Begriff

Auf dem Höhenweg höre ich das Rauschen des Wasserfalles zu mir herauftönen. Eine lichte Stelle in der Schlucht gibt den Blick frei auf die gegenüberliegende Seite. Und ich blicke. Ich blicke auf die Wipfel der Bäume. Ich beobachte ihre Bewegungen, das Spiel von Licht und Schatten. Ich beobachte das Flirren des Lichtes in dem Geäst, die Ganzheit dieses flirrenden Teppichs an Hell- und Dunkeltönen des grünen Spekturms. Ein in die Tiefe des Raumes reichender Teppich, der so fern ist, dass ich ihn als Fläche wahrnehme. Und ich blicke, bis in mir ein jeglicher Begriff von dem, was ich sehe, verloren geht. Ich blicke und die Auflösung von der Form und der Bezeichnung dieser Form ist vollkommen. Ich besitze keinen Begriff mehr. Es ist dort in mir kein Begriff überhaupt und ich verstehe: Ich bin angekommen.

Und darum laufe!

Der Wald

Ich laufe durch den Wald … und so wie ich es jetzt schreibe, habe ich es bereits hundert Mal geschrieben. Dabei wird mir der Begriff Wald immer fraglicher. Er ist eine Konstruktion, eine Vorstellung nur. Es ist eine Vereinbarung, dass wir Wald schreiben, wenn wir etwas meinen, von dem wir glauben, es würde ungefähr so verstanden, wie wir es meinen. Ich schaue genau hin und sehen einen Baum, einen weiteren. Ich sehe einen Mistkäfer, einen Abendsegler. Ich sehe Farne, Wasser in Pfützen, die feucht dampfenden Schwaden, die in den Bäumen festhängen. Ich bemerke, dass meine Erfahrungen an und mit dem Wald sich wandeln. Der Ort, im Grunde alles an ihm bleibt unfassbar und doch verwende ich diesen Begriff. Alle anderen Begriffe werden über diesen Gedanken hinaus ebenso fraglich. Entscheidend ist für mich dabei im Grunde nur, dass aus der gewandelten Erfahrung, der neuen Erfahrung mit dem Wald, die Befragung des Begriffes entsteht. Neu sehen, Neues versuchen, es kann ein Vorsatz sein. Er kann heiter betrieben sein, freudig und voll Liebe. Nichts ist fest, alles ist beweglich und weich.

Und darum laufe!