Der eine Tropfen

Trink nicht zu schnell, das Rinnsal zu mir spricht. Die Quelle ist stet und kühl, so, dass die zu einer Schale geformte Handinnenfläche schneller gefüllt ist, als ich dachte. So, dass die ganze Hand von der Kühle des Wassers durchzogen ist. Handinnenfläche um Handinnenfläche sauge ich ein und stille meinen Durst. So, dass meine Stirn zu schmerzen beginnt. Doch es gibt keinen Grund zur Eile, es herrscht kein Mangel. Alles was aus ihr hervorrinnt ist verfügbar und rein und licht und klar. Es ist mehr als ich je aufnehmen kann. Der einzelne lichte Tropfen all dessen enthält alles, was sie spenden kann. Den einen Tropfen kosten zu können, das ist es!

Und darum laufe!

Zwei Menschen

Zwei Menschen sitzen, einander zugewandt, auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes. Ein umgelegter Baumriese, auf dem Flechten und Moose wachsen. Auf dem das Moos einen weichen Platz bereitet. Ich laufe vorbei. Einander sind die beiden Menschen in Liebe zugeneigt. Das leben geht weiter.

Und darum laufe!

Zeugenschaft

Das lang erstehnte, ist es einmal erreicht, so stellt sich Enttäuschung ein. Der Mensch war doch inspiriert auf seinem Weg. Dort zwischendrin, in der Härte, die er gegen sich selbst bereit war zu führen, in dem Moment, in dem er über sich selbst hinausging, die Grenzen seiner Selbst erweiterte, in der tiefen Bereitschaft völlig abzulassen von sich selbst, dort war das Himmelreich. Doch ihm wird es jetzt erst deutlich, das nichts davon festzuhalten wäre und die Illusion, mit dem Erreichen des Zieles, in das Glück einzutreten, sie offenbart sich sofort. Ein kurzer Rausch vielleicht, ein Hochgefühl, und schon ist es und alles schal. Vielleicht ein auslaufen der anbrandenden Welle am Küstensaum, dann ein Moment im Schaum des sich zurückziehenden Wassers und schon ist sie da, die Enttäuschung, die Ernüchterung, die Depression. Aus ihr heraus der Mensch sich aufmacht auf die Suche nach dem nächsten Ziel, nach der nächsten Illusion. Immer weiter, ein getriebener Mensch. Hat er je gelebt? Trainigspläne also, und so werden Zeiten eingetragen, Umfänge und Ruhepausen geplant und eingehalten. So also werden Widerstände überwunden und die Erweiterung des Selbst wird erfahren. So also habe ich meine Leistungsfähigkeit steigern können. Im Verlaufe dieser Einheiten. Eine Heiterkeit! Der Körper ist belebt, der Schlaf ist tief und erholsam, die Erschöpfung ist wohlig ausgekostet. Auch zu erfahren, an sich selbst, wie der eigene Körper funktioniert und heranzugehen an den Moment der Unlust, die einmal überwunden, zu einer Art Portal wird. Ein Portal in die nächst Dimension, in die Herausgehobenheit. Illusionen und Widerstände. Der Widerstand ist die Wahrheit und sie ist allen gleich, auf welchem Niveau auch immer. Aus sich heraus den persönlichen Widerstand zu überwinden, das ist was wir erreichen können. Einmal erfahren, werden wir süchtig danach, denn es ist das Himmelreich! Wahr und schön, berauschend und alles Andere, als eine Illusion. Das zu erfahren ist sofort möglich, es braucht nicht einmal eine Zeugenschaft, kein Publikum. Niemand dessen Aufgabe es wäre anzuerkenen.

Und darum laufe!

Transparent

Eine Verpflichtung mich ruft und im Gehen blicke ich auf den Park, in dem ich am Vortag meine Runden drehte. EIn paar langsame, weil ich schneller nicht konnte, dann eine schnellere, die sich wie von selbst, aus sich selbst heraus ergab, dann eine in der ich den Mut fasste, auszuprobieren, was mir wohl möglich wäre, dann eine zum Verschnaufen, für die Langsamkeit, um dann in der höchsten mir möglichen Geschwindigkeit zu fliegen, den paar verbleibenden Metern entgegen. So hatte ich es erlebt am Tag zuvor. Und nun also die Verpflichtung, die mich ruft, das Warten auf die Strassenbahn und der Blick in den Dunst des kühlen Morgens, der über der Wiese steht, um die herum die Bahn sich windet. Und in diesem verharrenden Moment verstehe ich ganz deutlich und klar: Dort bin ich! Dort an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit, dort wo ich mich selbst herausfordere, mich ansporne und mich selbst belohne mit der Erfahrung des Ertrags, mit den Früchten des Trainigs, der Erweiterung meines Vermögens. Dort bin ich, und ich komme mir nah, ziemlich nah, ich kann mich, der ich doch von mir selbst immer noch getrennt ist, spüren, ich kann meinen Atem spüren, zudem den Atem meines anderen Selbst, welches vor mir läuft. Ich kann mich mit mir selbst gerade so eben, für diesen einen Moment in Übereinstimmung bringen. Zwei Bilder, transparent, in Deckung gebracht, zu höherer Deutlichkeit gebracht. Die Unschärfe des Selbst ist wie vergessen. Dort bin ich, ich spüre es ganz deutlich und es zieht mich etwas wie magisch dorthin. Und solcherart angezogen zu sein, ist freudig, fröhlich, lebendig und schön. Wenngleich ich mich in diesem Moment ein wenig gezwungen fühle, dorthin werde ich streben. Wannimmer ich die nächste sich mir bietende Gelegenheit erkenne. Ich weiß es ganz genau. Ich werde dorthin streben. Vielleicht bin ich gerade abgehalten durch etwas, eine Verpflichtung. Doch dort, das bin ich und ich werde es erleben, Ich zu sein.

Und darum laufe!