Das Lächeln

Ich laufe zu allen Zeiten und frage mich, nach dem Einfluß der Tageszeit auf das Laufen. Ich frage mich, nach dem Einfluß auf meine Gedanken. Es gibt Dinge die am Tag gelingen, in der Nacht hingegen nicht. Und umgekehrt. Der Morgen ist mir die Zeit des Einatmens, die Zeit des ansteigenden Lichts. Oft bin ich in ihr in einer getriebenen Form gelaufen, das Gold des Morgens zu ergreifen. Der Abend ist mir die Zeit des Ausatmens, die Zeit des sich zurückziehenden Lichtes. Oft bin ich in ihr in einer Art von Ruhe gelaufen, das Gold des Abends von mir zu geben. Die Nacht ist mir die Zeit der Atempause, der verborgenen Ruhe. Ich bin in mir verborgen und im Reich der Träume, ganz verwoben und distanziert zugleich. Sie ist erkenntnisreich, bevölkert von Tieren und Visionen. Der Einfluß, ich erkenne ihn immer dann, wenn ich zu ungewohnter Zeit aufbreche, ist gewaltig. Mich von dem Einfluß der Tageszeit unterstützen zu lassen, ist eine hohe Kunst. Einmal war ich verspätet, der Morgen schon am Schwinden und ich bemerkte tief im Wald war der Morgen noch am Wirken. Darin eine Forschung, sie ist eine um die Zeit aber auch eine um das Selbst und meiner Verbindung mit der Energie, die in den Tagesphasen herrscht. Gegen sie zu laufen, gelingt nicht. Mit ihr zu laufen, offnet das Tor zur Harmonie. Das Ergebnis dieser Forschung steht bereits fest. Es ist keine Regel oder Gesetzmäßigkeit, es ist das Lächeln.

Und darum laufe!

Der Wechsel

Mein Laufen ist Teil von etwas Anderem. In dem Bestehenden realisiere ich das Laufen. Es ist ein wenig mit einer Mühe verbunden und immer begegne ich einem inneren Widerstand. Den Widerstand zu überwinden, kostet mich etwas. Doch die Belohnung ist mir gewiss. Der Widerstand steht immer zwischen dem Einen und dem Anderen. Das Laufen und das Sein. Das Laufen ist eingebettet. Es hat seinen festen Platz. Eine Art Routine ist etabliert. Ein bestimmter Wochentag, diese oder eine andere Strecke, am Morgen oder am Abend. Jetzt erhöhe ich die Frequenz, ich laufe häufiger als jemals zuvor. Die Tage, an denen ich laufe, nehmen zu. Die anderen nehmen ab. Ich gewinne eine andere Perspektive und das Eine und das Andere stehen in ihrer ausstrahlenden Energie einander gleichberechtigt gegenüber. Die Kraft des Laufens strahlt aus hinein in den Bereich des Nicht-Laufens. Nun lasse ich das Nicht-Laufen zu einem Teil des Laufens werden. Und alles ist gewandelt. Andere Gesetze gelten. Das ist wohltuend. Wie leicht das ist!

Und darum laufe!

Denken

Ich denke. Und ich bin mir dessen in diesem Moment ganz bewusst. Und nun erhebt sich ein Bild. Ich sehe mich, wie ich an dem Bach in dem Wald sitze und auf das vorbeiströmende Wasser schaue. Der Bach ist angeschwollen. Es hat viel geregnet in den letzten Wochen und das Wasser eilt an mir vorbei. Unablässig strömt es in eine Richtung. Ein kleiner Wasserfall und hier ein Felsbrocken auf den das Wasser stürzt. Ich beobachte einen Wassertropfen, wie er sich energiegeladen in die Luft erhebt, eine Laufbahn beschreibt, um dann an anderer Stelle wieder in den Strom des Wassers einzutauchen. Dieser eine, dann ein Anderer und ein Weiterer. Immer wieder werden an dieser Stelle Wassertropfen herausgeschleudert, um zu fliegen und dann wieder einzutauchen, wieder zu verschwinden. Der Tropfen, er mag ein Gedanke sein, herausgeschleudert, herausgehoben, von großer Klarheit und Kühle. Seine Form ist ganz ebenmäßig. Und noch während er fliegt, bewegt sich unter ihm der Strom des, ihn ehemals bergenden, Denkens. Um den Tropfen herum, um den Gedanken, das tosende Rauschen des Wasserfalles. Das Rauschen, so laut, dass der Klang des wieder Eintretens dieses einen Tropfens in den großen Strom nicht zu hören ist. Die Frage bleibt offen, wie noch das Denken zu beschreiben ist. Doch das Bild der Gleichzeitigkeit empfinde ich als treffend. Das Bild der Herausgelöstheit dieses einen Gedankens empfinde ich als ebenso treffend. Der Strom und der aus dem Strom herausgeschleuderte Wassertropfen. Geborgen in dem tosenden Rauschen. Und dann der betrachtende Mensch. Und die rahmende Vorstellung von all dem.

Und darum laufe!

Regenschirm

Es regnet in der Kühle des frühen Jahres. Und ich kleide mich so, dass die Regentropfen an mir abperlen. Ich kann mich lange Zeit bewegen unter den dunklen Wolken, ohne auszukühlen. Über mir Wolken, die sich stet und ergiebig abregnen. Streifen in Grau und Dunkelgrau. Ein mich schirmender Regen, denn kein Mensch begegnet mir. Alles ist weit entfernt. So weit, dass ich fühle, was es bedeutet, allein zu sein. Und dieses Fühlen, es ist überhaupt nicht leidvoll. Eine tiefe Geborgenheit darin. Ein mich schirmender Regen, denn meinem Gefühl, es entspricht der zum Boden geneigten Haltung, dem auf die Erde gewandten Blick, der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit. Ich atme aus und laufe in meine Atemwolke hinein. Immer wieder. Mehr ist es nicht. Der Wald ganz allein für mich, ich ganz allein für mich. Eine Sehnsucht erfüllt sich. Es rührt mich, zu bemerken, wie groß diese Sehnsucht war, wie lang sie wohl schon existierte. Es klart auf, die Sonne dringt hindurch. Wie schade, denke ich schon ist es wieder vorbei. Das Gefühl, noch ist es nicht völlig erlebt, erfahren.

Und darum laufe!