gebührendem Abstand, fern von jedem Zweifel, ferner noch von jeder Kritik, sich niederzuwerfen. Die sogenannte Große Verbeugung, die Volle Verbeugung. Und so vergeht mein Leben auf der Suche nach dem Ort, dem Moment, der Gelegenheit, der Persönlichkeit, vor der eine solche Niederwerfung möglich wäre. Ohne Heuchelei, ohne Furcht oder Angst, völlig aus dem inneren Empfinden heraus. Und so vergeht mein Leben in wiederkehrenden Enttäuschungen, denn menschliches ist Menschliches. Heilige Orte habe ich gesehen, ganz sicher. Erhabenheit, den Sternenhimmel, aber, ohne die innere Haltung, welche sich müht um diese Begegnung, habe ich auch eine völlige Leere empfunden. Mein Weg, er ist sich hinzu zu bewegen auf die Bereitschaft, sich zu verneigen. Ich kann mich vor Dem-Sich-Verneigen verneigen. Denn darin wird es wahr, das Heilige.

Und darum laufe!

Wärme

Die für den Tag vorhergesagte Wärme hat den Grund noch nicht erreicht. Die kühle Luft der Nacht hat sich bewahrt. Ein warmer Hauch trifft mich inmitten der Kühle. Die wärmeren Luftschichten sind hineingeweht und verwirbelt. Eine Schulklasse vor mir auf dem Weg. Und ich denke: Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht, wie es sich anfühlt, von einer wärmeren Luftschicht getroffen zu werden? Was gibt es für sie zu lernen, wenn nicht das, was sie am eigenen Körper erfahren?

Und darum laufe!

Regen

Da sind die Bäume, die die Dürre überstanden, die Austrocknung des Bodens erduldeten, sich in dem Sand festkrallten, um nun im lang ersehnten Regen umzustürzen. Als würde, was so lang ersehnt war, zugleich ihnen etwas existentielles nehmen. Der vertraute Kampf, der so sehr zu einer Normalität geworden: Ihre zweite Natur. In seinem Wegfall löst sich nun auch der Sinn. Alles löst sich. Den sanften Übergang will ich ihnen wünschen.

Und darum laufe!

Freude

Ich denke, denke in Gedanken. Einzeln, sich abzeichnende Gedanken aus einem Strom heraus. Gedanken, die eine Gestalt annehmen, noch bevor sie in Worten formuliert sind. In Sätzen oder in einer ganzen, jetzt schon in diesem Moment ausformulierten Seite von Text, die den Kern des Gedankens umkreist und zugleich wie ein Pfeil auf ihn abgeschossen ist. Dies also unausgesetzt und ich forsche an dieser unausgesetzten Gedankentätigkeit, um dem Moment des Vergessens zu begegnen. Als wäre der Gedanke geradezu bewältigt und abgelegt, vielleicht sogar aufgelöst dadurch, dass er gedacht war. Und in mir bleibt eine überraschte Leere. Ich, der diesen Gedanken gedacht hat, der diesen Gedanken doch zurücktragen wollte, ich bemühe mich nun also, diesen Gedanken wieder zu erinnern. Ist er völlig aufgelöst, oder nur abgelegt? Sodass er aus einem geheimnisvollen, nur mir zugänglichen Archiv, wieder hervorzuholen wäre? Und jetzt also die Freude. Schritt um Schritt ein freudvoller Lauf, denn es ist auch heiter, dass etwas in der Lage ist, zu verschwinden, sich aufzulösen. Etwas ist in der Lage, gelebt zu sein. Etwas war gelebt und ist nun nicht mehr. Auch dies ein Gedanke, doch ich spüre ihn, erfahre ihn ganz deutlich. Er ergreift und erhebt mich mit dem Versprechen, selbst einmal gelebt zu sein. Freudig zu erkennen ist, es ausgekostet zu haben in dem Gedanken, der nun nicht mehr ist. Doch ich bin. Ich bin und ich war. Ich bin heiter, unteilbar und wahr.

Und darum laufe!

Vergebung

Als Getriebener zu laufen belastet. Es belegt mit Schwere. Die Schwere ist hineingetragen in den Wald. Es ist immer ein Laufen hinein in dem Moment, in dem die Schwere sich von mir löst, von mir abfällt. Und sie tut dies stets an einem ganz bestimmten Ort. Ich kann diesen Ort benennen. An ihm habe ich auch ganz bewusst versucht, all das an Begegnungen mit Menschen abzuladen, was zu lösen mir nicht möglich war. All das, was mich ängstigte, was mich bedrohte, was zu mächtig war. Zwang, Abgrund, Finsternis. Ich spreche von einer Lebensbedrängtheit. Und nun dieser Ort, an den ich immer wieder gelange. Ungefähr vier Kilometer entfernt, eine Brücke. Am diesseitigen Ufer es sich also staut und es bleibt hier abgeladen und darin voller Energie. Die Zeit verändert hier kaum etwas. In mir muss ich etwas wandeln, verstehe ich, denn dieser Ort ist belastet und er bleibt es auch. Ich muss etwas verändern in mir, das wird mir deutlich. Ich kann die Gesichter des Unrechts nicht vergessen, die wolllüstige Macht, der Anblick der Freude an der Erniedrigung, die ich erfahren habe. All das ist hier gespeichert. Und die Belastung des Ortes schlägt jedesmal wieder, wenn ich hierher gelange, auf mich zurück. So sehr, dass ich mich an manchen Tagen dem nicht gewachsen fühle und den Ort deshalb vermeide. Es ist etwas zu tun, verstehe ich. Lang genug habe ich es aufgeschoben. Lang genug mir die Kraft es aufzuschieben genommen und abgezogen von dem, was ich doch eigentlich will. Vielleicht bin ich jetzt bereit, zu vergeben. Vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor. Doch es geht mir schlecht genug, um nun hier anzukommen und der Sache gegenüberzustehen. Mehr noch, die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, den Schmerz anzunehmen und die Unfähigkeit, den mir zugefügten Schmerz denen zu vergeben, die ich glaube verantwortlich machen zu können, oder zu müssen – diese Unfähigkeit muss hinabführen. Das verstehe ich jetzt, in diesem Moment. Etwas abzulegen, am Fuße der Brücke, tief im Wald, es mag helfen, über die Zeit zu kommen. Es mag helfen, Kräfte zu sammeln, weitergehen zu können. Doch es löst nichts. Alles kommt zurück, alles wartet darauf, gelöst zu werden, weich zu werden, zu Dankbarkeit zu werden. Denn ich habe gelernt, von meiner Naivität zu lassen: Das also gibt es auch! Ich habe gelernt, die Welt realistischer zu sehen, ohne aufzugeben, wofür ich stehe. Ohne aufzugeben, wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube. Und volleds lösen wird es sich nur, wenn ich schließlich mir selbst vergebe. Wenn ich mir vergebe, so unfähig gewesen zu sein. Mir vergebe, so viele Jahre die Schwere an diesem Ort bewahrt zu haben. So viel Energie geopfert zu haben, nur um mich einzurichten im Himmelreich der Ohnmacht. Mir selbst also vergeben … , wie schön ist dieser Gedanke! Und er beflügelt mich. Ich atme tiefer, ich erfahre in diesem Moment, wie die Energie in mich einströmt, wie sie zurückkehrt und zudem, wie die Energie meiner Umgebung in mich einströmt. Ich nehme die Energie auf, die diesen Wald erfüllt. Und ich laufe, Steigung um Steigung, werde schneller, ganz unerwartet, kann ich die Geschwindigkeit aufrecht erhalten. Und ich strahle vor mich hin.

Und darum laufe!