K-Steig

Markierte Bäume auf dem Weg, kreideweiße, rechteckige Felder mit Zeichen und Buchstaben beschriftet: Z, A, oder auch K in roter Farbe. Abkürzungen dazu, wie St. für Steig und immer wieder bin ich überrascht, auf einem markierten Weg zu laufen oder eine neue Markierung an einer Weggabelung zu entdecken. Und immer wieder entscheide ich kurzfristig an der Weggabelung, den Weg zu nehmen, dessen Bezeichnung sich mit mir, mit meinem Namen in Beziehung setzen lässt. Und so biege ich ein auf den K-St., den Steig, der mit dem elften Buchstaben des Alphabets bezeichnet ist. Es ist mein Weg, ich bin auf ihm ganz allein und in Übereinstimmung mit der Bezeichnung. Doch, wo bin ich auf dem Weg? Wo bin ich zu finden, wo mir selbst ganz nah? Wenn es der Weg ist, der für mich bennant ist, der geradezu nach mir benannt ist, was ich bereit bin mir vorzumachen. Wo also nähere ich mich mir selbst auf ihm an? Der Weg steigt an, eine Schlucht, hohe Bäume überragen mich, die tief unter mir wurzeln. Ein Rinnsal dort unten in der Schlucht, Steine und schwerer Atem, bergan, steil, kühl und dampfend. Ich bin ganz sicher hier an diesem Ort und ganz sicher an diesem Ort mir selbst ein Geheimnis. Ich bin mir selbst ein wenig voraus und es fühlt sich so an, als würde ich vor mir selbst weglaufen. Als würde ich wie ein scheues Reh den Abstand zu mir selbst wahren um mich dann von Zeit zu Zeit nach mir selbst umzudrehen, nach mir ausschau zu halten. Zu beschleunigen ist zwecklos. Ich – das Reh – bin viel zu schnell, zu gewandt, zu vertraut mit jeder Wurzel auf dem Weg, als dass ich – der Mensch – mich einholen könnte. Und so tue ich, was ich immer tue: ich senke den Blick, lasse den Weg an mir vorbeiströmen, sodass ich bald ganz in mir versunken bin. Das Reh nun, welches ich selbst ja bin, scheu und behände, es bemerkt, keine Angst vor mir, vor dem jagenden Anteil in mir, haben zu müssen. In Neugier lässt es mich nahe kommen. Es nähert sich sogar an, so wie ich mich dem Reh annähere. Und wir sind dann Lauf und Atem, vertraut, im Einklang, in Übereinstimmung. Wir sind Eins und ohne Zeit, noch Raum. Wir empfangen und spenden, tauschen uns aus, erfahren und erkennen einander und segnen einander. Wir erkennen was wahr ist, und von Bestand. Wir erkennen die Kraft der Seele. Und diese Kraft, sie ist eine, die sich selbst erkennt. Und ich verstehe, dass dieser Weg, nicht nach mir bezeichnet ist, gleichwohl ich mich auf ihm geborgen fühle, ich mich auf ihm finde. Zudem erkenne ich, dass alle erdenklichen Wege, alle mir möglichen Wege, an allen möglichen Orten dieser Erde, Wege sind, die nach mir zu bezeichnen sind, wenn es mir gelingt, mich auf ihnen zu finden. Mich zu finden.

Und darum laufe!

Ohne Rat

Spuren im Schnee, grobstollige Reifen, Vorder- und Hinterrad. Das Schlängeln und Schlingern, der tiefe Kontrast, das in den Schnee gedrückte beschattete Profil. Begleitende Fußspuren drumherum und ich folge den Spuren. Die Fußspuren werden an Anzahl weniger, der Weg führt in die Tiefe des Waldes und zugleich hinauf in die Höhe. Das Verschwinden der Fußspuren neben den Radspuren verdeutlicht den Moment des Sich-Einschreibens in die unberührte weiße Schneedecke in einer unausgesetzten Linie. Das Rad wurde nirgends getragen. Pulveriger und tiefer der Schnee, kälter die Luft, ein weites Feld liegt vor mir. Ich folge hinaus auf das Feld. Der Rabe krächzt, schwarz wie ich hier oben. Das Feld gesäumt von einer Vielzahl an Bäumen, Weite, in des Feldes Mitte ich stehe. Und die Spur endet! Die Spur führt hierher und nicht weiter. Ein Ende in dem weißen Feld, wie ein Rätsel, wie eine Zurückgeworfenheit. Ich auf mich selbst, in mich hinein zurückgeworfen. Wie schön und schrecklich zugleich! Ich kann es weitertreiben und hinausschreiten in diese Kultur der ersten Berührung und zugleich hinausschreiten aus der Kultur der Folgsamkeit. Oder aber es vermeiden. Und verloren bin ich in diesem hauchdünnen Moment zwischen dem Einen, welches Voranweist und dem Anderen welches verharrt. Gelähmt und ohne Rat.

Und darum laufe!